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Bitte hilf mir

Bild von Anita Zöhrer
Bibliothek

Mir dröhnt der Kopf, alles um mich herum dreht sich. Die Schmerzen spüre ich schon gar nicht mehr. Taub sind meine Glieder, taub für meine Not alle, die mich kennen. Nur, weil mein Vater ein hohes Tier in der Politik ist und Macht und Einfluss besitzt, darf er tun und lassen, wonach ihm gerade ist. Für die kleinsten Vergehen hat er andere bereits ins Gefängnis gebracht, doch bei ihm drückt ein jeder beide Augen zu.

Meine Mutter ist längst fort, verschwunden mit einem alten Jugendfreund. Auch sie hat mein Vater misshandelt, dennoch hat er das alleinige Sorgerecht für mich bekommen. Nicht länger will ich mir seine Grobheiten gefallen lassen. Wenn mir niemand helfen will, helfe ich mir eben selbst.

Ein Leben auf der Straße verborgen im Untergrund der Stadt ist mein einziger Ausweg. Mitten in der Nacht breche ich auf, begleitet von Angst vor dem, was mich dort erwartet. Nicht grausamer als das, was ich bisher ertragen habe müssen, kann es sein.

Unter einer Brücke treffe ich auf meine ersten Leidensgenossen. Verstreut liegen sie am Boden mit dem Wenigen, das sie besitzen. Tränen laufen mir über mein Gesicht bei ihrem Anblick. Was auch immer sie in diese Lage getrieben haben mochte, ist bestimmt nicht im Geringsten besser als meine Vergangenheit. Zögernd nähere ich mich ihnen, möchte mich ihnen anschließen, als lautes Sirenengeheul und Blaulicht mich in die Flucht schlagen.

Ich laufe, laufe um mein Leben. Mein Vater hat meine Abwesenheit bemerkt und die Polizei auf mich angesetzt. Wie ein Verbrecher werde ich nun von ihr gejagt, überall um mich herum tauchen wie aus dem Nichts Beamte mit ihren Spürhunden auf.

Sie werden mich fassen; viel zu viele von ihnen sind unterwegs, um ihnen zu entkommen. In meiner Panik stürze ich mich auf die Straße – direkt vor ein Einsatzfahrzeug. Noch ehe mir klar wird, wie mir geschieht, rammt es mich nieder. Nicht heftig genug ist der Aufprall, als dass er mich tötet und mich so aus meiner misslichen Lage befreit. Ich stöhne und klage, doch nicht nur vor Schmerzen, sondern ebenso vor Panik, wieder zu meinem Vater zurückzumüssen.

„Bitte hilf mir!“, flehe ich den Polizisten an, der zu mir eilt, berichte ihn knapp von meinem Leid. Dass er mir wirklich beisteht, damit rechne ich erst gar nicht, doch ich täusche mich in ihm. Nicht zurück zu meinem Vater bringt er mich, sondern ins Krankenhaus, wo er höchstpersönlich für meinen Schutz sorgt.

Ich bewundere den Polizisten für seinen Mut. Sich gegen meinen Vater aufzulehnen, hat bisher stets schlimme Konsequenzen nach sich gezogen. Umso mehr erstaunt es mich, als ich erfahre, dass mein Freund und Helfer von seinen Kolleginnen und Kollegen Unterstützung erhält.

Nach all den Jahren wagt es endlich ein Gericht, meinen Vater für seine Taten zu verurteilen und ihn hinter Gitter zu bringen. Nicht, dass ich nicht froh darüber wäre, trotzdem enttäuscht es mich, dass nicht schon früher jemand gegen ihn vorgegangen ist. Wie viel hätte meiner Mutter und mir erspart bleiben können.

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