Der Käufer auf dem Flohmarkt - Page 3

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Individualität. Sehr eilig hat es Tim Käufer, denn die Arbeit jammert und klagt über Schmutz, Dreck und Herbst. Seine Greifzange, zusammen mit einem Müllbeutel, hält er beseelt in der Hand und schon beim Rausgehen sieht er etwas, was auf dem Tisch liegt: Eine Zeitung, die unübersehbar über fünf tote Kinder berichtet, die von Piranhas gefressen worden sind. Auch wird dort erwähnt, dass sich der Vorfall im Schwimmbad ereignet hat. Eine Pause für die Arbeit und eine stille Trauer für den Verlust. Er nimmt die Zeitung zurückhaltend in die Hand und hält den Atem an. Nicht aus Trauer oder Kummer, sondern weil die Zeitung einen Kaffeebecher-Abdruck hinterlassen hat. Am Wochenende war anscheinend jemand hier und hinterließ unübersehbare Spuren von sich. Obwohl den Hafen-Container niemand betreten möchte, tat einer es. Einer war hier und verbrachte hier ein paar Minuten, die sehr deutlich geblieben sind. Tim Käufer schaut sich um, ob sich die Ordnung und der Zustand verändert haben. Nur die alte Kaffeemaschine wurde zweifellos benutzt und der Kaffeebecher kann solche Vermutungen bezeugen. Falls die Zeitung die alten Spuren hat, war jemand hier. Hier ist einer gewesen und verwundert begreift er, dass es sein Arbeitgeber war. Sein Brötchengeber, Firmeninhaber und Dienstherr war hier und suchte vermutlich etwas, was er später mit Kritik verbinden kann. Ein böses Erwachen wird demnächst passieren und jede Unterstellung und jeder Vorwurf muss noch heute beseitigt werden. Wird diese Herausforderung angenommen, wird der Arbeitgeber keine Kritikpunkte finden. Finden kann man alles, was man sucht, und wenn man sogar Dummheit finden möchte, wird man alles bei sich selbst finden. Bei sich hat Tim Käufer alles, was er für die Arbeit braucht. Er möchte noch kurz die Zeitung lesen und da passiert es: Eine Frauenstimme gibt einen frechen Laut von sich:
»Faulheit ist die Eigenschaft, die eigentlich da herrscht, wo es keine Arbeit gibt! – Wie ich sehe, sieht das Parkhaus vernachlässigt aus. Aus welchem Grund sind Sie überhaupt hier?«
Tim Käufer dreht sich um und diese Erwartung wurde voll erfüllt. Erfahrung mit brenzligen Situationen ist ihm vertraut und er vertraut der Erfahrung, die vieles hinterlassen hat. Diese Gelehrtheit bekommt man da, wo die Arbeit mit Menschen da ist. Wer solch widerliche Sätze und abscheuliche Kränkungen ausspricht, wird sich genau so kleiden. Die Oberfläche ist das, was wir sehen und Tim Käufer sieht, wie solch ein Mensch durch eigene Garderobe die Lebenseinstellung repräsentiert … Diese Frau ist ungefähr Ende vierzig; schätzungsweise körperlich sehr klein gebaut; kurze Haare; unauffälliger Schlabberlook mit Jack-Wolfskin-Jacke. Diese Tatsachen sprechen kaum vernehmlich für sich, wenn man durch die Kleidung die eigene Lebensgeschichte da erzählt, wo man sie nicht braucht. Rund um die Uhr gibt es unmerkliche Geschichten, die erzählt werden möchten. Jeder strahlt das Leben aus, welches man lebt, und wenn man nichts im Leben gelernt und erlebt hat, kommt die Feindseligkeit als die Lebenseinstellung, die nur auf etwas Kränkendes eingestellt ist. Böse gucken kann die Frau und so ein Blick strahlt bösartige Finsternis aus, die die Seele und Körper trägt. Die Frau spricht trübselig weiter:
»Diese Wandmalerei, die ich sehe, muss sofort weg! Die Parkgebühren, die verlangt werden, sind eine reine Schweinerei! Wenn ich mein Auto hier stehen lasse, möchte ich, dass mein Auto die Bequemlichkeit sieht. – Dies muss sofort passieren!«
Solche Aussagen und Frechheiten können Gefühle verletzen, aber für Tim Käufer sind es nur Worte, die rasend wegfliegen. Also spricht er mit Freundlichkeit und zugleich mit Gleichgültigkeit:
»Diese Höhlenmalerei wird in ein paar Stunden verschwinden … Die Parkgebühren wurden nicht von mir erfunden, sondern sind reine Geschäftsbedingungen, die ein anderer erfunden hat.«
Wenn man die Dummheit in anderen Menschen sehen möchte, wird man die eigene Blödheit sehen und dabei eine gewisse Ignoranz fühlen. Scharfsinn kann diese Frau nicht aufbringen, sondern Stümperhaftigkeit und Bosshaftigkeit. Unter Nervosität antwortet die Frau:
»Reine Schweinerei, dass man für das Parken noch Geld verlangt! Ich bin genau vor drei Minuten hier eingefahren und muss für diese Zeit viel Geld ausgeben! – Wieso zum Teufel soll ich noch ganze sechzig Cent bezahlen? Eine Schweinerei nennt sich das …«
Sowas nennt sich Dienstleistung, die man überall finden kann und überall wird damit viel Geld verdient. Die Wahrheit muss Tim Käufer nicht aussprechen, sondern die Zeit gewinnen, damit die Frau geht und die Arbeit bleibt. So spricht er aufdringlich mit ihr:
»Wenn Sie ins Parkhaus einfahren, stimmen Sie automatisch dem Geschäftsbedingungen zu. Wer hier einfährt, muss dafür Geld bezahlen und es spielt keine Rolle, wie lange man hier stand.«
Ihre ungewaschenen und kurzen Haare stehen zu Berge und unter Aufregung spricht sie per du weiter:
»Juristisch kenne ich mich ganz gut aus! – Kannst dir sicher sein, dass du deinen Job verlierst. Kannst dir da ganz sicher sein, mein Freund! Ich werde dich bei der Polizei verklagen!«
Weiterhören möchte Tim Käufer nicht und er muss somit logisch und vorsichtig handeln. Auf dem Tisch liegen viele Zettel. Ein ganzer Stapel aus Papier, der sicherlich nützlich ist. Davon nimmt er ein Blatt und gibt es der Frau. Unter Hektik und Wut nimmt die Frau das Papier in der Hand. Lesen möchte die Frau es nicht, sondern einfach weiterreden. Es spielt keine Rolle, ob das Unrecht hier weilt. Es geht darum, dass die Frau jedem die Laune verderben möchte. Ihre Seele ist verdorben und sie möchte alles und jeden damit vergiften. Wenn man keine Kinder hat, lässt man die Wut an anderen Menschen aus. Wenn das Umfeld dafür auch nicht passt, sucht man die Menschen aus, die man durch die Arbeit und darauf bezogene Kritik anfechten kann. Solche Menschen betrachten alles kritisch und suchen alles, was man angreifen kann. Mit dem Zettel in der Hand spricht die Frau unmanierlich weiter:
»Was soll diese Schweinerei … Wieso redest du nicht mit mir, wenn ich dich etwas frage! Du hast nicht das Recht zu schweigen, wenn ich mit dir rede!«
Wenn man etwas zu sagen hat, sollte man schweigen und alle die Gedanken aufschreiben. Schreiend dies verbreiten und auf Antwort warten. Warten

Lektor: Axel C. Englert

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