Die Chroniken eines Liebestollen

Bild von Filippo Pirogov
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1975 … urplötzlich war ich da. Man gab mir den Namen Filippo und ich war einfach da! Was für mich überraschend kam, hatten meine Eltern jedoch lange im Vorfeld bereits geplant. Ich will hier zugeben, dass ich kurz nach meiner Geburt arg an Grenzen physischer und zwischenmenschlicher Natur stieß.
Ohne Hilfe konnte ich mich weder fort- noch hinbewegen, und die Kunst der Kommunikation beschränkte sich eher auf seltsamste Artikulationen, denn auf profunde Argumentationen. Die Nahrungsaufnahme ohne Beihilfe erwies sich als nicht möglich; die Entsorgung ebendieser zu meinem blanken Entsetzen ebenso wenig. Ganz zu schweigen von sozial kompetenten Eigenschaften – die waren schlichtweg nicht vorhanden. Stattdessen präsentierte ich mich launisch, maulfaul und zuweilen sogar cholerisch. Ja! In meinen Augen ein hilfloses, zu nichts zu gebrauchendes Bündel lebendiger Biomasse. Es entzieht sich meinem logischen Menschenverstand, wozu ich eigentlich für irgendjemanden von Nutzen sein sollte.

Eine kosmische Macht schien mich aber segnen zu wollen. Aus mir vollkommen unersichtlichen Gründen bekam ich Fans. Einer meiner größten Fans war eine Frau namens Mama. Sie hatte ebenfalls eine Mama und die fand mich wohl auch gut.
Mit diesen Followern im frisch gepackten Rucksack des Lebens gründete ich bald ein erfolgversprechendes Start-up, um für die Welt bereit zu sein.
Natürlich gab es auch einen Vater. Der Ordnung halber sei das erwähnt. Da er jedoch niemals die ihm zugedachte Rolle spielen wollte oder konnte, wird er auch in diesen Seiten keine Rolle spielen. Sicher denkt ihr, dass ich dies schreibe, weil die tiefe Narbe der Verbitterung oder versteckter Wut gerade in mir sticht. Nein, sicher nicht. Wisst ihr, ich kenne ihn schlichtweg nicht. Er entschwand tatsächlich unserem Sichtfeld.

Meine Fans also – Mama sowie auch Großmutter, wie ich sie später nannte - hatten es tatsächlich fertiggebracht, aus meinem gegründeten Start-up ein kleines und erfolgreiches Familienunternehmen entstehen zu lassen. Schon bald begann ich in Eigenherstellung zu produzieren. Kalkige Beißwerkzeuge in der Mundgegend präsentierten sich als erste Erfolge meines reichhaltigen Produktportfolios menschlicher Anatomie. Im Bereich der Geisteswissenschaften startete ich mit der Herstellung von artikulierten Lauten. Die kamen bei meinen Fans scheinbar gut an und ich beschloss, die Produktion für das kommende Quartal zu verdoppeln. Oh, wieviel Mühe wie auch Energie mich das kostete. Doch meine Fans kreierten schnell eine effiziente Methode der Abfallentsorgung, mit der sie ebenso einen CO2-gerechten, ökologischen Fußabdruck setzen konnten. Auch wenn ich sicher bin, dass sie sich da manchmal verwickelt haben …

Springen wir an dieser Stelle vier Jahre weiter. Durch erfolgreiches Marketing sowie fleißige Vertriebsarbeit gelang es mir, weitere Menschen in mein Unternehmen einzugliedern. Hier möchte ich Markus erwähnen, der jüngste Sohn von Großmutter und somit mein Onkel, der zu dieser Zeit gemeinsam mit uns im Haus lebte. Hinzu kommen einige wichtige Geschäftspartner, die ich einfachheitshalber erste Freunde nenne. Ihr werdet sie noch kennenlernen.
Doch, wo - um Himmels willen - spielt sich das Geschehen denn eigentlich ab? Ja, in welchen unbekannten Gefilden mitteleuropäischer Geografie ergehen wir uns hier? Verzeiht, liebe Leser! Lasst euch erleuchten. Wir befinden uns in Gönnern. Was? Das sagt euch nichts? Googelt nach Biedenkopf. Ach, versucht es gleich mit Marburg. Davon habt ihr bereits gehört, oder? Ich bin dort sogar geboren worden. Gönnern ist ein Kleinod mittelhessischen Landlebens und gehört zur Gemeinde Angelburg. Jener Nabel der Hemisphäre besteht neben meinem Heimatdorf aus zwei weiteren Gemeinden: Lixfeld sowie Frechenhausen.
Der Mittelhesse ist ein unkompliziertes, sympathisches Wesen, das in der Regel früh geschlechtsreif wird. Ist dies geschehen, paart er sich normalerweise, um hemmungslos weitere Mittelhessen mitten in die Mitte von Hessen zu setzen. Er unterscheidet sich wenig bis gar nicht von anderen Landsleuten. Einzig eine besondere Sprachbegabung wohnt ihm inne. Doch ich will hier noch nicht vorweggreifen.

Für das wenige Geld, dass ins Haus kam, kämpfte meine Mama tapfer, aber auch allein. Mit findiger Geschäftigkeit arbeitete sie von morgens bis abends in der Dorf-Apotheke von Gönnern. So verteilte sich das «Daily Business» mit mir auf die Frühschicht mit Oma sowie die Spätschicht mit Mama. Trotz finanzieller Engpässe, einem fehlenden Vater und auch drohender Perspektivlosigkeit, wurde ich umhüllt von bedingungsloser Liebe sowie einer Wolke der positiven Gefühle. Von dieser Blase der Emotionen machte ich hemmungslos Gebrauch; man erkannte früh, dass ich durchaus etwas anders tickte als Mitbewerber meines Alters. Während diese sich beispielsweise - vollkommen nach Plan der Natur - mit motorisierten Fortbewegungsmitteln im Miniaturformat beschäftigten, blätterte ich mit begeisterter Freude in Büchern. «Wow, du konntest schon lesen?», fragt ihr euch? Oh nein! Zeilen, vor allem natürlich Bilder, manifestierten sich aber bei mir schnell in ausgeklügelte Szenen meiner Vorstellungskraft. Bestimmte Trigger katapultierten mich blitzschnell von grenzenloser Fantasie beflügelt in andere Welten. Beispiel gefällig? Lest nur weiter!

Meine Oma war in Dingen der Textilreinigung federführend im Hause.
Nun allerdings kam es, dass die Waschmaschine eines Tages nicht mehr funktionierte. War das ein Problem? Nein! Als hochprofessionelle Problemlöserin packte mich Großmutter in einen kleinen Wäschewagen und rollte mit mir sowie der schmutzigen Fracht zum örtlichen Waschsalon.
Im Salon gab es viele ältere Damen, die allesamt beschworen, was für ein zauberhaftes Geschöpf ich sei. Doch auch wenn sie mir pausenlos Süßigkeiten zusteckten und mich betätschelten … der Waschsalon behagte mir wenig. Etwas schien hier vorzugehen. So geschah es, dass sich die Wäschetrommeln auf einmal in einen Meereskraken verwandelten. Mit ekligen, langen Fangarmen und pulsierenden Saugnäpfen griff er nicht nur nach mir. Zu meinem Bestürzen stellte ich fest, dass sich auch meine liebste Großmutter in unmittelbarer Gefahr befand. Mut stieg in mir auf. Dieser, mir so kostbare Mensch, konnte jeden Moment hilflos dem unberechenbaren Gebaren dieses Ungeheuers zum Opfer fallen. Das galt es zu verhindern.
Auf einem kleinen freien Fleck, welcher noch nicht von den Fangarmen des Grauens besudelt war, keimte Hoffnung in Form eines magischen - für meine Hände durchaus passenden - Schwertes auf. Bald hatte ich die hölzerne Waffe in Händen und beschloss mutig sowie verbissen dem Ungeheuer den Garaus zu machen.
Den Besen in der Hand sprang ich mit lautem Gebrüll auf die wild zuckenden Arme der Bestie zu. Seitliche Hiebe prasselten auf sie nieder, bis mir fast die Luft vor Anstrengung wegblieb. Obgleich meiner meisterlich gezielten Schläge scheinbar unberührt, machte das Monster weiter – genauso vehement wie zuvor. Nun galt es selbst in der Hitze des Gefechtes einen kühlen Kopf zu bewahren. Ich wusste, dass nur eine ausgeklügelte List hier noch helfen konnte. Da! Hinter weiteren wühlenden Fangarmen sah ich, wie sich eines der Augen des Ungeheuers langsam wie im Kreis rollte. Flink und leise wie ein Wiesel schlich ich unter den anderen wild zuckenden Tentakeln hindurch, um mir meinen Weg in Richtung der rotierenden Pupille zu bahnen. Das Auge lag noch immer gut geschützt hinter einem – nennen wir es - glasigen Helm. Was war hier zu tun? Konnte es sein, dass …? Ja! Der Verschluss des Glasauges prangte ungeschützt vor mir. Mit einem Schrei der Wut löste ich diesen und schlagartig hörte das Auge auf sich zu bewegen. Jetzt sah ich meine Stunde gekommen. Mit der Spitze meines behänd geschwungenen Schwertes stieß ich in die Mitte hinein. Und siehe! Grüner Schleim strömte mir entgegen und nach einem letzten Geröchel stand alles still. Ich hatte dem Auge des Grauens einen tödlichen Hieb versetzt.

In diese Ruhe des Triumphes hinein, riss mich urplötzlich etwas von hinten an der Schulter und drehte mich vom erblindeten Auge weg. Nun erwartete ich freilich, dass die ersten Bekundungen meiner Tapferkeit durch das Rund gingen. Doch dem war nicht so! Stattdessen formte sich - sehr real - das beinahe noch furchteinflößendere Gesicht einer tobenden Alten, die mich mit geifernder Stimme anschrie, ich möge endlich von der Wäschetrommel ablassen. Die Realität hatte mich schnell wieder eingeholt und sehr unsanft zurück in den Waschsalon befördert. Zu unsanft, denn als sie erneut Anstalten betrieb, mich von der frisch geöffneten Wäschetrommel wegzuzerren, verhedderte sie sich derart in meinem Besenschwert, dass sie ins Straucheln kam. Die Alte wankte bereits von einem Bein auf das andere. Doch das auf dem Boden verspritzte Wasser raubte ihr den letzten Halt. Die Schwerkraft übermannte sie atemberaubend schnell und sie landete im direkt angrenzenden Wäschewagen. Ich blieb stumm. Nicht jedoch meine Großmutter, die in diesem Augenblick herbeigeeilt kam. Sie befreite nicht nur mich aus der Verwirrung, sondern auch die Gefallene aus der textilen Notsituation. Prustend und stöhnend richtete sich diese mit Tennissocken auf dem Kopf sowie einem Schlüpfer über dem Ohr, bald wieder auf.
Meine Oma entschärfte die Situation mit so viel liebevoller Diplomatie, dass die Geschädigte nicht mehr aussah, als wolle sie mich wutentbrannt auffressen. Ihre Gesichtszüge wurden sanfter, als sie meinte, dass dies eben mal vorkommen könne. Noch lange Zeit später sprach man mit Schmunzeln über diesen heroischen Vorfall im Waschsalon. Was mich anging, schien eines klar zu sein. Das phantasievolle Abtauchen in andere Rollen wie auch Welten würde auch zukünftig Teil meines abenteuerlustigen Wesens bleiben.

Ebenfalls ein sehr gutes Verhältnis hatte ich zu Onkel Markus, der 10 Jahre älter ist als ich. Auch er hatte die Gunst von Großmutters uneingeschränkter Liebe erfahren dürfen und so wurden wir zu einem unzertrennlichen Trio. Mit ihm konnte man wundervolle Dinge entdecken. Zum Beispiel fremde Welten in einer aus Bettdecken gebauten Höhle. Oder dass rundliche schwarze Scheiben mit einer aufgelegten Nadel durch kreisende Bewegungen in der Lage sind, erstaunliche Geräusche zu erzeugen. Hoch bei mir im Kurs stand außerdem seine Sammlung «Asterix-Comics», welche ich in einem Atemzug verschlang. Leider nicht im Sinne literarischen Verständnisses. Stattdessen saugte ich die Bilder in mein Gedächtnis ein und zerriss die Hefte. Bei Markus erlebte ich so auch erstmalig die Reaktion ungläubiger Fassungslosigkeit, welche sich bald in tobende Wut verwandelte. Absolut zurecht! Ich hätte mir das auch niemals verziehen.

Markus führte mich in die Gesellschaft ein. Die drei «M»s in seinem Leben waren derzeit allgegenwärtig. Markus, Mädchen, Mofas.
Sowohl damals als auch heute hat doch jedes Dorf in jedweder Provinz diesen einen Platz; den Ort, an welchem man in jugendlicher Freude zusammenkommt, um zu sehen und natürlich auch gesehen zu werden. Die ersten Zigaretten, das erste kühle Blonde am Mund, die erste heiße Blonde im Arm. Ich gebe zu, dass ich mich nicht im Detail an derlei Treffen erinnere, aber ich glaube zarte Gesichter zu sehen, die in den kindlichen Wagen meiner Geborgenheit blickten. Und obwohl es wirklich nur verschwommene Bilder sind, denke ich, dass ich die frühen Gunstbeweise dieser zarten, fantastischen Wesen sehr genossen hatte.

Mein lieber Onkel, du hast alles richtig gemacht. Der Weg zum Herzen deiner Liebe wurde wesentlich leichter, wenn du dieses hilflose Tool mit Windeln, großen Augen und undefinierbaren Artikulationen dabeihattest. Wie früh entpuppte ich mich bereits als Mittel zum Zweck.

In jener Zeit jedoch gab es für mich nur ein wahres Highlight des Tages. Eine bereits sehr früh tickende sowie gut gestellte «innere Uhr» ließ mich allabendlich vor der Apotheke stehen. Was dann gefühlstechnisch in mir geschah, wenn die Seitentüre aufging und diese wunderbare Frau auf mich zulief, um mich in den Arm zu nehmen, ist schwer in Worte zu fassen. Es fühlte sich an wie ein emotionales Erdbeben, mit gesicherter Infrastruktur, gebaut für die Ewigkeit. Immer wiederkehrend, unwiderstehlich herrlich. Mama und ich hatten uns dann immer viel zu erzählen. Anschließend brachte sie mich ins Bett, lass mir ausgiebig vor, nur um sich dann mit mir in den Schlaf zu kuscheln.

Autobiografischer Roman

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