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Der beginnende Wahnsinn in 365 Schritten

Bild von Alf Glocker
Bibliothek

101. Schritt

Manchmal, wenn mich der Wahnsinn wieder voll im Griff hat, suche ich nach plausiblen Erklärungen für ihn. Das lässt vieles vermuten, doch das meiste davon ist falsch. Ich greife zum Beispiel nicht nach sogenannten „horizonterweiternden“ Drogen wie LSD oder Glauben, sondern nach dem Strohhalm der Vernunft.

Ja, ich versuche mir sogar verzweifelt zu erklären, warum überhaupt irgendjemand eine Horizonterweiterung in solchen Einschränkungen sucht. Ich, demgegenüber irre zwischen atemberaubenden Theorien von einem schlechten Gott, der Sinnlosigkeit des Universums, nein, der Schöpfung im Allgemeinen herum.

Ich eiere, mit meinem armseligen Begriffsvermögen durch sämtliche Unwägbarkeiten des menschlichen Daseins, bis ich schließlich auf die Einfachheit des Geistes und die daraus resultierenden Erfordernisse stoße.

Danach brauche ich aber keinen Therapeuten, denn ich möchte das Karussell nicht noch beschleunigen, in dem man mich völlig verwirren möchte, dann bräuchte ich vielmehr ein Wunder! Ich müsste auf einen Menschen treffen, der sich nicht verletzt fühlt, wenn man versucht ihm seine Ausreden wegzunehmen, die ihm sein ganz persönliches Seelenheil garantieren.

Irrtümer – so sage ich mir – sind zwar erlaubt, sie dürfen jedoch nicht institutionalisiert werden. Warum muss man also all jene verteufeln, die Problemlösungen im Aufdecken von Wahrheiten suchen? „Aggressivität ersetzt keine logischen Denkvorgänge“, sagt mir eine durchaus auch fundamentalistische, für mich aber völlig ungläubige Gewissensstimme, die mich aus dem gewaltigen Pool freier Unwägbarkeiten heraus anspricht, um mich vor dem Schlimmsten zu bewahren: der „Höheren Einsicht“ durch Glaubenssätze.

Völlig unkontrolliert, versucht mich also der Wahnsinn gegen mich selbst – als einem orientierungslosen Etwas - abzusichern. „Muss ich jetzt sofort eine Lösung finden?“ Diese Frage begleitet mich durch die Wirren des Daseins und gleichzeitig deutet sie auf etwas hin, was ich nur zu gerne wahrnehmen würde: auf eine von außen kommende Patentlösung.

Angeboten werden diese Patentlösungen durch Propheten aller Art und jeder von ihnen versucht in mir zweierlei zu erwecken – 1. ein schlechtes Gewissen und 2. ein Gefühl von Geborgenheit! Ich genieße es angenommen zu werden. Und schon schwanke ich in den Opiumnebeln des Lichts das keines ist, in der Familie der Heiligen, die in Wirklichkeit eine harmlose oder verharmloste Ansammlung von Irren ist – bestenfalls. Schlimmstenfalls bin ich eine Mördergrube geraten.

Aber wer möchte ihn denn schon annehmen, den schlimmsten aller Fälle, wenn man frei haus schöne Erklärungen präsentiert bekommt?! Die Versöhnung liegt also nahe. Der verlorene Dings kehrt nach Scheinheim zurück, wo er zum Schein aufgenommen wird, wenn er sich – ganz real – anpasst. Wie schön?!

Bin ich dann glücklich geworden? Oder nagt da eine seltsame Krankheit an mir, die mich oberflächlich befriedigt, aber im tiefsten Innern aufzehrt, aushöhlt, bis ich nicht mehr weiß, wer ich in Wirklichkeit bin, da meine Wirklichkeit die der Gemeinschaft geworden ist? Einer Gemeinschaft, die nur deshalb existieren kann weil sie sich denkbequeme Zwänge fügt.

Irritiert blicke ich mich um! Nun ja – leider muss ich jetzt auch noch zugeben: Für das, was mich umgibt, fällt mir auch keine Patentlösung ein. Aber was ist mit mir? Wie soll ich hier, in dieser Anstalt, die alles hinter ihre Gitter bringt, das nicht mit ihr konform geht, überleben, wenn sie ausdrücklich nach dem Wahnsinn verlangt? Ok, die Antwort ist klar: ich muss einfach klein beigeben! Das ist natürlich überhaupt kein Problem für mich – hoppe, hoppe Reiter, ich mach das und weiter, ene, mene Mäusespeck, eins, zwei, drei, das Hirn ist weg!

©Alf Glocker

Diogitale Kunst
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Kommentare

12. Apr 2015

Ganz weg ist das Hirn doch nicht!
(Dies beweist grad die Geschicht'...)

LG Axel