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Der beginnende Wahnsinn in 365 Schritten

Bild von Alf Glocker
Bibliothek

87. Schritt

Ich habe keine Angst vor dem Tod – der Tod hat Angst vor mir. Wenn er mich sieht kommt er gleich selbst auf die Welt und kriegt ein Babygesicht aus Mattscheibe mit Eselsohren. Dann flötet er mir was vor: „Schlaf, Kindlein schlaf, du bist ein dummes Schaf, nun schüttel noch dein Stammbäumlein, dann wirst du nicht alleine sein, Schafskindlein schlaf!“

Verzweifelt versuche ich verstanden zu haben, aber ich stehe am Bahnhof und muss doch erst einmal nachsehen wohin die Züge gehen. Im Fahrplan stehen sämtliche Abstellgleise verzeichnet die man sich nur vorstellen kann. Das erleichtert mir die Suche ungemein!

Aber immerhin ist es mal wieder Ling! Der Früh- oder der Schmetter- ? Ich zähl‘ vorm Kopf die Bretter. Als ich das letzte Mal simultan gespielt habe, konnte ich auf 3 Brettern dreimal enttäuschen. Nicht unbedingt mich, aber kam es überhaupt darauf an?! Das war einmal – heutzutage plagen mich vorzugsweise Spannungskopfschmerzen…

„Niemals wirst du sein was du sein wirst, wenn du erst einmal nicht mehr sein wirst“, flüstert mir wer ins Ohr und ich habe den Tod im Verdacht, der ja extra meinetwegen Gestalt angenommen hat, während er anderen dieselbe wegzunehmen pflegt. „Dein Humor ist aber reichlich grau“ entgegne ich Niemand, denn der Tod ist ja nur eine Sagen-Gestalt. In irgendeiner der zahllosen Wirklichkeiten, außerhalb der Märchengeschichten – wissenschaftlich meine ich – ist er körperlos dargestellt, wenn auch nicht grad‘ ohne Bedeutung!

Ganz im Gegenteil. Seine Bedeutung ist sogar überall, in Sagen oder Nicht-Sagen, größer als alle Abstellgleise der Welt, die man aber nicht befahren – auf ihnen verreisen – muss, wenn man sich einbildet, sie führten alle nach Rom! In dieser Hinsicht empfiehlt es sich dringend Schmied zu sein, oder sich zumindest für einen solchen zu halten. Dann hat man Glück und darf einen Film sehen, einen von Hans!

Nicht vom Herrn Hans (Don Juan), sondern von dem Hans mit der Gans, oder von einem Hänsel, samt Gretel im dunklen Wald, mit dem Hut in der Hand, denn man muss nur mit den Leuten reden, dann klärt sich alles von selber auf: die Fahrpläne nach Nirgendwo im Niemandsland. Da wachsen die Spatzen in der Hand zu – eigentlich längst ausgestorbenen – Ozeanseglern heran, auf deren Rücken eine arme Seele um die ganze Erde fliegt. Mayday, Mayday!

Wer dem Tod begegnet der ist schon mal auf seine ureigene Weise um die Erde geflogen – was manchmal ja nur eine ganz kleine Strecke ist. Manchmal bedeutet es auch, daß man sehr weit entfernt von ihr, im eigenen Universum kreist, ohne je bemerkt zu haben wo man sich befindet. Das ist zwar peinlich, aber auch nur dann, wenn einem dies nachvollziehbar von jemandem begreiflich gemacht werden kann. Andernfalls hat man selbst noch ein Babygesicht, sähe es auch aus als wäre es100 Jahre alt!

Wie ich selbst nun genau aussehe weiß ich nicht. Und jemanden danach zu fragen lohnt sich nicht, denn keiner könnte mir auch nur ansatzweise schildern was er selbst erfasst, da es unmöglich beschreibt wie ich in „Wahrheit“ aussehe. So etwas könnte nur ein völlig unabhängiger Geist, der sich durch nichts irritieren lässt. Also muss ich mich mit meinem Bauchgefühl zufrieden geben.

Was sagt es mir? Völlig zuverlässig kann man das nicht eruieren, da Gefühle von Haus aus schwankend sind. Eine erschöpfende Auskunft zu bekommen ist also so gut wie unmöglich? So lasse ich die Frage nach meinem tatsächlichen Aussehen einfach außen vor und experimentiere an der Wahrheit herum. Vielleicht komme ich dann auf folgendes:

Meine Ohren hängen ganz schlapp, auf beiden Seiten am Kopf herunter, sobald mir ein Esel mit Mattscheibe erklärt was ich denken soll. Seine Argumente dafür sind nachvollziehbar und einfach: „Nicht die Effizienz des Gedachten ist ausschlaggebend für den Tod durch die angewandte Schafskälte, sondern die angewandte Schafskälte ist ausschlaggebend für die Effizienz eines Denkens, wenigstens solange es darum geht, daß nichts im Leben bewirkt wird“. Na, wenn das nicht der Tod ist…

©Alf Glocker

Digitale Kunst
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Kommentare

27. Mär 2015

Schlappe Ohren sind nicht schlecht!
Man hört dann manchmal nicht so recht...

LG Axel

29. Mär 2015

Das ist manchal wirklich gut -
denn sonst kocht und schäumt das Blut...

LG Alf