Konferenz

von Conrad Cortin
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Nach der Schulzeit begann Benno eine Lehre als Verlagslehrling. Er ging nicht gerade gern in die Firma, andererseits war er mit dem Job auch nicht ausgesprochen unzufrieden. Nur eines störte ihn erheblich, dass er nie zu einer Konferenz eingeladen wurde. Ihm war durchaus klar, woran das lag. Er war ja bloß Lehrling. Die Einladungen zu den Konferenzen aber ergingen ausschließlich an den Führungskreis. Und abgesehen von Sekretärinnen, die ab und zu zitiert wurden, hatte niemand, der nicht eingeladen war, Zutritt zum Konferenzraum.

Benno malte sich oft aus, was sich dort abspielen mochte. Die Manager schritten mit Pokergesichtern an Benno und seinen Kollegen vorbei und sahen durch sie hindurch, wenn sie nach vielen Stunden aus dem Konferenzraum herauskamen. Anscheinend war das, was sie besprochen hatten, so geheim, dass nichts nach außen dringen durfte. Selbst wenn man das Ohr an die gepolsterte Tür des Konferenzraums hielt, hörte man nichts durch. Es gelang Benno lediglich hin und wieder, wenn eine Sekretärin hineinschlüpfte, einen kurzen Blick durch den Türspalt zu werfen. Mit geschorenem Samt überzogene Sessel, schwarzer langer Konferenztisch, Schwaden von Zigaretten- und Zigarrenrauch. Mehr konnte er nicht erkennen und dieses Wenige erregte erst recht seine Neugier. Benno hatte schon versucht, die Sekretärinnen auszuhorchen und dazu all seinen Charme aufgeboten. Doch sie ließen ihn abblitzen.

Für den Fall er seine Lehrzeit erfolgreich abschließen sollte, hatte Benno einen Wunsch frei. Und er wünschte sich, endlich einmal bei einer Konferenz dabei sein zu dürfen. Dafür wollte er gerne auf die übliche Abschlussfeier verzichten. Wochen vorher, als noch gar nicht feststand, ob er bestehen würde, stellte er einen Antrag bei der Firmenleitung. Dieser wurde nach langem Hin und Her genehmigt; Benno hatte schon nicht mehr damit gerechnet. Allerdings musste er zusichern, sich keinesfalls bei der Konferenz zu Wort zu melden.

Ausgerechnet am Tag der Konferenz verlangte man von Benno, er solle noch schnell drei Klappentexte für Buchneuerscheinungen verfassen. Leider sei dies eilig, es ließe sich nicht aufschieben und schließlich habe er sich doch als Verfasser von Werbetexten bewährt. Deswegen versäumte Benno den Anfang der Konferenz. Die Manager hatten sich bereits zerstritten; ihre Stimmen zitterten vor Erregung und ihre Blicke schossen giftige Pfeile aufeinander ab. Benno hörte aufmerksam zu und staunte über die vielen Fachbegriffe, die er allesamt zum ersten Mal hörte. Und er war nun doch froh darüber, dass er nur Zuhörer sein musste und niemand das Wort an ihn richtete. Wie war es möglich, fragte er sich bestürzt, dass seine Unwissenheit nicht längst aufgefallen war.

Da man sich nicht einigen konnte, wurden die Stimmen der Führungskräfte immer lauter, die Gesten großspuriger, die Fremdwörter fremdartiger. Die Kontrahenten krempelten die Ärmel hoch und drohten sich mit den Fäusten. Einige gingen sogar aufeinander los, worauf sich auch die übrigen Teilnehmer nicht mehr zurückhalten konnten und die Konferenz in eine regelrecht Saalschlacht ausartete. Die gesamte Führungselite rang miteinander und Benno machte nun doch den Mund auf und schlug vor, man solle in Ruhe über alles reden. Aber sie hörten nicht auf ihn. Benno sah ein, dass er in den Augen der Manager nicht ebenbürtig war und zog sich in eine Ecke zurück.

Die Sekretärinnen, die nach und nach hereingeholt wurden, hielten zu ihren jeweiligen Chefs, sie schluchzten, fielen ihren Bossen um den Hals, streichelten sie zärtlich und küssten sie ab. Die Führungskräfte aber erlagen ihren Sekretärinnen, die Hüllen fielen, die Paare wälzten sich auf dem Boden. Benno wendete den Blick davon ab, da ihm das Geschehen zu intim zum Zusehen wurde.

Hinter der Bar am anderen Ende des Raumes erblickte er eine Kollegin, die er lange schon verehrte, der er jedoch seine Zuneigung bisher noch nicht gestanden hatte. Sie erlebte anscheinend zum ersten Mal eine Konferenz; denn sie schaute mit großen, erschrockenen Augen auf die Szene.

Benno verstand nun, warum die Sekretärinnen sich über den Ablauf der Konferenzen ausschwiegen. Die Kollegin, überlegte er, hielt ihn selber sicher für einen Jungmanager und würde sich ihm nicht entziehen können, wenn er sich jetzt an sie heranmachte. Es wäre ein wunderbares Geschenk zum Abschluss seiner Lehrzeit. Benno saß jedoch eingeklemmt zwischen den Tischen und den Stühlen, die man, um Platz zu schaffen, vor ihm aufgetürmt hatte. Wenn er dahinter hervorkroch und an den dicken Bossen vorbeischleichen wollte, packten sie ihn am Kragen und schubsten ihn wieder unter den Tisch in seiner Ecke.

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