Der Käufer auf dem Flohmarkt - Page 6

Bild von Jurones
Mitglied

Seiten

Licht verbreiten. Weiter muss Tim Käufer nicht mehr rennen, denn sein Ziel hat er bereits erreicht.
»Es reicht …«
Sagte die Frau und nach stillen Überlegungen handelt sie. Sie wählt irgendeine Nummer und möchte wohl unerschöpflichen Schaden anrichten. Hinrichten möchte sie jeden, obwohl die Gründe dafür nicht vorhanden sind. Jemanden hat sie am Telefon erreicht und sie spricht tadelnswert weiter:
»Es reicht! Das geht zu weit … Das kann ja wohl nicht wahr sein! Einer Ihrer Mitarbeiter ist nie vor Ort. – Seit vielen Stunden warte ich darauf, bis mir geholfen wird! Der junge Mann, der wohl bei euch arbeitet, läuft hier durch die Straßen und vergnügt sich mit Zigaretten! Das ist eine Frechheit, das kann ja wohl nicht wahr sein … Der muss weg! Der Parkhaus sieht unsauber und scheiße aus … Ein Graffiti ist auch zu sehen! Ich kriege so einen dicken Hals! Als Arbeitgeber sollten Sie hier sein und Disziplin verlangen! So was kann nicht wahr sein …«
Die Lügen haben genauso kurze Beine wie diese Frau auch. Auch können die Lügen laufen, wenn man sie kaum wahrnehmbar ausspricht. Das Telefongespräch geht unverständlich weiter, denn die Frau hört berückt zu. Die Chemie zwischen den beiden stimmt beseelt überein und endlich werden ihre Träume wahr: Der Arbeitgeber versteht wohl diese verharmlosende Lage und sagt am Telefon, dass er sich darum kümmern wird. Dieser Tag hat sich für die Frau gelohnt und ein berückender Seelenfrieden rückt durch ihre Feindseligkeit immer näher. Obwohl diese Frau überhaupt kein Auto besitzt, hat sie heute Bedeutsamkeit, Gefährlichkeit und wahre Wichtigkeit vollbracht …
Langsam haben sich im Parkhaus unzählige Autos gesammelt. Endlich kann der Arbeitstag für Tim Käufer anbrechen und der Parkhaus-Zustand muss die Pflicht haben, sauber zu sein. Die angerauchte Zigarette lässt er im Parkhaus mit der Hoffnung liegen, dass er sie bald aufheben wird. Bald werden hier noch mehr Autos stehen und die gewissenhafte Sauberkeit muss mit Gewissen gewährleistet werden. Nicht ohne Grund hat das Parkhaus auch eine Kehrmaschine, die mit ihrer Schnelligkeit alles verschlingt und beseitigt, was da reinpasst. Die Baumblätter liegen so, als hätte das Parkhaus einen großen Teppich bekommen. Die Kehrmaschine ist da, wo sie niemand entwenden, entdecken und ergaunern kann: Tiefgarage. Schlüssel für die Kehrmaschine braucht man nicht. Mit einem Kurzschließen der Kabel kriegt man die Kehrmaschine an und jedes Mal fragt sich Tim, woher der Arbeitgeber diese Maschine hat … Laut Gesetz und Vorschriften darf diese Kehrmaschine nur maximal 8 km/h fahren. Durch die Reparatur-Werkstatt beträgt die neue Höchstgeschwindigkeit ganze 32 km/h! Vor Monaten gab es hier einen Parkhaus-Wettbewerb, wo andere Parkhausbetreiber mit eigenen Kehrmaschinen den Konkurrenzkampf ausgetreten haben. Die Rennstrecke ergab sich zufällig in diesem Parkhaus. Die Startlinie begann in der Tiefgarage und die Finish-Fahne hielt höchstpersönlich ein Leiter der Berufsgenossenschaft für Transport und Verkehrswirtschaft. Als Parkhaus-Rennfahrer gewann Tim Käufer die Regionalmeisterschaft und erreichte dadurch einen gewissen Bekanntheitsgrad in der Parkhaus-Szene. In den Tagen zuvor ließ sein Betriebsleiter Tims Kehrmaschine frisieren und aufmotzen … Daher war der Sieg und Triumph vorauszusehen und dementsprechend setzte der Betriebsleiter seine ganze Kohle auf Tims Sieg. Wohlhabend ist der Betriebsleiter durch den Parkhaus-Wettbewerb geworden. Obwohl Habgier seine größte Eigenschaft ist, gab er Tim Käufer ein wenig Geld. Für das Geld sollte er auf dem Flohmarkt etwas für den Hafen-Container kaufen. Großzügig und irgendwie auch hochherzig war damals der Betriebsleiter und dennoch sehr selbstgefällig.
Das Fahren ist für Tim Käufer eine Leidenschaft, und hätten sich die Lebensumstände besser gestaltet, wäre er heute wahrscheinlich ein Formel-1-Fahrer. Wahre Hingabe bringt er für das Fahren mit und die Kehrmaschine kann es bezeugen. Vielleicht muss man im Leben alles aufgeben und für das Aufgeben muss man vieles geben. Viel bietet sein Job ihm nicht an und nur das Fahren bleibt, wo sich eine bessere berufliche Laufbahn hätte ergeben sollen. Aufgeben kann er die Arbeit nicht, denn ohne das Fahren wäre er lebensmüde. Ohne Führerschein darf man auf Privatgelände fahren und der Besitz des Führerscheins bleibt ihm nicht der Wirklichkeit entsprechend, weil die finanzielle Lage sehr bescheiden bleibt … Daher muss man die Bodenständigkeit da erkennen, wo man Träume sehen möchte. Der Boden sieht in der Tiefgarage steril und aufgeräumt aus. Zum Glück gibt es hier ein Tor, welches die Baumblätter durch die Gitter abfängt. Die Kehrmaschinen-Fahrt kann beginnen! Doch davor muss man manierlich einen passenden Song finden. Ein alter MP3-Player mit Boxen soll ein freudenreiches Lied vermitteln und erfreuliche Gefühle weitergeben. Weiter sucht er den richtigen Song, der launisch und passend Emotionen verbreiten kann „AViVA – GRRRLS“ heißt die Sängerin und das Lied und die Fahrt können endlich aufbrechen! Nur noch die Zigarette fehlt im Mund und an diesem Bedarf mangelt es nicht. Die Kippe zündet er mit Geschicklichkeit an und fühlt sich wie ein Fisch im Wasser. Währenddessen lässt er das Lied abspielen; mit einem Kurzschluss bringt er die Kehrmaschine zum Laufen; nimmt einen kräftigen Zug an der Zigarette und drückt aufs Gaspedal. Der Auspuff qualmt und blubbert! Der Klang der Maschine breitet sich mit Echo rasend aus und die Musik wird noch lauter aufgedreht! Der Raum genießt diese Aufmerksamkeit und ist nach all den vielen Montan daran gewöhnt. Nur die Kunden erschrecken sich, wenn sie sehen, wie Tim Käufer die Arbeit mit Vergnügen vereint. Meistens ist es eine bewusste Provokation, die Tim gleichmütig mit Musik und Rauchen verbreitet. Durch die Begeisterung für das Fahren, Rauchen und Musik-Hören möchte er vorbildlich etwas Außergewöhnliches hervorbringen: dass man eine Beklommenheit und Besorgnis mit wahrem Spaß überwinden und überbrücken kann. Über der Arbeit steht das eigene Leben, das sich sicherlich nur die Freude und Schwärmerei aussuchen möchte. Suchen muss man da, wo man sich selbst gefunden hat, und holt das Leben viele Scherben ein, so sollte man sich nicht daran verletzen, sondern die Scherben zusammenkleben, daraus etwas bauen und es als Kunstwerk verkaufen. Viele Baumblätter schmücken das Parkhaus, das die Schönheit gut gebrauchen kann, und diese Schönheit muss beseitigt werden. Daran kann man sich nicht verletzen, sondern fleißig und zielstrebig sein. Seine Kehrmaschine benötigt Treibstoff und die Tankanzeige ist tief gesunken. Das Fahren muss bedauerlicherweise unterbrochen werden und das

Lektor: Axel C. Englert

Seiten

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise