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Eine Ausschweifung - Page 10

Bild von Lou Andreas-Salomé
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so lange ich zurückdenken kann, schon von der Schulbank her, als hätte ich niemals Zeit gehabt, und als wären daraus die schlimmsten Fehlgriffe entstanden, die ich je begangen habe.«

Ich schwieg. Ich wußte ja von seiner überbürdeten Studienzeit, seiner rastlosen Arbeit bei geringsten Mitteln, fast ohne Muße, und ich gab ihm recht. Aber daßes Benno war, der so sprach, konnte ich nicht begreifen. Wann hätte er sich je mit Mängeln seiner Entwickelung herumgeschlagen? Wann sich je in seiner selbstbewußten Sicherheit beirren lassen? Meine Mutter fragte dazwischen:

»Wie ist es denn morgen mittag, Benno? ißt du zu Hause?«

»Wahrscheinlich nicht. Es ist weit über Land, wo ich hin muß. Wir bringen den Kranken wohl gleich mit,« entgegnete er zerstreut, beendete etwas hastig sein Abendessen und stand auf.

»Du entschuldigst wohl, es wartet jemand auf mich,« bemerkte er zur Mutter, und dann, schon bei der Thür, wandte er sich noch einmal zu mir und sagte zögernd:

»Ich wollte dich noch fragen, ob du nicht — ich wollte dich bitten, morgen vormittag, — natürlich falls du nichts andres vorhast, — ob du mir nicht wieder etwas Gesellschaft leisten willst. So wie heute. Es ist meine liebste Stunde.«

Dabei sah er eilig und beschäftigt aus und sah niemand an, während er redete.

»Gewiß! ich will kommen,« sagte ich ein wenig leise. Dabei schlug auch ich die Augen nicht auf. Meine Glieder wurden mir bleischwer. Ich stützte die Arme auf den Tisch und den Kopf darauf. »Wenn ich doch aus dem Hause ginge und den Nachtzug nach Paris nähme!« dachte ich.

Meine Mutter hatte von Benno wieder auf mich geblickt; ihre Augen leuchteten, und wer kann wissen, welche Hoffnungen in ihr aufstiegen und welche Mutterwünsche, während sie umherging und das Dienstmädchen beaufsichtigte, das den Tisch abräumte. Dieses war eine arme entlassene Insassin des Irrenhauses, wie meistens unser Gesinde. Nach einer Weile schien in einer Droschke Besuch vorzufahren. Meine Mutter trat in den Flur hinaus und kam bald darauf mit einer kleingewachsenen jungen Dame zurück, die an einem Krückstock ging.

»Die Baronesse Daniela hatte gehofft, Benno anzutreffen,« bemerkte die Mutter, indem sie uns miteinander bekannt machte, »ich habe sie gebeten, bei uns ein wenig zu warten, weil Benno nur vorübergehend in Anspruch genommen ist.«

»Ich wollte Herrn Doktor Frensdorff nur einen Augenblick sprechen,« sagte die Baronesse mit einer höchst wohllautenden sanften Stimme zu mir, »nur um zu hören, ob ich morgen kommen darf. Denn ich kann nicht immer von Hause fortkommen. — Aber vielleicht wissen Sie überhaupt gar nicht, daß ich seine Schülerin bin?«

»Nein! Davon wußte ich allerdings nichts,« versetzte ich, sie ins Wohnzimmer geleitend, wobei ich sehen konnte, wie stark sie in den Schultern und Hüften verwachsen war, »— aber unmöglich studieren Sie Medizin?«

Die Baronesse Daniela mußte bei dieser Zumutung lachen, und ihr blasses, schmales, merkwürdig altblickendes Gesicht verjüngte und verschönte sich dabei. »Nein, nein!« wehrte sie ab, und setzte sich mühselig hin, »richtig studieren kann ich ja überhaupt nicht. Aber Herr Doktor Frensdorff treibt viel Schönes mit mir, Litteratur, Geschichte, sogar etwas Philosophie.«

»Was Tausend! Benno thut das?« unterbrach ich sie überrascht, »aber wann kommt er denn dazu?«

»Ja, er thut es aus Güte für mich. Ich bin nämich seine Patientin gewesen. Eh ich zu ihm kam, war ich ganz entsetzlich unglücklich. Er aber hat mich gelehrt, glücklich zu werden.«

»Indem er Ihnen solche Studien erschloß?« Sie schüttelte den blonden Kopf.

»Nein. Indem er mich darüber aufklärte, daß das, woran ich kranke, unheilbar ist, und daßich mich damit abfinden muß. Unheilbar verwachsen bin ich, — nein, werden Sie nicht verlegen für mich!« fügte sie sehr lieb im Ton hinzu, und legte ihr kleines blaugeädertes Händchen auf meine Hand, »Sie sehen ja, ich kann so ganz ruhig davon sprechen.«

Und als ich ihre Hand umfaßt hielt, und sie die stumme Anteilnahme, das große lebhafte Interesse in meinen Augen lesen mochte, da fuhr sie vertrauensvoll fort:

»Mich haben die Menschen so sehr damit gepeinigt, daß sie mir aus lauter Mitleid vorredeten, ich würde mich bis zum erwachsenen Alter grade wachsen und werden wie andre auch. Aber je älter ich wurde, — ich bin jetzt neunzehn, — desto besser begriff ich, daß sie mich betrogen, und wagte doch nicht, es irgendwen merken zu lassen oder mich gegen irgendwen auszusprechen. Denn bemitleidet leben zu müssen, das ist doch wie Tod, nicht wahr? Ueber diesem innern Zwang und erstickten Kummer wurde ich zuletzt schwermütig. Und nun wurde Herr Doktor Frensdorff ins Haus gerufen. Er brauchte nicht lange, um die Sachlage zu durchschauen! Er fing damit an, mich die Wahrheit ertragen zu lehren. Ach, er hat es nicht leicht gehabt, das können Sie glauben! Ich habe bei ihm geweint und geschrieen, und schließlich lernte ich bei ihm wieder lachen.«

In mir wurde alles Wärme und Zärtlichkeit, als ich so dem feinen, sympathischen Stimmchen zuhörte. Das beseelte Gesicht da vor mir, mit seinem Ausdruck von Mut, Glück und Leiden, wirkte so stark auf meine durch alle Eindrücke leicht erregten Sinne, daß ich die kleine Verwachsene am liebsten an mich gezogen und geküßt hätte.

Auch gemalt und für mich behalten hätte ich gern dies interessante kleine Gesicht. Darüber achtete ich nur noch zerstreut auf ihre Worte.

Um es nicht merken zu lassen, sagte ich:

»Ich kann mir sehr gut denken, daß in dieser kleinen Provinzialstadt mit ihrem Mangel an geistigen Interessen Benno Ihnen durch sein Eingehn auf alles ein wahrer Halt und Trost ist. Aber wahrscheinlich sind Sie es ihm nicht minder.«

»Nein, ich bin ihm wohl nichts,« sagte sie sehr ernsthaft, »oder richtiger: ich wäre ihm wohl nichts, wenn ich nicht ein Krüppel wäre, der ihn braucht und ihm leid thut. Aber das ist ja grade das Herrliche und Merkwürdige: daß es so glücklich macht, sich ihm gegenüber klein und gering vorzukommen und nur sein Mitleid zu verdienen. Daß er sich zu mir herabbeugen muß, und daß ich alles nur durch ihn habe, — das hab ich eben vor all den glücklichen, gesunden, ansehnlichern Menschen voraus, nicht wahr? Dafür gönn ich ihnen gern ihre Schönheit und Kraft, und bin zufrieden mit meinem Gebrechen und meiner Schwäche. — Aber ich weiß gar nicht, warum ich Ihnen das alles erzähle,« fügte sie lächelnd hinzu,

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