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Die Sanduhr

Bild von Anita Zöhrer
Bibliothek

Mit jedem Sandkorn, das in die Tiefe fiel, ging mein Leben näher dem Ende zu. Nicht mehr viel Zeit blieb mir mehr und nirgendwo anders als bei meinen Kameraden auf der Straße wollte ich sie verbringen.

Von meiner Familie verstoßen hatten mich meine Leute hier aufgefangen und mir dabei geholfen, mich in meiner neuen Heimat zurechtzufinden. Sie besaßen zwar kaum an Materiellem, hatten aber dennoch stets mehr zu geben gehabt als so manch ein Wohlhabender.

Das letzte Sandkorn fiel; es war mitten in der Nacht. Ich konnte mich nicht erinnern, dass der Sternenhimmel jemals so schön gewesen wäre; Wehmut keimte in mir auf. Jetzt, wo der Augenblick gekommen war, um endlich abzuschließen, tat es mir fast leid. War denn wirklich alles so schlimm gewesen?

Im Licht des Vollmondes leuchtete die Klinge, den Schlüssel zur Tür in eine neue Existenz hielt ich in meiner Hand. Weniger fürchtete ich mich vor den mir bevorstehenden Schmerzen als vor der Ungewissheit, was mich nun erwartete. Furchtbarer als bisher konnte es nicht werden, trotzdem überkamen mich Zweifel wie abends die Dunkelheit den Tag.

Ich schloss meine Augen und atmete tief durch. Kalt fühlte sich das Messer an meinem Handgelenk an; schon wollte ich zuschneiden, als ich eine andere Hand auf der meinigen spürte. Hatte ich es etwa bereits hinter mich gebracht?

Tränen brachen aus mir heraus wie Wasser aus einem lecken Wasserrohr. Er war mir fremd und dennoch vertraute ich ihm mein Leben an. Mein Messer durfte er haben und mich sogar zum Trost in seine Arme schließen. Doch woher hatte er gewusst, was ich vorhatte, wo ich es niemanden erzählt hatte?

Die Sanduhr, die vor mir auf dem Boden stand, drehte er um und von Neuem begannen die Körner in die Tiefe zu fallen. An ihr hatte ich meine Zeit auf Erden gemessen – selbst dieses Geheimnis war ihm nicht verborgen. Ein großes Rätsel war er mir, doch in einem war ich mir sicher: Wer auch immer er war, er war nicht wie die anderen Menschen.