Die Weste

von Anner Griem
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Die Weste
 
Anner Griem
 
„Gib mir Deine Hand. Komm, gib mir Deine Hände.“
Sie streckt ihre jungen, festen Hände über dem Tisch aus,
ihm entgegen. Dreht ihre Handflächen nach oben, spreizt
die Daumen ab, bereit, seine Hände zu ergreifen.
Zögerlich hebt er die seinen, verharrt einen Moment, um
sie dann doch den Ihrigen entgegenzustrecken. Er lässt sie
schwer in ihre geöffneten Handflächen fallen. Große, sein
Alter nicht verleugnend könnende Hände. Man sieht ihnen an,
dass er seinen Beruf mit dem Kopf ausübt. Ihre Hände umfassen
die ihr gereichten Hände, ihre Daumen streicheln leicht, fast zärtlich
seine Handrücken.
„Ist es nicht schön, dass wir jetzt hier zusammen in unserem Lieblingscafé
sitzen, gleich unseren Lieblingskuchen essen, Du Deinen Lieblingskaffee
und ich meinen Kakao trinken werden?“ „Aber“, fuhr sie ihre kleine
Ansprache fort, „heute trinke ich zum letzen Mal Kakao, am kommenden
Sonntag trinke ich ebenso Kaffee, eine große Schale gefüllt mit Milchkaffee.“
„Bist Du nicht zu jung dafür?“
Ihre Hände wollen eine unwillige Bewegung machen, kann sie jedoch nicht
schnell lösen, jetzt hält er die ihren fest im Griff. Mit einem Ruck windet
sie ihre Hände aus der Umklammerung, eine leichte Röte überzieht ihr Gesicht,
streicht sich mit der linken Hand eine Strähne ihres Haares von der Stirn.
„Begreife doch endlich, dass ich dem Kakaoalter entwachsen bin, Papa!
Ich bin Sechszehn und kein Kind mehr.“ „Hast Du nicht erst vorgestern
gesagt, ich sei nun eine reife Frucht, zwar noch nicht voll reif, aber doch
schon eine kleine Frau?“
„Psst!“, glühendes Rot überzieht sein Gesicht, hastig wendet er den Kopf,
stellt erleichtert fest. dass niemand zu ihnen herüberschaut, der Ober ist
gerade im Begriffe, das von ihnen Bestellte von der Theke zu nehmen.
„Sprich doch bitte nicht so laut, das ganze Lokal muss es nicht hören!“
„Zweimal gedeckte Apfeltorte mit Sahne, die Herrschaften. Der Kakao
gewiss für die junge Dame?“ Etwas umständlich bugsiert der Kellner das
Tablett mit Kuchen, Kaffee und Kakao um den Tisch herum.
„Ja, den Kakao für sie, den Kaffee für mich, danke.“
„Bitte sehr, die Herrschaften, wünsche wohliges Bekommen.“
Sie hält sich ihre rechte Hand vor den Mund, will ihr Lächeln
vor dem Ober verbergen. Der strenge Blick ihres Vaters trifft sie,
jetzt muss sie lachen, hängt schnell ein fröhlich ausge-sprochenes
‚Danke‘ daran. Nach einer leichten Verbeugung zu ihrem Tisch,
wendet sich der Ober ab und strebt der Theke entgegen.
„Der drückt sich aber geblümt aus, ich musste unwillkürlich lachen,
entschuldige bitte.“
Mit einem jovialen Lächeln nickt er ihr zu, um ihr seine Versöhnlichkeit
zu zeigen, greift nach dem Kaffee und führt die Tasse zu seinem Mund.
„Papa, es fällt mir auf, dass Du immer FÜR SIE sagst, bin ich nicht
Deine Tochter? Dann sage es doch auch! Ich käme nicht auf die Idee,
FÜR IHN zu sagen.“ Sie betont es besonders und äfft, so gut sie es kann,
seine Stimme nach.
„Aber Kind, es ist nur eine Redewendung ohne besonderen Hintersinn.“
Ihn erfasst ein leichtes Unbehagen, will nicht, dass sie so mit ihm spricht,
besonders hier in diesem Café nicht. Er will nur in Ruhe genießen, so wie
er überhaupt sein Leben nur genießen will.
„Papa, jetzt machst Du mich zornig, sage wegen mir Tochter, wenn es Dir
so schwer fällt, mich bei Namen zu nennen, aber bitte nicht Kind.“
Unwillig stochert sie mit der Kuchengabel in der Sahne herum.
„Lass uns die Apfeltorte genießen und nicht streiten.“ Er versucht sich in
einem aufmunterten Lächeln, obwohl ihm nicht besonders Munter zu Mute ist.
„Seltsam, gestern Nacht konntest Du mich mit Kosenamen überhäufen.
Schämst Du Dich hier mit mir?“
 
-Auszug-

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