Das Erwachen des Einsiedlers

Bild von theowleman
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Mit einem kaum hörbaren Geräusch klopften die dicken Tropfen des Morgentaus auf das hölzerne Fensterbrett des Hauses am Waldrand. Auch die Sonne streckte ihre ersten Strahlen auf die noch verschlafenen Wiesen aus und erhellte die dunklen Fichtenwälder mit fahlem Licht. Da raschelte und regte sich so allerlei im Unterholz und die ersten Vöglein empfingen freudig den Tag, wie Kinder die heimkehrende Mutter. Sanft strich die Morgenluft über die kühlen Steine des Bächleins und ließ die Wasseroberfläche lustig tanzen, sodass die allzu gewöhnlichen Kieselsteine wie die schönsten Diamanten längst vergessener Königinnen leuchteten. Hier und da erklang ein verdächtiges Plätschern und ließ erahnen, dass wohl ein Fischlein zur Begrüßung des herrlichen Morgens munter in die Luft gesprungen war. All diese schönen Wunder tanzten vergnügt ihre Zwecke fort, da wurde nun auch der Bewohner des Holzhauses vom Aufbruch erfasst. Der Mann lag noch wohlig warm zugedeckt in seinem Bett und wendete sich von den stechenden Sonnenstrahlen ab. Er drehte sich zur Seite, sodass er ganz nah bei der Wand seiner Stube lag und versuchte sein Gesicht in den Spalt zwischen Bettkante und Wand zu begraben. Er genoss die erfrischende Kälte der Mauer auf seiner Wange und zog die Decke über seinen Kopf. Nun lag er geschützt in seiner Höhle da und konnte trotz allen Bemühungen keinen Schlaf mehr finden. So wie jeden Tag beschlich ihn ein Gefühl von Unbehagen und er versuchte so gut er konnte sich an seinen lieblichen Traum zu erinnern. Alles an das er sich erinnern konnte war, dass er am Meer saß und nicht alleine war. Mit aller Kraft und Konzentration dachte er an diesen Moment und doch blieb nur die Schwere der Hoffnungslosigkeit. Um sich zu trösten, wusste er, dass ihn am Abend ein neuer Schlaf erwarten würde. Traumtrunken streckte er seine Zehen aus dem Bett hervor und setzte die Füße auf den kalten Holzboden. Knarrend tastete er sich Schritt für Schritt in das Zimmer vor und blickte neugierig aus dem Fenster. Was war das doch für ein Schauspiel, das sich auf der Wiese vor dem Haus abspielte. Ein Eichhörnchen huschte am Hackstock vorüber und Käfer schwebten über dem Gemüsebeet. Eilig rannte er hinaus und blieb vor der großen dunklen Tanne stehen, wo ein Holztrog stand. Als er seine Hände in das Wasser gab, um sich sein Gesicht zu waschen, da erfasste ihn die Kälte von tausend Wintern. Seine Haut spannte sich. Was wird der heutige Tag wohl bringen, fragte er sich und blickte frohen Mutes tief ins Tal herab.

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