Der Geist der alten Marte

von Magnus Gosdek
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Der Geist der alten Marte

Ich war nie ein Mensch, der an Spukgeschichten glaubte. Sie sind Legenden aus einer Zeit, in der seltsame Begebenheiten dem Allmächtigen oder viel lieber noch seinem Gegenspieler zugeschrieben wurden. Wir, die wir uns heute zivilisiert nennen, haben durch die Forschung bewiesen, dass viele dieser Vorkommnisse wissenschaftlich zu erklären sind, auch wenn sie sich unserem Auge entziehen und längst noch nicht haben wir den höchsten Wissensstand erreicht, der die ganze Welt beschreibt.
Der Hang des Menschen zum Mystischen jedoch ist weiter ungebrochen. Es ist unser steinzeitliches Erbe, das nach einer übergeordneten Macht schreit, einer Gewalt, die sich unserer Manipulation entzieht und unser Leben bestimmt. Nichts ist dem Menschen so verhasst wie absolute Selbstbestimmung.
Dies war meine feste Überzeugung, bis zu jenen Ereignissen, die meine Meinung stark erschütterten.
Meine Frau und ich waren seit über dreißig Jahren verheiratet und zu unser beider Leidwesen war unsere Ehe kinderlos geblieben. Auch wenn wir diesen Umstand sehr bedauerten, so konnten wir doch behaupten, ein erfülltes Leben zu führen. Meine Frau arbeitete als Innenarchitektin und ich war Lehrer eines angesehenen Hamburger Gymnasiums. An den Wochenenden fuhren wir oft an die Nordsee und verbrachten unsere Zeit mit langen Spaziergängen im Wattenmeer. Wir liebten beide die frische, klare Brise, die der Westwind mit sich brachte und bedauerten die Sonntagabende, an denen wir zurück in die große Stadt fahren mussten.
Als wir beide unsere fünfundfünfzigsten Geburtstage feierten (meine Frau war nur wenige Monate jünger als ich), keimte in uns der Wunsch nach einem eigenen Häuschen am Meer auf. Wir wollten es als Feriendomizil nutzen und später, wenn ich in Pension gehen würde, unseren Lebensabend dort verbringen.
Nachdem wir unsere finanziellen Möglichkeiten überprüft hatten und zur Überzeugung gekommen waren, dass wir uns ein kleines, schmuckes Haus ohne größere Anstrengungen leisten konnten, kauften wir einen einfachen Kotten, der sich noch in recht gutem Zustand befand und dessen Restaurierung sich in Grenzen hielt.
Meine Frau, die ihren Beruf sehr gut verstand, plante den Ausbau, dass es uns im Ruhestand an nichts fehlen würde. Nur wenige Monate nach dem Erwerb konnten wir unser neues Domizil nutzen.
Das Haus stand auf einem Hügel im Marschland und vom Fenster aus sahen wir die Deiche mit ihren langen Spazierwegen. Die See dahinter trug uns den herben Duft des Salzwassers zu und bei geöffnetem Fenster vernahmen wir die Schreie der Möwen. Zum ersten Mal fühlten wir uns nicht mehr als Besucher, wir verlebten den Urlaub und die Wochenende in unserem eigenen Haus.
Das nächste Dorf war zu Fuß in einer halben Stunde, mit dem Auto aber in zehn Minuten zu erreichen. Von der Südseite unseres Kottens sahen wir des Abends die Lichter am Horizont brennen. Dies waren unsere nächsten Nachbarn. Bauern des Marschlandes, viele von ihnen bereits seit Generationen hier ansässig und auch wenn die jungen Leute in die Stadt zogen, so blieben doch genügend Menschen zurück, um diese Tradition nicht sterben zu lassen.
Das Dorf besaß bloß ein Gasthaus und hier war es, als ich das erste Mal von den seltsamen Geschichten hörte.
Unser Neffe Felix, mittlerweile bereits ein Mann, der auf die vierzig zuging und in Hamburg eine gut laufende Baufirma führte, kam zu Besuch und wir beiden Männer entschlossen uns am Abend, ein Bier trinken zu gehen.
Die Dorfschänke war ein altes, einstöckiges Fachwerkhaus, mit einfachen, groben Holztischen und fahler Beleuchtung. An den Wänden hingen Fischereiutensilien und die Zeichnungen alter Segelschiffe, die in früherer Zeit vielleicht einmal hier vorüber gekommen waren.
Von dieser Atmosphäre zeugten auch die Gäste, alte Fischer und Marschbauern, die sich sogar noch ihre zerkauten Hornpfeifen ansteckten und sich stumm an den Ecktischen versammelt hatten.
Ich spürte ihre Blicke, als wir das Gasthaus betraten. Ich zuvorderst, mein Neffe dicht hinter mir. Dass meine Frau und ich die neuen Besitzer des alten Kottens waren, hatte sich wohl bereits herumgesprochen. Niemand aber begrüßte uns, nur die grauen, faltigen Augen über den Pfeifen beobachteten jede unserer Bewegungen.
Wir setzten uns an einen Tisch am Fenster. Der Wirt brachte uns zwei Biere. Sie schmeckten herb, aber sehr erfrischend, und nach einer gewissen Zeit fühlten wir das heimische Flair der Umgebung. Die Steifheit, die uns bei unserem Eintritt noch umfangen hatte, wich und unser leises, wortkarges Gespräch wurde angeregter und lauter.
Felix besuchte uns das erste Mal und ich freute mich sehr darüber. Er war immer mein Lieblingsneffe gewesen, der Sohn meines Schwagers. Ulrich, der Bruder meiner Frau, und ich verstanden uns nicht gut. Er war fast zehn Jahre älter als Ursula und in meinen Augen ein Windhund. Als Felix acht Jahre alt war, verließ er die Mutter und ging nach Frankfurt. Von dieser Zeit an hörten wir lediglich sehr wenig von ihm und auch seine monatlichen Zahlungen für die Familie trafen nur sporadisch ein.
Die Mutter blieb allein in Hamburg zurück und so wuchs Felix also ohne Vater auf. Meine Frau und ich kümmerten uns ein bisschen um den Jungen, nahmen ihn während seiner Schulferien mit an die Nordsee und selbst in unserer Hamburger Wohnung richteten wir ihm ein kleines Zimmer ein, für den Fall, dass er bei uns übernachten wollte.
Sonja, seine Mutter, war sehr froh darüber. Sie arbeitete am Fischmarkt. Ein schwerer Job, um das nötige Geld für die kleine Familie zu verdienen und sie konnte nie viel Zeit mit dem Jungen verbringen. So wuchs Felix heran, und ich wage zu behaupten, dass es ihm an nichts mangelte.
Als er sechzehn war, ging er zum Bau und lernte den Beruf des Maurers. Durch seinen Fleiß brachte er es bis zum Meister und letztendlich wurde er Inhaber seiner eigenen Firma und wir alle drei waren richtig stolz auf ihn.
An diesem Abend erzählte ich Felix ausführlich über den Ankauf des Kottens und die Mühe, die Ursula in den Umbau gesteckt hatte. Er stimmte mir zu, dass wir mit diesem Grund ein wirklich schönes Stück Erde erworben hatten und sein Urteil hob meine Stimmung weiter, dass ich zu dieser späten Stunde zwei Gläser Grog bestellte.
Schwer fühlten wir den heißen Rum in unseren Adern und wir lachten viel über kuriose Geschichten, die Felix nun von seiner Firma erzählte. Die übrigen Gäste waren weiterhin stumm geblieben und beobachteten

Eine Geschichte um den Privatdetektiv Markus Braun.

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Kommentare

09. Feb 2016

Vielen Dank, Euch beiden. Es freut mich, dass die Geschichte Euch gefällt. LG Magnus

23. Okt 2016

Großartig, Magnus. Ich habe deine spannende Geschichte verschlungen, sehr spannend und mit einem wirklich
überraschenden Ende.

LG Ralf

23. Okt 2016

Wunderbar, das freut mich sehr. Gerade, dass Du das Ende überraschend findest. Ich hatte gehofft, dass es so funktioniert. LG Magnus

23. Okt 2016

Danke schön, Micha. Die eee´s zeigen mir, wie gut es Dir gefallen hat :-) LG Magnus

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