Der Splitter (Feuermond)

Bild von Anita Zöhrer
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Ich war durch und durch mit Schweiß durchtränkt, nicht anders erging es meinem Franziskanerfreund Bruder Franz. Die Temperaturen an diesem Tage waren ohnehin enorm und der heiße Atem des Drachen machte es nicht besser. Schon seit einer gefühlten Ewigkeit hämmerten wir an den Gitterstäben und es tat sich rein gar nichts. Nicht ein Splitter hatte sich seither gelöst, ich hatte keine Lust mehr.

Ich solle weitermachen, forderte Bruder Franz mich auf. Er könne mich kreuzweise, erwiderte ich und schleuderte den Hammer gegen den Käfig. In unzählige, kleine Splitter zersprang er, einer davon durchdrang mein Bein. Ich schrie auf und fiel zu Boden.

Ob ich verrückt sei, schimpfte der Franziskaner und eilte zu mir, am liebsten hätte ich ihn erwürgt. Als ob ich selbst an dieser Misere Schuld gehabt hätte. Wenn jemand Schuld hatte, dann meine Freundin – wer hatte denn die Idee mit der Wette?

Linderung empfand ich, als Bruder Franz mich auf seine Arme nahm. Ich lehnte meinen Kopf an ihn und schloss meine Augen. So sehr ich den Kerl auch verabscheute, so dankbar war ich ihm in diesen Momenten für seine Hilfe. Kaum zu ertragen waren die Schmerzen in meinem Bein, noch weniger auszuhalten als seine Gesellschaft.

Stunden später lag ich mit Fieber im Bett des Franziskaners. Nun hatte ich mein Zimmer, das ich unbedingt für mich beanspruchen hatte wollen. Gerne hätte ich verzichtet, wenn ich dafür gesund gewesen wäre.

Meine Verletzung hatte Bruder Franz verarztet und mich daraufhin wieder allein gelassen. Dass er sich weiter darum bemühte, den Käfig zu zerstören, hielt ich für ein sinnloses Unterfangen, aber zumindest hatte ich auf diese Weise meine Ruhe vor ihm. Ich holte mein Handy hervor und wollte meine bestimmt schon besorgte Freundin verständigen, doch der Akku war leer. Was hatte ich auch anderes erwartet? Etwa Glück? Ich musste selbst darüber lachen.

Immer elender fühlte ich mich. Langsam reichte es mir, in dem Kloster zu vereinsamen. Nach wie vor war Bruder Franz beim Drachen beschäftigt. Woher er die Ausdauer nahm, erstaunte mich. Erschöpft und unter Wehklagen schleppte ich mich ans Fenster und erschrak.

Eine schwarze Wolke näherte sich uns, in der ein Blitz nach dem anderen zuckte. Mein gesamtes Leben lang hatte ich noch nie ein derart bedrohliches Gewitter erlebt. Konnte dieser Alptraum hier denn noch katastrophaler werden?

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