Der Bärenschütz von Wildenfels

Bild von theowleman
Mitglied

Tief im Tiroler Oberland am Rande eines düsteren Fichtenwaldes da lag die Ortschaft Wildenfels. Klein und zierlich wie sie war, eingekesselt von den mächtigen Bergen, unterschied sie sich nicht sonderlich von den übrigen Siedlungen in den benachbarten Tälern. Wie im ganzen Lande, so gab es auch in Wildenfels einen Bauern namens Lötnhammer. Der alte Lötnhammer war ein redlicher Mann und besaß die meisten Almen im Dorf. Früh schon seit Kindesalter war er an die harte Arbeit in den Bergen gewöhnt. Kräftig packte er bei der Heumahd an und half die Kühe auf die duftenden Wiesen zu treiben. Wie es sich für einen richtigen Mann gehörte, so nahm er sich als junger Mann ein Weib und diese gebar ihm eine bildhübsche Tochter und einen Sohn. Stolz waren die beiden jungen Bauersleute auf ihre Kinder gewesen und das ganze Dorf kam zu den Taufen zur alten steinernen Kirche auf der Anhöhe zusammen. Wie von Zauberhand verstrichen Winter und Sommer und aus dem einst jungen kräftigen Bauern wurde ein alter gebrechlicher Mann. Die Tochter Lötnhammer heiratete bereits mit zarten 17 Jahren den Herrn Rechtsanwalt aus der Stadt und zog aus dem dunklen Tal fort. Es schien, als könnte sie es kaum erwarten aus der beängstigenden Enge des Geburtsortes zu fliehen. Früh wie immer zogen die Winter alle Jahre in die Täler von Wildenfels herein und trotzen bis spät ins Frühjahr der rettenden Sonne. Die Kälte schlug den Dorfbewohnern aufs Gemüt und ließ auch deren Zärtlichkeit erstarren. Anders als die weltoffene Schwester, erging es ihrem Bruder Johann. Johann Lötnhammer hatte wie einst sein Vater viele Entbehrungen in seiner Kindheit zu erdulden. Wo er nur konnte stand er dem Vater kräftig zur Seite und verdiente sich das tägliche Brot durch die Arbeit am elterlichen Hof. Johann liebte es schon als Kind alleine in den Wald zu gehen und so war es keine Seltenheit, dass man ihn mit Haselrute und Hanfnetz durchs Dorf ziehen sah. Auch wenn keiner es mit eigenen Augen beobachten konnte, so wusste aber jeder, dass Johann kleinen Tierchen nachstellte. Kaum konnte er laufen, da riss er den Schmetterlingen die kunstvollen Flügel aus und Häschen und Raben erschlug er mit gezielten Steinwürfen. Auch die Nachbarskatzen und die Dorfhunde vermieden es Johann zu begegnen, zu groß war die Angst am Schwanz gezogen zu werden oder Fußtritte zu bekommen. Als Johann älter wurde, so wurde er Jäger. Stolz gekleidet im herrlichen grünen Waidmannskleid, mit schweren schwarzen Stiefel, einem dunkelgrünen Jäckchen und dem breiten Jägerhut am Kopf betrachte er sich selbst stets mit Wohlgefallen im Spiegel seiner Kammer. Wie ein Gelehrter fasziniert die Gestirne des Himmels zählt und nicht müde wird nachts in die Weiten des Himmels zu blicken, so ergriff auch Johann eine ähnliche Faszination beim wilden Treiben einer Jagd. Er lernte schnell das Handwerkszeug dieser Zunft und bald schon schoss er die edelsten Gämsen des ganzen Tales und die stolzesten Hirsche erlegte er mit listigem Kalkül.
Als eines Tages wieder eine Jagd vorüber war, da kehrten die Jägersleute wie die Tradition es verlangte in das lustigste Wirtshaus des Dorfes ein und ließen den Tag lustig ausklingen. Bei Speis und reichlich Trank wurden da die wildesten Geschichten über das Jagdgeschehen erzählt und je später der Abend wurde, umso wilder und aufregender wurden diese. Johann genoss gerade ein kühles Bier und übersah auch nicht die neugierigen Blicke, welche die Mädchen zuschickten. Da lauschte er den Erzählungen eines Mannes, welchen er vorher noch nie gesehen hatte. Es stellte sich schnell heraus, dass der Mann aus einem weit entfernten Tal kam und auf der Durchreise war. Der Mann war Johann ein Rätsel. Neugierig blickte er dem Fremden ins Gesicht, doch schien darin keine Antwort zu finden. Er hatte etwas Abstoßendes an sich. Grausig gekämmt lag sein schütteres schwarzes Haar auf dessen Kopf und ein leichter Buckel zwang ihm in eine unnatürliche Haltung des gesamten Körpers. Je länger Johann den Reisenden ansah, desto mehr fröstelte ihn. Er setzte sich an den Nachbartisch und spitze die Ohren. Der Fremde erzählte den alten Jägern von einer Kreatur, die er nicht unweit von Wildenfels gesichtet hatte. Als er im Begriff war seinen Durst am kalten Gebirgbächlein zwischen den Felsmauern im Wald zu stillen, da raschelte und knisterte es im Gebüsch. Der Fremde dachte sich nicht viel dabei und versucht den Lärm einem Reh oder einer entlaufenen Kuh beizumessen, doch er täuschte sich gewaltig. Als er sich zur Erfrischung noch etwas Wasser ins Gesicht gab, drehte er sich um und blickte einem riesigen Pelzkopf in die Augen. Ein riesiges Ungetüm mit schwarzen Pelz und von ungeheurer Größe stand vor ihm. Es war ein Bär. Sein Herz stockte und er sprach innerlich schon sein letztes Gebet zum Herrn. Wundersamerweise aber schnupperte der Bär an dessen Lumpengewand und drehte sich desinteressiert um. Gelangweilt verschwand er wieder im Wald, so unberechenbar und unbegreiflich einfach wie er auch aufgetaucht war. Der Reisende wusste noch immer nicht wie ihm geschah und rannte stundenlang ins Tal hinab, bis ihn die Müdigkeit seiner Beine nicht mehr eilen ließ und glückselig wie er war nahm ihn ein alter Müller in seiner Mühle als Gast für eine Nacht auf. So geschah also der gestrige Tag. Johann, der mit Staunen und Schaudern der Geschichte gelauscht hatte, war wie verzaubert. Ein Bär in Wildenfels, so etwas hielt er nicht wie möglich. Früher als sonst zahlte er dem Wirt, was er ihm schuldig war und legte sich zu Bett. Lang konnte er nicht einschlafen und dachte immer wieder über die unfassbare Geschichte des Fremden nach. Auch im Traum malte er sich die wilde Erscheinung der Bestie aus. Tage vergingen und Johann war nach wie vor erfasst vom Gedanken an den Bären. Er wollte ihn jagen. Ja, er wollte dieses Untier erlegen und ein Held sein. Sein Ziel stand fest. Nichts konnte ihn davon abbringen. So geschah es also, dass Johann seine beste Flinte, Munition und etwas Essen packte und sich von Vater und Mutter verabschiedete, um für einige Tage ins wilde Gebirge zu ziehen. Wenn er den Bären finden konnte, dann nur auf dem Pfad wo der fremde Reisende nach Wildenfels gekommen war. Schnellen Schrittes und fest entschlossen stieg Johann auf. Er passierte steile Abhänge auf schmalen Hochpfaden, durchquerte reißende Bäche und kletterte auf Felsen höher ins mächtige Gebirge empor. Schon bald wurde der Wald lichter und Moose bedeckten die Böden. Johann begann zu frieren, so kalt wurde es in den einsamen Nächten zwischen Latschen und endlosen Bergwäldern. Zwei Tage und Nächte geschah nichts. Keine Spur vom Bären war je zu erkennen gewesen. Erst am dritten Tag, als Johann enttäuscht mit dem Abstieg ins Dorf begann, da sah er vor sich im Dickicht der vielen Fichten einen schwarzen Fels stehen. Es dämmerte bereits. Johann wunderte sich, denn so einen gewaltigen Felsen hatte er an dieser Stelle noch nie sehen können. Er trat näher und erschrak fürchterlich als ihn zwei leuchtend gelbe Augen, so groß wie Suppenschüsseln, zornig entgegen blickten. Die Feuer der Hölle loderten im Blick des Bären. Johann riss sich die Flinte vom Rücken und sprengte in Richtung Felswand. Der Bär folgte ihm mit riesigen Sprüngen und brüllte, sodass das Echo weit in das Tal hinab zu hören war. Johann rannte um sein Leben. Er spürte bereits den warmen Atem, welcher dem Bären aus dem Rachen drang. Johann zwängte sich rückwärts in die rettende Felsspalte und lud sein Gewehr durch. Mit einem lauten Knall löste er den Schuss und traf dem Bären mitten in die Stirn. Doch ein Schuss reichte nicht. Wie wahnsinnig schlug der Bär um sich und riss mit seinen unfassbar kräftigen Pratzen Äste von angrenzenden Bäumen. Johann witterte seine Chance und jagte dem Tier vier weitere Kugeln in den Kopf. Ächzend und unter fürchterlichem Schmerzensgebrüll brach der Bär zusammen. Erst als das Ungetüm den letzten Rest seines tierischen Lebens aushauchte, wagte sich Johann aus seinem Versteck. Triumphierend betrachtete er den toten Bären zu seinen Füßen und erst nach einer weiteren Stunde beruhigte sich endlich sein Atem. Johann schnitt dem Bären die Tatzen ab, steckte sie in seinen Rucksack. Den Kopf band er mit einer Schnur um seine rechte Schulter. Mit einem nie erahnten Hochgefühl und den Trophäen im Gepäck kehrte er ins Dorf zurück. Es herrschte Schaudern und Entzücken zugleich. Die Menschen feierten Johann als Held und der Wirt veranstaltete eine ganze Woche ein Fest zu Ehren des großen Bärenschützes Johann Lötnhammer. Die Kunde verbreitete sich wie ein Lauffeuer im ganzen Land und der Bischof selbst schickte dem jungen Waidmann sieben goldene Münzen für seine Tapferkeit und seinen Heldenmut. Johann feierte brav. Viele schöne Mädchen schenkten ihm unvergessliche Stunden. Mit dem neu gewonnen Reichtum bereiste er Wien und München. Auch die Leute in der Stadt konnten nicht genug von seiner Geschichte bekommen, wie er im Kampf gegen den Bären siegreich bestand. Endlich kehrte er wieder ins Dorf zurück und machte sich erneut zu einer großen Jagd auf. Seit einem halben Jahr schon war er nicht mehr im Wald gewesen und sein Herz war voller erwartungsvoller Freude. Wie gewohnt fand er schnell den Weg ins Gebirge. Als Johann schon einige Tage auf der Jagd war, da brach ein fürchterlicher Sturm ins Land. Selbst die alten Männer im Dorf konnten sich nicht an ein vergleichbares Unwetter erinnern. Blitze zuckten böse durch den finsteren Nachthimmel und Bäume brachen zu Hunderten. Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht dauerte der wahr gewordene Albtraum. Mensch und Tier verkrochen sich in ihren schützenden Bauten.
Als Johann auch nach fünf weiteren Tagen nicht zurück ins Dorf gekommen war, da machten sich die beiden braven Söhne des Dorfschmiedes in die felsigen Höhen auf, um den Vermissten zu finden. Mit traurigen Mienen und gezeichnet von der strapaziösen Wiederkehr konnten sie nur mehr den entstellten Leichnam Johanns mit nach Hause bringen. Johann wurde begraben und beweint. Seit diesem Tage erzählten sich die Leute aus dem Dorf die Geschichte des Bärenschützes von Wildenfels. Mit Schauer wird die Geschichte auch heute noch im Tal erzählt und nicht selten bekreuzigt sich der ein oder andere, nachdem er vom Schicksal des Bärentöters Lötnhammer gehört hat. Nicht wenige glauben, der Tierquäler wurde vom Teufel selbst in der tobenden Gewitternacht die Felsen hinabgeschleudert.

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise

Kommentare

18. Feb 2015

Hab' an dem Sujet ja gar keine Interessen!
(Dies hab' beim Lesen ich total vergessen...)
LG Axel