Eine Ausschweifung - Page 16

Bild von Lou Andreas-Salomé
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du, der Zweifel brachte mich von Sinnen.«

Und er griff hastig, wie um mich nun auch wirklich sich nicht entgehen zu lassen, nach meinen Händen und setzte sich neben mich, dicht zu mir gebeugt.

»Liebste! — sag’ mir ein Wort,« bat er mit einem glücklichen Lächeln, — und mein Blick mied scheu den seinen.

Diese leuchtenden treuherzigen blauen Augen, dieses ganze von Glückszuversicht verklärte Gesicht klagte mich laut an.

Ich selbst klagte mich an, und erschrak über das Geschehene. Und doch hätt ich nicht anders zu handeln vermocht, auch wenn es gegolten hätte, noch einmal zu handeln in den tollen vorübergestürmten Minuten seines Rausches. Besser, tadelloser wär es zweifellos gewesen, ihm zu sagen: »Küsse mich nicht! täusche dich nicht! ich liebe dich nicht!« Aber wie konnte ich ihn im Dursten und Darben zurückstoßen und sorgsam abwägen, was das Richtigere, das Tadellosere war —

»Vielleicht fehlt mir jeder Stolz! vielleicht jede Scham!« dachte ich, »und jetzt? und hinterher? was soll ich thun? wie ihn aufklären und kränken? Ach, ich kann ihn nicht kränken! Kann ihn nicht durch Mitleid beleidigen. Ich bin ein feiges — ein ganz feiges Geschöpf!«

Jetzt fiel Benno doch meine Stummheit und innre Ratlosigkeit auf. Etwas wie eine dunkle Unruhe ging durch seine Augen und machte sie rührend, wie erstaunte Kinderaugen.

»Adine, — ich — — sprich zu mir!« rief er fast laut, »ich halt’s nicht aus! Warum sprichst du nicht?«

»Lieber Gott!« dachte ich, »hilf mir doch! gieb mir ein, was ich thun soll. Niemals, niemals kann ich ihm die ganze Wahrheit sagen! niemals, niemals ihn vor mir demütigen, — ihn, den ich einst, ach einst —! Lieber laß mich klein und verächtlich werden in seinen Augen, daß er selber mich nicht mehr will, nicht mehr liebt. Laß mich lieber ganz zunichte werden, — Staub zu seinen Füßen —.«

»Dina —!« sagte er mit erstickter Stimme, und man konnte sehen, wie ihn ein Schreckgefühl durchrieselte. Ich mochte ja vor ihm dasitzen wie ein Bild der Selbstanklage und Verwirrung. Und da mochten seine Zweifel plötzlich heraufsteigen, — Zweifel, die er mit sich herumgetragen, — Zweifel, die ihm erst vor einer Woche den Brief an mich diktiert hatten, — Zweifel an der Unberührtheit meines Mädchenlebens.

»— Nein nein!« entfuhr es ihm wild abwehrend, grade als widerspräche er jemand, »— nein, es kann nicht sein! Nicht das kann es sein, — Adine, auf meinen Knieen will ich es dir zuschwören, daß du mir das Höchste, das Reinste bist, das, wovor ich kniee, und das schon der leiseste Schatten eines Mißtrauens entstellen würde. Was liegt an der ganzen Welt! Wenn du nur bist, die du warst!«

Ich stieß einen Seufzer aus, mir war wie einem Erstickenden, der Luft bekommt. Unwillkürlich falteten sich meine Hände. Ja, dies war ein Ausweg, — der Schatten von Mißtrauen, der Zweifel, der Brief, — wenn Benno an all das glaubte, dann war es ein Ausweg. Allzu hergebracht streng dachte er doch in diesem einen Punkt, und allzusehr hatte seine Phantasie mich verklärt, um darüber mit seiner Liebe hinwegzukommen —.

Benno war aufgesprungen, er starrte mich an und atmete kurz.

Er hatte nach der Lehne des zunächststehenden Stuhles gegriffen und umfaßte sie gewaltsam mit beiden Händen, als wollte er sie zerbrechen. Der ganze Mann zitterte. Mit heiserer rauh klingender Stimme brachte er hervor:

»Wenn du — — hast du — — ist ein andrer — —«

Und als ich noch immer schwieg, ging er langsam auf mich zu, und leise, ganz leise, als fürchtete er sich vor seiner eignen Stimme, sagte er mit herzerschütterndem Ausdruck:

»Dina! — Dina! sage, daßes nicht wahr ist! daß du keine —«

Es durchfuhr mich in diesem Augenblicke doch, wie von einem elektrischen Schlag. Ich hörte nichts mehr und sah nichts mehr, ein seltsamer Schwindel schien mir alle Gegenstände und alle Gedanken zu verrücken und zu verwandeln.

»Staub zu seinen Füßen, — jetzt bin ich ihm das wirklich!« dachte ich mir noch dumpf, und irgend eine unklare Vorstellung dämmerte dunkel in mir auf, daß sich da soeben etwas Sonderbares begäbe: irgend eine wahnsinnige Selbsterniedrigung und Selbstunterwerfung, — irgend ein sich zu Boden treten lassen wollen —.

Und doch löste sich dabei etwas in meiner innersten Seele, was sich bis zum äußersten gestrafft und gespannt hatte wie ein Seelenkrampf, — und es überflutete mich mit einer zitternden Glut, und es schrie auf und frohlockte — —.

Und dennoch war diese ganze Situation kein wirkliches, kein wahrhaftes Erleben, sondern sie war von mir nur geschaffen, von Benno nur geglaubt, — sie war nur ein Schein, ein Bild, ein Traumerleben, — ein Nichts. — — — — — Ich weiß nicht, ob ich auf der niedrigen Ottomane sitzen blieb, oder ob ich in die Kniee sank und mein Gesicht in die Hände drückte, — jedenfalls hab ich dies meinem innern Verhalten nach gethan und habe so verharrt. Damit schloßfür mich diese Scene; damit schloß meine Beziehung zu Benno.

Trotzdem würde ich ja nie, im ganzen Leben nicht, imstande sein, die Liebe eines Mannes zu ertragen, der mich wirklich auf die Kniee festbannen oder mich in meiner Individualität ähnlich vergewaltigen wollte, wie Benno es ehedem unwissentlich versucht hatte. Aber was hilft mir diese Erkenntnis? Hilft sie mir etwa dazu, nun auch voll und stark und wahrhaft hingebend zu lieben ohne diese furchtbaren Nervenreize? Nein! Wenn ich das seitdem je geglaubt habe, so erwies es sich sofort als ein bloßes Trugspiel, ja eben als ein unwillkürliches Spiel ohne Dauer und Tiefe. Es ist, wie wenn ich mich festgenagelt fühlte zwischen der Oberflächlichkeit Mutchens und der hysterischen Romantik der kleinen Verwachsenen, dazu bestimmt, zwischen diesen beiden Polen des Gefühls hin und her zu pendeln wie zwischen Leichtsinn und Wahnsinn —.

Denn ich kann wohl als Künstlerin entzückt und erregt werden, und zugleich mit tiefster Sympathie nach einem mir teuren Menschenwesen langen, — aber alles was dem Weib in mir an den Nerv greift, alles was instinktiv tiefer greift, als Freundschaft und Phantasie zusammen vermögen, — alles das ist dunkel jenem letzten Schauer verwandt, der vielleicht eine lange, unendliche Generationen lange Kette duldender und ihres Duldens seliger Frauen in mir wunderlich und widerspruchsvoll abschließt — —.

Auch meine Mutter gehörte ja in irgend einem Sinne zu diesen Frauen.

In der Nacht, die der Scene mit Benno folgte, wachte sie plötzlich von dem unterdrückten Weinen auf, das aus meinem Bett hinüberdrang.

Sie richtete sich auf und horchte besorgt.

»Gute Nacht, mein liebes Kind?« sagte sie leise, fragend.

»Gute Nacht, liebe Mama,« erwiderte ich.

»Wann bist du denn von Rendants gekommen? Hast du noch gar nicht geschlafen?«

»Ich war gar nicht oben, Mama. Ich war bei Benno im Arbeitszimmer.«

»Aber Kind, du weintest ja! — — War Benno zu Hause?«

»Er kam nach Hause.«

Meine Mutter verstummte. Sie mochte erraten, daß es zwischen uns eine Aussprache gegeben hatte, denn nach einer längern Pause hob sie wieder an:

»Adine, mein Kind, du verlangst zu viel vom Leben und von den Menschen. Du bringst dich noch um dein Glück. Alles in der Welt kostet Opfer, und am meisten das Glück. Mag sein, daß Benno manches anders will als du. Den heutigen Frauen scheint es schwer, dem Mann dienstbar zu sein, aber glaube mir, es ist noch das Beste, was wir haben, und ich bin es deinem lieben Vater auch immer gewesen. Auf die Länge lieben wir keinen Mann so recht, wie den, der uns befiehlt —«

»Ach Mama, das

glaub ich gern.«

»Nun, — aber —?« meiner Mutter Stimme klang ängstlich gespannt.

»Aber Benno ist ganz andrer Meinung darüber, Mama.«

Meine Mutter verstummte wieder, diesmal völlig verblüfft. Sie hatte mir ja so gut zureden wollen, und hatte mir nun, ohne es zu wissen, abgeredet. Lange ertrug sie das nicht, mein liebes Mütterchen. Und im Drange ihres Herzens, zu helfen und das Glück zu bauen, wie sie es meinte, verleugnete sie heldenmütig alle ihre heiligsten Ueberzeugungen für mich und sagte etwas unsicher:

»Ach Kind, Schattenseiten hat am Ende ja auch eine Ehe, wo der Mann herrscht. Du kannst dir doch denken, daß das nicht immer grade leicht für die Frau ist. Wenn ich so zurückdenke, ist es auch nicht immer angenehm gewesen.«

Ich mußte in all meiner Betrübnis lächeln, und ihre fromme Lüge rührte mich. Und plötzlich überfiel mich die Angst, die Mutter könnte jemals, durch einen unseligen Zufall, aus Bennos Wesen erraten, was ich diesen glauben ließ.

Darauf durfte ich es nicht ankommen lassen, dieser Möglichkeit mußte ich vorbeugen.

Und ich glitt aus dem Bett und schlich mich zu ihr hin. Ich tastete nach dem lieben Kopf im Nachthäubchen.

»Mama!« flüsterte ich, »gieb mir noch einen Kuß.«

»Ja, mein Herzenskind. Weine nur nicht mehr. Ich kann’s nicht ertragen.«

»Nein, Mama. Aber höre, was ich dir sagen will. Sollte Benno einmal — du hast mir ja erzählt, weißt du, gestern morgen wie wir aufstanden, daß Benno sich Gedanken macht über mein Leben draußen. Nun, sollte dir einmal vorkommen, als ob er das wirklich thue, so achte nicht drauf. Laß ihn dabei, streite nicht mit ihm, — aber du, laß dich nicht davon anfechten.«

Die Mutter hatte sich hastig aufgerichtet. Sie griff ängstlich nach meinen Händen und zog sie an sich, wie um mich zu schützen.

»— Benno —? — — was ist geschehen? Sage mir, was geschehen ist! Hat Benno dir unrecht gethan?! Weintest du deshalb? Das darf er nicht! Sag es mir, mein Kind. Wie darf er das thun! Kein Mensch soll dir ein Haar krümmen, hörst du? Und ich — ich lag hier so getrost und ruhig, und als ich schlafen ging, da dachte ich an euch beide, und ich dankte in meinem Herzen Benno, und betete zu Gott für sein Glück, für ihn und für dich. Und er — er ging hin und that dir unrecht!«

Ich legte leise meine Hand auf die Lippen der Mutter und barg das Gesicht in dem Kissen neben ihrem Kopf. Mir wurde plötzlich so klar, — so ganz klar, daß was ich Benno nur glauben ließ, ja doch eine Wahrheit war, wenn nicht heute, so doch morgen, und daß, gleichviel was ich als Künstlerin erreichen würde, aus meinem Liebesleben, aus meinem Leben als Weib, der Ernst verloren gegangen war.

Und mich überkam heimlich und heiß eine kindische Sehnsucht, mich zur Mutter zurückzuretten und zurück in die erste Jugend, die nicht wiederkam.

»Mama!« flüsterte ich, »Benno ist gut, du mißverstehst das: ihn mußt du lieb — sehr lieb mußt du ihn haben. Bete du nur getrost weiter für sein Glück, und hilf ihm zu einem Glück. Und für mich bete, — ach bete, Mama, — daß er unrecht behalte —!«

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