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Der Hausarzt

Bild von René Oberholzer
Bibliothek

Im Altersheim Rosengarten kam regelmässig ein Hausarzt vorbei, der griechischer Abstammung war. Er hatte schwarzes Haar, einen braun gebrannten Teint und schöne, lange Hände. Wenn er zur Visite kam, versammelten sich alle weiblichen Bewohnerinnen auf den Gängen, um den gross gewachsenen Schönling zu begrüssen. Auch einige Frauen vom Pflegepersonal freuten sich jeweils auf den Tag, an dem der Arzt im Heim erscheinen würde. Die Arbeit an solchen Tagen war nur noch zweitrangig, einige machten sich kurz vorher noch ein wenig schön oder suchten einen Vorwand, um sich an einem Ort aufhalten zu können, an dem sie den Arzt sehen konnten. Wenn der Arzt jeweils aus einem Zimmer kam, herrschte auf den Gängen eine freundliche Stimmung. "Guten Tag, Herr Doktor", ertönte es dann mit einem leicht euphorischen Unterton. Doktor Theodorakis, der fliessend Hochdeutsch und Mundart sprach, hatte sinnliche Lippen, an denen die Bewohnerinnen und einige Frauen des Pflegepersonals in Gedanken hingen, auch wenn der Doktor mit ihnen nur ein paar Worte wechselte. Einige Bewohnerinnen schenkten ihm nach der Visite selbst gestrickte Socken, die der Arzt an seine Sekretärin weiterverschenkte, wiederum andere Bewohnerinnen zeigten sich besorgt um ihre Gesundheit und fragten den Arzt, ob er sie nicht nach einem Knoten in der Brust abtasten könne.

Eines Tages war Doktor Theodorakis wieder auf Visite, als im ersten Stock eine Pflegerin ins Stationszimmer gerannt kam und rief: "Frau Läubli im Zimmer 107 ist nicht mehr ansprechbar." Doktor Theodorakis, der sich gerade mit einer jungen Praktikantin unterhielt, stellte seinen Kaffee ab und ging mit der zuständigen Stationsleiterin ins Zimmer 107. Als sich der Doktor am Bett zu Frau Läubli hinuntergebeugt hatte, um sie nach ihrem Namen zu fragen, machte diese plötzlich ihre Augen auf, umarmte den braun gebrannten Griechen, der vor einigen Tagen aus Saloniki zurückgekehrt war, und küsste ihn auf seine sinnlichen Lippen. Der Doktor erschrak und versuchte sich aus der Umarmung zu lösen. Doch Frau Läubli hielt den Doktor weiterhin fest und flüsterte ihm ins Ohr: "Herr Doktor, Ihre Lippen sind so warm und weich, Sie riechen wie das Mittelmeer, ich bin einsam, aber für einen Kuss von Ihnen würde ich sterben." Dann liess die alte Frau den Doktor los, der sich leicht irritiert wieder aufrichtete und sich der Stationsleiterin zuwandte, die das Geschehen mitverfolgt hatte. „Was hat Frau Läubli zu Ihnen gesagt?", wollte sie wissen. "Sie hat mich einfach küssen wollen, sie fühlte sich einsam." "Ist Ihnen das schon einmal passiert?" "Ja, neulich im Sonnengrund, mit einer 90-Jährigen, und irgendwie kann ich es ihr nicht einmal verübeln." "Das kann ich verstehen", dachte die Stationsleiterin, "das Alter treibt wilde Blüten", und sie hätte den Arzt am liebsten auch geküsst. Dann dachte sie aber an ihren Ehemann, der zwar keine so sinnlichen Lippen und keine so schlanken Hände besass, aber trotzdem seine Qualitäten hatte. "Bleiben Sie noch ein wenig bei Frau Läubli", sagte Doktor Theodorakis, "ich gehe jetzt zur nächsten Bewohnerin." "Gut", sagte die Stationsleiterin, "kommen Sie doch am Schluss der Visite noch einmal im Stationszimmer vorbei, ich muss Ihnen noch etwas mitteilen."

Als der Doktor das Zimmer 107 verlassen hatte, wandte sich die Stationsleiterin wieder Frau Läubli zu, die regungslos auf dem Bett lag. Die Stationsleiterin nahm die Hand von Frau Läubli und stellte fest, dass der Puls ausgesetzt hatte. Auf dem Gesicht der Bewohnerin lag ein seliges Lächeln.

© René Oberholzer

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