Eine Ausschweifung - Page 4

Bild von Lou Andreas-Salomé
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der Mann. Sonst aber kann es zu einer furchtbaren Würze der Liebe werden, zu einer so ungeheuren Aufpeitschung der Nerven, daß das seelische Gleichgewicht notwendig verloren gehen muß.

Oft wenn ich abends schon zur Ruhe gegangen war, hörte ich an den gedämpften Stimmen, die bis zu mir herübertönten, wie Benno und meine Mutter noch lange im Zwiegespräch bei einander blieben. Ich ahnte nicht, was sie miteinander berieten. Ich erfuhr es erst, als geschah, was endlich geschehen mußte: als Benno unsre Verlobung auflöste.

Seltsamerweise habe ich von diesem entscheidenden Vorgang keine bis in die Einzelheiten präzise Erinnerung behalten. Kaum weiß ich noch, was er mir sagte, — nur meine eigne Stimme höre ich noch, und wie ich aufschrie in Schmerz und Entsetzen, wie ich niederstürzte vor ihm und die Hände zu ihm aufhob —.

Von jener Stunde aber ging zwingend eine Macht aus, die in meiner Phantasie Bennos Bild übertrieb und fälschte, die ihn hart und grausam, streng und stark bis zur Ueberlebensgröße erscheinen ließ. Konnte es anders sein? Wär er sonst dazu imstande gewesen, mich trotz aller meiner demütigen Bemühungen unwürdig zu befinden und hinwegzustoßen?

Meine Mutter weinte viel, gab ihm jedoch in allen Stücken recht, und reiste mit mir ins Ausland, wo ich mich erst erholen, dann aber ganz meinen alten Wünschen gemäßentwickeln sollte. Als ich von Benno fortkam, meinte ich, daß er mich zu lauter jämmerlichen Scherben zertreten habe. Lange Zeit litt ich halb besinnungslos. Dann aber siegte das Glück, meiner Kunst leben zu dürfen, und erwies sich als stärker als die alte Jugendleidenschaft. Einem Traum gleich, den man beim vollen Erwachen nicht mehr festzuhalten vermag, sank sie ins Schattenhafte hinab.

Meine Mutter zog später wieder zu Benno nach Brieg, und nur im Sommer sah ich sie auf Wochen, oder auch auf Monate bei mir. Ich selbst verbrachte etwa sechs Jahre in tüchtiger Arbeit, bei manchen Entbehrungen und Anstrengungen, dann richtete ich mir hier in Paris mein kleines Atelier ein, — und das war eine schöne Zeit: eigentlich die erste ganz sorgenfreie, ganz erfolgreiche Zeit. Zum erstenmal atmete ich auf und nahm das Leben endlich auch wieder von seiner heitern Genuß­seite.

Da, — vor einem Jahr ungefähr, es war gegen Weihnachten, — entschloßich mich plötzlich zu einer kurzen Heimfahrt.

Meine Mutter hatte schon in ihren Briefen dringend darum gebeten, aber den Ausschlag gab ein Brief von Benno selbst. Ich empfing ihn während eines kleinen Einweihungsschmauses in meinem Atelier und konnte ihn nur rasch, in Gegenwart von andern, durchlesen. Dennoch machte der Anblick der altvertrauten Handschrift mit ihren festgefügten runden Buchstaben einen ganz seltsam aufregenden Eindruck auf mich. Benno schrieb unter dem Vorwand, den Wunsch meiner Mutter auch seinerseits noch zu unterstützen. In Wirklichkeit trieb ihn jedoch etwas andres zu diesem Brief: auf Grund von allerlei umlaufenden Gerüchten schien er beunruhigt über meine »allzufreie« Lebensgestaltung, wie er sie nannte, und hielt sich für verpflichtet, mich vor Verleumdungen zu warnen, — oder auch vor mir selbst.

Ganz klar war es nicht, was von beidem er meinte. Seine Worte enthielten viele philiströse Bedenklichkeiten, über die ich lächeln mußte, auch viel Unkenntnis des Provinzlers und Fachmenschen hinsichtlich des Lebens in Weltstädten und unter Künstlern. Ja, das wußte ich ja nun längst: Benno verkörperte nicht gerade den Begriff eines unfehlbaren Idealhelden, sondern mochte das Prachtexemplar eines eingefleischten Pedanten und Moralisten sein. Ungefähr das Gegenteil von all dem, was jetzt meine leicht gefesselte Phantasie entzücken und verführen konnte. Aber daß er sich erdreistete, so zu schreiben, daß er sich für verpflichtet hielt, so zu kontrollieren, was ich thun durfte und nicht thun durfte, — er, der mich ja nicht einmal geliebt, — nein, geliebt hatte er mich nicht, sondern fortgestoßen —.

Ich konnte über eine unerklärliche Erregung nicht Herr werden, während ich unter meinen Gästen umherging, und lachte und scherzte.

In diesem Augenblick fiel mein Blick auf eine aufgeschlagene Mappe, worin ich einige wertvolle Kunstblätter aufbewahrte und die eben von einer jungen Malerin besehen wurde. Obenauf lag die bekannte Radierung Klingers »Die Zeit den Ruhm vernichtend«. Wie manches Mal schon hatte ich den gepanzerten Jüngling angeschaut, der, eherne Allmacht im Antlitz, dem vor ihm niedergeworfenen Weibe erbarmungslos mit dem Fuß in die Lende tritt — —.

Plötzlich weckte er irgend eine Ideenassociation in mir, plötzlich rührte er an irgend etwas, — und eine lang, lang vergessene, eine tote Sensation meines eignen Lebens regte sich dunkel —.

Ich kann mit Worten nicht deutlich schildern, wie es war. Ich glaube nicht, daß ich dabei an eine bestimmte Situation gedacht habe, zum Beispiel an Bennos brutale Lösung unsrer Beziehungen, oder daran, daß ich mich damals von ihm »zertreten« fühlte, oder überhaupt an seine Person, — aber doch hing es mit ihm zusammen, als mir ein Schauer über den Rücken ging, — ein Schauer von so lähmend intensiver Erschütterung, daß ich unwillkürlich vor dem Bilde die Augen schloß.

Ich nahm nur noch mechanisch an der Unterhaltung teil, innerlich blieb ich tief benommen, denn mir war, als starrte ich durch meine ganze Umgebung hindurch auf etwas, das sich nur lange verborgen gehalten hatte, aber doch immer dagewesen sein mußte, gleich schattenhaftem Hintergrund, — oder als sänke mein ganzes glückliches gegenwärtiges Leben langsam zu meinen Füßen nieder, wie ein dünner blumengestickter Schleier, und dahinter stände hoch aufgerichtet das Wirkliche, Wesenhafte, — — ja was? etwas wie die Silhouette eines gepanzerten Mannes? oder Benno selbst, der mich in den Armen hielt und mich den ersten Liebesrausch lehrte, und das erste Grauen vor der Abhängigkeit der Liebe? — —

oder lag es nicht vielleicht weit, weit zurück in jener fernsten Kindheit, wo ich noch auf dem Arm meiner galizischen Amme saß, und die Sommersonne heißum uns brütete, und wo von der erhobenen harten Hand des Mannes ein feuerroter Striemen auf dem demutsvoll geneigten Frauennacken blieb —? — —

Einige Tage später befand ich mich auf der Reise nach Brieg. Während der langen Eisenbahnfahrt erzählte ich es mir selber wohl hundertmal, wie wunderlich eng und klein mir alles in der Heimat vorkommen werde, aber zugleich freute ich mich all dieses Engen und Kleinen, als des heimatlich Vertrauten, was ich nun wiedersehen sollte; es durfte sich nicht

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