Die Laterne (nach Wolfgang Borchert)

Bild von Anita Zöhrer
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Wir waren für heute Abend verabredet, mein Freund und ich. Wir wollten uns treffen. Bei der Bank unter der Straßenlaterne, wo wir uns im Winter 2017 kennengelernt hatten. Doch er kam nicht. Ich versuchte, ihn anzurufen, er hob nicht ab. Ich schrieb ihm eine SMS, er antwortete nicht ...

Seit zwei Stunden warte ich nun schon auf ihn. Sinniere über das Licht der Laterne nach. Wie schön muss es doch sein, Licht in die Dunkelheit der Welt zu bringen. Ob die Laterne oft zum Dank umarmt wird? Ich wäre auch gerne eine Laterne. Doch wirklich. Dann könnte ich den Menschen ebenfalls ein Licht schenken. Vielleicht könnte ich sie sogar erleuchten, wenn sie Antworten auf Fragen, wenn sie Rat suchen.

Eine Sternschnuppe fliegt am Himmel über mich hinweg. Wie sehr ich Sternschnuppen liebe! Ob sie tatsächlich Wünsche erfüllt? Ich kann es ja einmal probieren. Meinen Wunsch spreche ich nicht aus. Ich berufe mich auf eine Freundin. Sie hat einmal behauptet, man müsse ihn für sich behalten. Sonst kann man ihn sich gleich sparen. Ob die Sternschnuppe dann überhaupt weiß, was ich mir von Herzen ersehne? Wie sie es wohl errät, es ist mir ein Rätsel.

Ein leichter Windhauch weht mir um die Ohren. Hat da gerade jemand meinen Namen gesagt? Ich blicke um mich, niemand zu sehen. Habe ich mir also nur eingebildet. Ich gähne. Wie müde ich auf einmal bin! Ich lege mich auf die Bank. Bin zu müde, um jetzt noch nach Hause zu spazieren. Meine Augenlider werden schwer und fallen mir zu. Gute Nacht, schöne Welt. Gute Nacht, schöne Laterne. Gute Nacht, mein Freund, wo immer du im Moment auch sein magst.

Ich wache auf. Irgendetwas ist anders. Seltsam. Bin ich nicht gerade noch auf der Bank gelegen? Was tue ich den jetzt hoch oben auf der Laterne? Ich blicke an mich herab. Du meine Güte! Die Laterne bin ich! Bestimmt träume ich. So etwas kann unmöglich wahr sein. Bestimmt schlafe ich noch. Schon bald werde ich auf der Bank liegend erwachen und alles wird wieder so sein wie letzte Nacht. Doch ich wache nicht mehr auf.

Den ganzen Tag stehe ich da und beobachte die Menschen. Wie lustig sie sind, wenn sie sich einbilden, niemand würde sie beobachten. Mal bohrt einer in der Nase. Mal tanzt eine alte Frau und schwingt dabei mit ihren Spazierstock. Sicherlich lässt sie sonst alle im Glauben, sie wäre gebrechlich und könne kaum noch gehen. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Meine Großmutter hat meinen Eltern und mir denselben Zirkus vorgespielt. Bis ich ihr eines Tages auf die Schliche gekommen bin. Ich muss schmunzeln, denke ich an ihren überraschten Gesichtsausdruck. Sie hätte uns gerne noch länger ein Theater vorgemacht, doch war es damit beendet. Ein Hund pinkelt mir an meinen Sockel. Wie widerlich! Und der Besitzer, dieser Dummkopf, erlaubt es ihm auch noch. Könnte ich doch nur sprechen, ich würde ihm die Leviten lesen. Ich merke mir sein Gesicht. Wenn er sich einmal am Abend oder in der Nacht vor mir auf die Bank setzen sollte, ich schwöre, ich zerbreche meine Glühbirne in tausend Teile.

Ach ja, die Bank. Ach ja, die verliebten Pärchen, die Hand in Hand an mir vorübergehen. Ach ja, mein Freund. Warum er nicht gekommen ist, frage ich mich. Ob ich ihn beleidigt habe? Aber wodurch? Ob ihm etwas zugestoßen ist? Ich hoffe nicht. Bestimmt ist ihm nur etwas dazwischen gekommen. Ich gehe vom Besten aus. Wenn dann auch noch der Akku seines Handys leer war und er keine Möglichkeit hatte, es zu laden, bedarf es keiner weiteren Erklärung mehr. Wäre es mir möglich zu seufzen, ich würde es tun. Was mache ich mir nur vor?

Die Tage fliegen dahin. Am Schlimmsten sind für mich die Abende und Nächte. Die schmerzliche Erinnerung an meinen Freund und seine Treuelosigkeit will nicht aus meinem Kopf verschwinden. Er fehlt mir. Er und seine Umarmungen. Wie sehr ich mich doch geirrt habe. Niemand umarmt eine Laterne, dabei werde ich so gerne umarmt. Niemand kommt auf die Idee, mir ein paar liebe Worte zuzusprechen. Geschweige denn, sich bei mir für mein Licht zu bedanken. Mein heller Schein ist für alle Selbstverständlichkeit. Wehe, wenn er einmal ausfällt. Könnte ich weinen, ich würde es tun. Wie sehr sehne ich mich nach jemanden, der begreift, wie traurig ich bin, der mich tröstet. Zwar trübt meine Traurigkeit den Schein meines Lichtes, aber alle glauben, es wäre mit dem Wechseln meiner Glühbirne getan. Eine Straßenlaterne zu sein, habe ich mir anders vorgestellt. Wie sehr hoffe ich, die Sternschnuppe, die mir dies eingebrockt hat, würde zu mir zurückkehren und meinen Wunsch wieder rückgängig machen. Viel lieber möchte ich wie die von mir beneideten Pärchen mit meinem Freund auf der Bank sitzen. Wie sehr wünsche ich mir, wir würden dann einander zuflüstern, wie gern wir uns haben.

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