die falsche Karibik

Bild von Nathaliepanouie
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Gegen Mittag landeten meine besten Freunde und ich auf der traumhaften Karibikinsel an. Nach einigem Rummel mit den Behörden, sie legten hier noch mehr Wert auf Kontrolle als bei meinen meisten anderen Reisen, bezogen wir unser kleines Schmuckstück von Unterkunft an einer Steilküste. Der Fahrer hatte uns mit einem entnervten Brummen und jeder Menge kritischen Blicken abgesetzt und düste in einem Eiltempo wieder davon. Dan und Mandy wollten sich nach der langen Reise hierher ausruhen, doch ich konnte es kaum erwarten, ins warme Karibikmeer zu hüpfen. Ich zog mir lediglich eine Bikinihose über, das Gefühl, oberkörperfrei im Wasser zu schweben war zu einzigartig, um sich in die engen Dinger zu quetschen. Etwas unbedacht, aber wunschlos glücklich nahm ich Anlauf und sprang die Klippe hinab. Das Meer war angenehm frisch, und es roch nach Salz und Algen. Die lange Reise im Flugzeug hatte mich steif gemacht, und es war eine Wohltat, in großen Zügen an der Küste entlang zu schwimmen, und hin und wieder sah ich nach rechts, um an Land Pflanzen und hoffentlich auch ein paar Tiere erspähen zu können. Das musste das Paradies sein. „Dan! Mandy! los kommt her, es ist so wunderschön!“, rief ich, ohne die große Hoffnung zu hegen, sie würden es hören, also schwamm ich weiter. In mein Blickfeld geriet nun einige hundert Meter links von mir in Richtung offener See eine kleine, malerische Insel und ich fragte mich, wie lange ein Ausflug dorthin wohl dauern würde. Just in dem Moment vernahm ich ein lautes Platschen im Wasser hinter mir und einige Sekunden später konnte ich Dans Kopf hinter mir ausmachen. So ließ ich mich treiben und warf hin und wieder mal einen Blick in Richtung Küste. Und dann fiel mir etwas auf, ein kaum merkliches Detail, doch es ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Fast vergaß ich, mich über Wasser zu halten, sah immer wieder hin und doch – ich hatte richtig gesehen. Mein Gedächtnis trog mich fast nie, doch um ganz sicher zu gehen, und zugegebenermaßen auch, um mich etwas sicherer zu fühlen, näherte ich mich Dan und gab ihm zu verstehen, näher zu kommen. Er interpretierte meine Gesten richtig und tauchte neben mir auf. Freudenstrahlend sah er mich an, offensichtlich mehr als zufrieden, das laue Wasser der Karibik wieder um seinen Körper zu spüren. Vor etwas über einem Jahr waren Dan und ich mehr per Zufall als absichtlich im Rahmen einer globalen Pandemie auf Guadeloupe gelandet und hatten uns in die karibik schockverliebt. In der verwegenen Hoffnung, Dan könne meine zweifelhafte Beobachtung negieren, stupste ich ihn an und wies auf das Ufer rechts von uns. Flüsternd, nicht dass uns jemand hätte hören können, es geschah mehr aus Reflex, fragte ich: „Du, erinnerst du dich an diese Szenerie? Ich meine an genau diese Szenerie, hat der Küstenstreifen an unserem Badestrand auf Guadeloupe nicht genau so ausgesehen? Sieh doch, dieser Bananenbaum, umringt von je vier Palmen zu beiden Seiten und dieses Wasserlilienfeld genau daneben?“ Ich konnte mir nicht helfen, meine Stimme nahm etwas schockiertes an. Mein Freund sah mich an und an seinen riesigen Augen und seinem verzogenen Mund konnte ich ablesen, dass er mir keine weitere Antwort schuldig war. Er konnte sich erinnern und ich hatte Recht. Stotternd sprach er: „W-w-w-arum ist das so? Ist das nicht bloß ein Zufall?“ Langsam schüttelte ich den Kopf und wies auf den Küstenstreifen hinter den Palmen. Mit einigen Metern Abstand war eine zwischen zwei Bäume gespannte Hängematte platziert. Sie war aus feuerrotem Stoff. Die Angst in Dans Blick gewann an neuer Tiefe, denn zweifelsohne erkannte er diesen Ort von unserer vergangenen Reise wieder. „Lass uns zurück zum Haus, Jane, bestimmt irren wir uns und sind nur müde von der Anreise.“, sagte er und beeilte sich, zurück zu schwimmen. Eben diese Eile signalisierte mir, dass er insgeheim kein Stück an unsere Übermüdung glaubte. Einige Meter vor dem Haus kletterte ich aus dem Wasser, das Gestein war hier flach genug. Ich zitterte trotz der Hitze. Plötzlich hörte ich etwas summen und sah mich um. Doch kaum blieb ich stehen, verstummte der Ton. Ich drückte das Wasser aus meinen Haaren und ging weiter. Wieder summte es. Nun schaute ich nach oben. Und sah eine blinkende Kamera über mir am Gestein befestigt. Wie im Affekt hielt ich meine Brüste fest und rannte ins Haus, so schnell ich konnte. Als ob ich dort sicherer wäre.

Am nächsten Tag schlug ich meinen Freunden vor, zur Insel zu schwimmen. Mandy murrte, sie wollte lieber an der Küste entlang laufen bis zu der Villa, die sich von unserer Unterkunft aus schemenhaft erkennen ließ. Ich wies sie an, aufzupassen und sich ein Bikinioberteil anzuziehen. Dann machte ich mich mit Dan auf den Weg. Das Wasser fühlte sich kühler an als am Vortag, aber vielleicht bildete ich mir das auch ein. Um meinem Freund keine weitere Furcht einzujagen, erwähnte ich diese Bemerkung nicht. Die Insel sah weiter entfernt aus, als sie im Endeffekt war und wir erreichten sie dennoch etwas erschöpft. Über steinigen Untergrund kämpften wir uns ans Ufer. In der Karibik gibt es normalerweise keine steinigen Stellen in Strandnähe, alles besteht aus kleinen oder weniger kleinen Muschelstücken und bildet den schönsten, natürlichsten Sand der Welt. Dan hielt mir zwei etwa daumennagelgroße Steine vor mein Gesicht. Sie waren noch nass, so hatte er sie grade aus dem Wasser gefischt. Ich schenkte ihnen nur kurz Beachtung, konnte ich doch nicht verstehen, wie er sich jetzt mit dem Muschelsammeln beschäftigen konnte. Der Blick war es wert, auch wenn ich es im Nachhinein lieber nicht gesehen hätte. Die Steine waren identisch. Nicht ähnlich oder zum verwechseln ähnlich, sondern identisch. Einen geschockten Gesichtsausdruck entlockte mir dieser Anblick nicht mehr, doch er ließ mein Herz noch ein kleines Stück schwerer werden. Ich schüttelte langsam den Kopf. Noch stärker wollte ich nun zur Tat schreiten und den Plan, den ich die ganze Nacht ausgetüftelt hatte, wenn ich nicht grade schweißgebadet aus einem kurzen, aber heftigen Alptraum erwacht war, umsetzen.
Ich zückte mein wasserfestes Satellitentelefon. Es stammte noch aus dem vergangenen Jahrhundert und war somit

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