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Die Totgeburten

Bild von Karl Hausruck
Bibliothek

Die Totgeburten
Abriß eines Science-Fiction.

I. Die Weltregierung

Erstens: Beschluß zu einer Weltregierung.

Zweitens: Weltregierung soll total sein, nichts werde übersehen. Sie soll den Bedürfnissen des menschlichen Lebens angemessen sein, muß sich also mit dem sich entwickelnden Leben mitentwickeln. Aber sie soll nicht mehr willentlich von einigen - oder auch allen - beeinflußbar sein, sie soll unzerstörbar sein, gerecht, sozial und daß alle das höchste Glück empfänden.

Drittens: Die Weltregierung realisiert die Bestandsaufnahme der Dinge und Gegebenheiten im menschlich erreichbaren Kosmos, alles, was neu entsteht, sich ergibt, wird automatisch registriert. Ein offenes System, offene Listen.

Danach wird die Weltregierung auf dem Mond errichtet. Der Mond ist ab da absolutes Sperrgebiet. Bei Betreten der Weltzentrale wird alles automatisch in die Luft gesprengt.

Der Weltcomputer veranlaßt die Reparaturen an sich von selbst und ist so organisiert, daß er sich durch Regeneration Millionen Jahre erhalten kann und die ihm gestellten Aufgaben Millionen Jahre lang erfüllt. Er kann lernen und wachsen.

Die Sensoren der Weltzentrale sind die Menschen selbst, die total erfaßt und andauernd beobachtet werden, sodaß der Weltzentrale zu jedem Zeitpunkt die Totalstatistik aller Gegebenheiten zur Verfügung steht. Es kann nichts gedacht werden usw, was sie nicht erfährt und es wird nie zu Ende gedacht, also möglicherweise gefährlich werden, da schon immer vorher eingegriffen wird.

Denken wird gewährt und ausgenützt für den Fortschritt der Menschheit, gefährliches Denken versickert aber schnell, da von der Weltregierung sofort darauf in systemerhaltend negativer Rückkopplung reagiert wird.

Die Menschheit ist glücklich, insbesondere aus Abwesenheit von Unglück. Sie kann nicht unglücklich werden, da sie nichts anderes als das ihr Gebotene kennt und sie nichts zu Ende denkt, was sie unglücklich machen könnte. Es ist eine konfliktvermeidende Welt, doch einem, der nicht aus ihr kommt oder der sich ihr auf wundersame Weise nicht eingliedert, ist sie dumpf, stupid, unbefriedigend. Es gibt aber keine anderen in einem seit dem ersten Atemzug einer jeden Geburt totalen System. Es gibt keine anderen mehr in den letzten Bergschluchten oder auf der verstreutesten Insel. Kein anderes Tier, kein anderer Mensch, kein anderer Baum, keine andere Pflanze.

Beginnt irgendwo im Kosmos eine Gruppe von hundert Menschen einen eigenen Stil zu entwickeln, wird das schon im Ansatz registriert und die Gruppe wird lückenlos ins Gesamtsystem integriert, bevor auch nur einem von den hundert seine Abtrünnigkeit dämmert.

Einer von draußen bliebe für immer außerhalb, fände absolut keinen Kontakt zu den im System Lebenden, selbst wenn er ihre Sprache beherrscht. Er wäre Luft für sie, denn sie sind Teil des Systems, für das nur existiert, was registriert ist. Aber nicht nur, daß einer, der aus dem Nichts in diese Welt käme, für ihre Bewohner Luft wäre, sie wären andrerseits für ihn unbeseelte Erscheinungen, mechanische Materie.

Viertens: Das System wird durch Totgeburten, die vom System als nicht lebende Objekte abgelegt werden, aber zufällig doch noch zum Leben kommen, vernichtet. Diese Totgeburten leben, von der Weltregierung unbemerkt, auf Abfallhalden und in vom System vernachlässigten Realitätsresten. Ihnen wird ja nichts zugewiesen, keine Versorgung wird ihnen zuteil.

Oft werden sie vom System vernichtet, da sie von ihm zwar nicht als Lebewesen, aber als Störfaktoren spezifiziert werden. Sie lernen deshalb in darwinistischer Zuchtwahl im System unentdeckt zu leben und sich im Laufe der Zeit immer unentdeckter zu verhalten. Sie beginnen sich zu treffen, zeugen miteinander, bauen eine Organisation auf, die für das System nicht existiert, sie stellen eine eigene Industrie auf, eigene Computer aus technischen Müll, aus halbkaputten Bauelementen, alles geht nur mangelhaft, aber ein noch so mangelhaftes Werkzeug ist in den Händen derer, mit denen niemand rechnet, eine ungeheure Waffe.

Zwar ist das System immer irritierter, der Störpegel steigt unerklärlicherweise. Das System spürt etwas in den eigenen Mauern, das es nicht lokalisieren kann, es hat keine Begriffe und Vorkehrungen dafür, es vergleicht immer wieder die Soll- und Istbestände, es ruft die Bürger ununterbrochen zu Vollständigkeitszählungen und Inventuren auf, es organisiert Hearings über exaktere Berücksichtigung der Reste- und Fehlerfallprogrammierungen. Das System wird immer mehr durch Sonderaktivitäten belastet und gerät in eine diffuse Feindhysterie und ist gerade dagegen zu wirklichen Maßnahmen unfähig.

In der Totgeburtenmenschheit entstehen wieder Kunst, Philosophie und Wissenschaft. Sie beschließ, die Weltmaschine zu vernichten, ohne daß dabei alles in die Luft geht, wie es vorgesehen ist und auch ohne daß nachher das Chaos einer mörderischen jeder-gegen-jeden-Gesellschaft ausbricht.

Die neuen Menschen erforschen die Weltmaschine, indem sie deren Reaktionen auf gezielt ausgelöste Aktionen studieren. Dabei mußten sie auch zu riskanten Experimenten greifen, in denen Menschen, ja ganze Städte von der Maschine bedroht wurden, wenn gewisse letzte Strukturerkenntnisse anders nicht zu gewinnen waren.

Es gab schon große Gedanken für die nachherige Zeit. Das Neue sollte aus der Vorweltgesellschaft hervorgehen als positive Verwirklichung aller menschlichen Überlegungen von Kunst, Philosophie und Wissenschaft. Rätedemokratisch.

Fünftens: Entlarvung des Weltregierungssystems.

Es war wirklich gedacht als eines, das alle menschlichen Erkenntnisse humanistisch optimal anwendet, Ausbeutung und Unterdrückung verhindernd. Doch es war zum einen falsch, bürokratisch repräsentativ-parlamentarisch mehrheitsbildend jedem ein verordnetes Glück aufzuzwingen und es ermöglichte zum anderen durch Programmierung fiktiver Planetarien dennoch Bereicherung und Clickenbildung.

Weiteres: Wirken der neuen Menschheit innerhalb des Systems.

Die neuen Menschen sind irgendwie schöner als die weltregierten. Da sie nicht registriert sind, erscheint ihr Zusammentreten den Weltregierten als Traum, Prophetie / Vision.

Kunst: ein Weltregierter findet die von einem neuen Menschen geschriebenen Gedichte. Dem Weltregierten erscheinen sie eingegeben, er habe keine Ahnung, wo sie herkämen, was ja der Wahrheit entsprach. Auf diesem Weg erobern die neuen Menschen die Literaturpreise des Systems.

II. Rückblick auf die Zeit der Weltregierung im Jahre 2200
(Das wurde viele Jahre vor dem tatsächlichen Fall des Systems geschrieben.)

Wenn wir es heute richtig sehen, dürfte sich die Weltregierung etwa um 1990 gebildet haben. Aus welchem Grunde ist z. Z. noch nicht genau bekannt und für die Sache wahrscheinlich auch nicht wichtig. Dem ging eine revolutionäre Epoche voraus.

Was auch geschah und wie auch. Die Weltregierung war gleichsam über Nacht da. Sie präsentierte sich den Erdbewohnern im Rahmen einer interstellaren Vereinigung als kosmische Regierung, d.h. sie behauptete, daß in ihr noch weitere Menschheiten berücksichtigt werden mußten - die wahrscheinlich gar nicht vorhanden waren, wie wir heute vermuten, denn sie können doch nicht alle so restlos verschwunden sein, daß unsere Archäologie auf den als Entwicklungsgebiete ausgewiesenen Stella 4 und Stella 4a absolut nichts von ihnen entdeckte, während auf der Erde das System noch in Betrieb und bis ins Detail identifiziert werden konnte.

Im Zeichen der Weltregierung wurde Material, eher noch pure Macht, unter dem Deckmantel der parlamentarischen Demokratie von der Erde an kosmische Teilnehmer in die Entwicklungsgebiete Stella 4 und 4a abgezweigt, an Teilnehmer, die angeblich im Weltraum, in Wahrheit aber als unerkannte Nutznießer auf der Erde lebten.

Das war durch die sogenannte exterrestrische Ausgeliefertheit möglich, nämlich durch eine für alle Zeiten programmierte Regierungsbürokratie, die unter dem Vorwand, Manipulation durch irdische Individuen auszuschalten, nie mehr beeinflußbar sein sollte und sich selbst durch statistisch-humanitäre Programmierung weiterentwickelt.

Ihren cleveren Protagonisten ist gelungen, die Menschheit durch das, was wir heute die fiktive interstellare Komplexität nennen, hinters Licht zu führen, indem sie ihr weis machten, auch zukünftige, extraterrestrische Menschheiten als von der Wissenschaft unmittelbar bevorstehende Realität ins Programm aufnehmen zu müssen. Auf dieser Basis schufen die Cleveren fiktive extraterrestrische Provinzen.

Damit hatten sie eine Pfründe, mit der sie, mitten unter ihren Artgenossen lebend, ein nie gekanntes Drohnen- und Herrendasein führen konnten und das mit der für alle Ewigkeit geltenden Sicherheit, waren diese Pfründe doch zu ihren Opfern in dualer Art und Weise in der Weltmaschine mitprogrammiert.

Es wäre interessant, solches Drohnendasein freilaufend über mehrere Jahrhunderte zu studieren.

Wie dieses Dasein dennoch sein Ende fand, ist bekannt und unsere eigene Genese.

Interne Verweise

Kommentare

28. Nov 2020

absolut richtig!

LG Alf