Eine Ausschweifung

von Lou Andreas-Salomé
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Hier in meinem lichten Atelier ist es endlich zur Aussprache zwischen uns gekommen, und nirgends anders durfte es auch sein, — denn von sämtlichen Männern, die ich gekannt, gehörst du am engsten und intimsten in alles das hinein, was mich als Künstlerin angeht: mehr vielleicht noch, wie wenn du selbst ausübender Künstler wärst. Wenigstens kommt es mir immer vor, als übte ich mit Kunstmitteln das ein wenig aus, was du mit dem ganzen Leben lebst, in deiner reichen Art, die Dinge voll und ganz zu nehmen und ihnen zu lebendiger Schönheit zu verhelfen. Für solch ein volles, ganzes Ding nahmst du auch mich, und liebtest darum mich vor allen andern, — ich weiß es wohl. In meinen Bildern und Skizzen, denen niemand so fein nachgegangen ist wie du, schien dir mein ganzes Ich enthalten zu sein, und dahinter

— ach dahinter lag nur eine alte Jugendschwärmerei, die kaum von der Wirklichkeit berührt worden ist. Du hast darin ja auch recht. Und doch — und doch —? Warum trennten wir uns dann bis auf weiteres, warum gehst du jetzt umher mit zögernder, halb schon versagender Hoffnung auf unsre Zukunft, — und ich, anstatt in fröhlicher Arbeit vor meiner Staffelei zu stehn, warum sitze ich hier am Tisch gebückt, tief gebückt, und schreibe und schreibe, in allen Nerven gebannt vom Rückblick in meine Vergangenheit? Oder warum dann dein Argwohn, und mein Eingeständnis, daß ich nicht mehr kann, was ich so heiß möchte, — nicht mehr mit voller Kraft und Hingebung lieben kann, grade als ob ich ein ausgegebener, erschöpfter Mensch wäre?

Handelte es sich um Ueberwindung von Vorurteilen, um zu vergebenden Leichtsinn und Fehl im üblichen Sinn, — o handelte es sich doch darum! Du, so ohne Bedenklichkeiten zweiten Ranges, du, der jegliches versteht und mitfühlt, würdest mir dadurch nicht verloren gehn. Aber das ist es nicht, und dennoch ist es so: mich hat eine lange Ausschweifung zu ernster und voller Liebe unfähig gemacht.

Jetzt, wo ich mir das klar zu machen versuche, kommt der Gedanke voll Erstaunen über mich: wie viel weniger unser Leben von dem abhängt, was wir bewußt erfahren und treiben, als von heimlichen, unkontrollierbaren Nerveneindrücken, die mit unsrer individuellen Entwickelung schlechterdings nichts zu schaffen haben. Seit ich überhaupt denken kann, seit ich von eignen Wünschen und Hoffnungen bewegt werde, bin ich der Kunst entgegengegangen, habe ich mich an ihr entzückt, oder um sie gelitten, und lange noch ehe ich mich ihr wirklich widmen durfte, in irgend einem Sinne schon im Umkreis der ihr verwandten Sensationen gelebt. Und trotzdem würde jetzt, wollte ich dir mein Leben erzählen, von der Kunst kaum die Rede sein, und kaum würde sie ärmlichsten Raum finden, riesengroß aber müßte in den Vordergrund treten, was doch in meinem individuellen Bewußtsein kaum existiert, und was mir selbst immer schattenhaft undeutlich geblieben ist.

An einem heißen Sommertag, weit hinten an der deutsch-galizischen Grenze, wo mein Vater damals in Garnison stand, saß ich einst als ganz kleines Mädchen auf dem Arm meiner frühern Amme und sah zu, wie sie von ihrem Mann über den Nacken geschlagen wurde, während ihre Augen in verliebter Demut an ihm hingen. Der kraftvolle gebräunte Nacken, den sie der Hitze wegen offen trug, behielt einen tiefroten Striemen, doch als ich im Schrecken darüber zu weinen anfing, da lachte meine galizische Amme mir so glückselig ins Gesicht, daß mein Kinderherz meinen mußte, dieser brutale Schlag gehöre zweifellos zu den besondern Annehmlichkeiten ihres Lebens. Und vielleicht war es in der That ein wenig der Fall, denn weil sie sich, mit der fast hündischen Anhänglichkeit mancher slavischen Weiber, geweigert hatte, unser Haus zu verlassen, nachdem sie mich neun Monate lang mit ihrer Muttermilch genährt, fürchtete sie nun immer, ihr Mann möchte einmal aufhören zu ihr zu kommen und weder Liebe noch Zorn für sie übrig behalten. Jedenfalls prügelte er sie oft, wenn er kam, und niemals tönten ihr die Volkslieder heller von den Lippen, als nach solch einem festlichen Wiedersehen.

Viele früheste Kindheitserinnerungen vorher und nachher, — ja selbst noch jahrelang nachher, — sind mir spurlos verblichen. Aber etwas von der fast wollustweichen Demut im Ausdruck der Blicke und Gebärden meiner Amme in jenem Augenblick ist mir später oft noch im Gedächtnis wieder aufgetaucht, immer zugleich mit dem glückseligen Klang ihres gedämpften Lachens und mit dem Eindruck der brütenden Sonnenwärme um uns. Wer will abwägen, wie unendlich zufällig, wie rein äußerlich bedingt es vielleicht ist, wenn mir bei dieser Erinnerung zum erstenmal ein wunderlicher Schauer über den Rücken gelaufen sein mag? Sind es aber nicht tausendfach Zufälle, die unser verborgenstes Leben mit heimlicher Gewaltthätigkeit durch das prägen, was sie früh, ganz früh, durch unsre Nerven und durch unsre Träume hindurchzittern lassen? Oder liegt es vielleicht noch weiter zurück, und zwitschert uns, schon während wir noch in der Wiege schlummern, ein Vögelchen in unsern Schlaf hinein, was wir werden müssen, und woran wir leiden sollen? Ich weiß es nicht, — vielleicht ist es auch weder eines Zufalls noch eines Wundervögelchens Stimme, die es uns zuraunt, sondern längst vergangener Jahrhunderte Gewohnheiten, längst verstorbener Frauen Sklavenseligkeiten raunen und flüstern dabei in uns selber nach: in einer Sprache, die nicht mehr die unsre ist, und die wir nur in einem Traum, einem Schauer, einem Nervenzittern noch verstehn —.

Meine Eltern sah ich immer nur in wahrhaft musterhafter Ehe, — in einer jener Ehen, die gewiß selten genug vorkommen, wo das heranwachsende Kind in seiner intimen Umgebung fast nichts wahrnimmt, als wohlthuende Harmonie ohne Erregungen. Mit dieser Harmonie verhielt es sich aber so: mein liebes Mütterchen that alles, was mein Vater wollte, er aber alles, was ich wollte. Seiner ursprünglichen Abstammung nach vielleicht wendischen Blutes, war er von beiden der Temperamentvollere, Glänzendere, voll von künstlerischen, wenn auch vernachlässigten Anlagen und der unsinnigsten Zärtlichkeit für das einzige Kind, das auffallend seiner eignen Familie mit ihrem dunkeln Ton und ihrer fast südlichen Blässe nachschlug. Er gab mir mit Enthusiasmus den ersten Zeichenunterricht und dispensierte mich von allen bürgerlichen Kleinmädchenbeschäftigungen. Meine gute Mutter schüttelte wohl manchmal über uns beide den Kopf, doch da ich an Heftigkeit des Temperaments und der Wünsche dem

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