Eine Ausschweifung - Page 3

Bild von Lou Andreas-Salomé
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schwieg, und drückte mein Gesicht gegen seine Schulter und umschlang fester seinen Nacken. Ich war schon besiegt, als er mich nur in die Arme nahm. Natürlich blieb ich auch jetzt schon, wo er war, natürlich wollte ich, was er wollte.

Auch für die Zukunft. Aber unser gemeinsamer Zukunftstraum, der sich nun hier ver­wirklichen sollte, und etwas wie eine unverstandene Angst flossen seltsam ineinander über in einem schwachen Gruseln, womit ich mich leidenschaftlicher, banger an seine Brust schmiegte. Meine Mutter trat herein, und als sie uns so zusammenstehen sah, seufzte sie erleichtert auf.

»Nun ist wohl alles wieder gut?« bemerkte sie fragend, und sah Benno an wie einen, der für alles Rat weiß.

Benno ließ mich los und antwortete voll Heiterkeit:

»Von Rechts wegen und meinen Wünschen nach müßte Adine in goldenem Königspalast wohnen. Aber sie hätte mich ja nicht lieb, bliebe sie nicht hier.«

Die nächsten Tage ging ich umher und beobachtete unausgesetzt ein jedes Ding in meiner neuen Umgebung. Meine tiefste Aufmerksamkeit erregte das Zuchthaus uns gegenüber. Bisweilen konnte man zu einer bestimmten Morgenzeit einige Zuchthäusler sehen, die gefesselt schräg über unsere Straße zu irgend welcher Arbeit in einen der Gefängnishöfe hinübergeführt wurden. Seitdem ich das bemerkt hatte, stand ich stundenlang mit müßig niederhängenden Armen am Fenster und wartete auf diesen Anblick.

Benno traf mich dabei an und schüttelte unzufrieden den Kopf.

»Du bist ein kleiner Faulpelz geworden, Adine,« sagte er, »ich kann nicht begreifen, was dir dran liegt, die Burschen anzusehen.«

»Ach, sieh nur hin,« versetzte ich gequält, »sieh nur, wie sie vorübergehn, ohne jemals den Blick zu heben. Ich habe versucht, sie zu grüßen. Wir würden sie doch so herzlich gern grüßen, nicht wahr? Aber sie sehen es gar nicht, sie wollen es vielleicht gar nicht sehen, — — vielleicht hassen sie uns im stillen? — — und leben doch so dicht bei uns, — so dicht, — bis sie sterben.«

»Du mußt eine vernünftige Beschäftigung haben,« antwortete Benno darauf, »du wirst doch keine krankhafte und sentimentale Pflanze werden, Adine? Das kommt nur vom Müßiggang.«

Er hatte mehr recht, als er wußte: Jahre nachher ist ein Sträflingskopf mein erster künstlerischer Erfolg gewesen. Die Möglichkeit, mich künstlerisch in strenger Arbeit zu entwickeln, und mich auf diesem mir einzig natürlichen Wege von allen neuen Eindrücken zu entlasten, würde mich bald wieder froh gemacht haben.

Aber die Beschäftigung, die Benno für mich im Sinne hatte, führte mich in die Küche und an die Nähmaschine. Meiner Mutter leuchtete das vollkommen ein, es war ja auch die nächstliegende Vorbereitung für mein zukünftiges Leben.

Am Kochherd und bei der Nähmaschine befreundete ich mich mit der ältesten Tochter des Irrenhausrendanten, der über uns wohnte, mit Gabriele, einem lang aufgeschossenen, rothaarigen, sommersprossigen Backfisch. Sie hatte unendlich viel im Hausstand und für die kleine Schwester zu thun; obgleich sie aber zwei Jahre jünger war als ich, erledigte sie alles immer außerordentlich rasch und gut. Deswegen bewunderte ich Gabriele, während sie mich, trotz einer gewissen Liebe, etwas verachtete.

Eines Abends, als wir bei einer Näherei in meiner Stube saßen, sprach sie es ganz offenherzig aus.

»Es ist albern, daß du dich so mühst, da du ja viel lieber malen und zeichnen möchtest,« sagte sie, »ich will dir nur sagen, daßmir diese Arbeiten ganz ebenso verhaßt sind wie dir.«

»Dir?! Aber Gabriele, dann machst du es ja grade wie ich!« bemerkte ich voll Sympathie mit dem unerwarteten Leidensgefährten.

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich thu’s für ein Versprechen: daß ich dann später zum Oberlehrerinnenexamen lernen darf — in Berlin,« versetzte sie, und konnte ein Lächeln der Genugthuung nicht zurückhalten. »Manchmal lerne ich jetzt schon heimlich des Nachts dafür vor — oder in Freistunden. Siehst du, das hat einen Sinn! Aber du — du willst ja nur heiraten.«

»Bin ja verlobt, Gabriele,« sagte ich leise und selig.

»Man soll nicht verlobt sein,« meinte Gabriele geringschätzig, und betrachtete ihre langen rötlichen Hände, »— ein Mann, huh! ich könnte davonlaufen. Warum du nur alles thust, was er will?«

»Ich möchte gern ganz so werden, wie er will,« entgegnete ich unruhig, und fühlte plötzlich deutlich, daß ich gar nicht so war, wie er wollte, und daß Gabriele mir gewaltig imponierte. Sie that ja nur zum Schein Frondienste, in Wirklichkeit hatte sie ihr eignes Ziel dabei.

Gabriele bemerkte halblaut und dringend:

»Mal du doch auch heimlich! Zeichne heimlich. Hat er’s verboten?«

»Nein, nein!« rief ich heftig, »er hat mir sogar vorgeschlagen, Stunden zu nehmen. Aber ich —«

»Nun?« unterbrach Gabriele mich gespannt.

»— Ich glaube, ich liebe die ganze Kunst nicht mehr, — nur ihn,« sagte ich, fast zitternd während ich es aussprach, aber im geheimsten Herzen war es doch nur Furcht, die mich von meiner geliebten Kunst hinwegscheuchte, Furcht wie vor der großen Verführung, der nichts widersteht: ich fühlte, daß sie mich losreißen würde von allem, was Benno wollte, und was ich also selbst wollte, und mich ihm ganz fremd machen würde —.

Ich konnte Gabriele nicht einmal um ihre sichere Kampfesfreude gegen ihre ganze Umgebung beneiden, denn ich war ja so leidenschaftlich bereit zu unterliegen, und sollte ich selbst darüber in tausend Stücke gehn. Das Ideal einer kleinen Brieger Hausfrau, das ihr nur lästig und lächerlich erschien, und das sie deshalb nur so nebenher, mit halber Kraft, verwirklichte, trug für mich geheimnisvolle Märtyrer- und Asketenzüge; ich ging einen Weg der gewaltsamen Selbstkasteiung aus lauter hilfloser Liebessehnsucht.

Die Folgen blieben nicht aus. Ich wurde blaß und mager, und von immer krankhafterer Unsicherheit und Reizbarkeit. Benno, der ohnehin die Grenzen des Normalen allzu eng steckte, und bei all seinen eingeheimsten Kenntnissen doch noch wenig Lebenserfahrung besaß, schien besorgt, meine Mutter fing an ratlos zu trauern.

Der ärztliche Ausdruck, der zuweilen in Bennos ohnehin so ernstem Gesicht vorherrschte, machte mich noch scheuer; ich war ja jetzt seiner Liebe keineswegs mehr so naiv sicher wie einst: je untauglicher ich mir selbst für alles vorkam, was er mit mir vorhatte, desto unfehlbarer und autoritativer kam er mir vor, und seine Liebe als etwas nur durch Selbstüberwindung sicher zu Erringendes.

Durch diese gewaltsame Unterordnung unter ihn vermischte sich in meiner Leidenschaft das Süßeste mit dem Schmerzlichsten, fast mit dem Grauen. Das ist ja gewiß nicht der Fall, wo ein Weib schon an sich viel untergeordneter ist als

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