Dreierlei Augenmaß

von Dieter J Baumgart
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     Gelegentlich geschieht es, daß man ohne besonderen Anlaß von einer lange zurückliegenden Begebenheit erzählt. Ein anspruchsloses Geschichtchen, einen gelungenen Scherz betreffend. Ein Zuhörer greift das Thema auf und präsentiert das fiktive Herzstück des Geschichtchens, ein Wortspiel, als realen Gegenstand. Doch der Begriff – nun objektiviert – wandelt sich abermals. Nachdenklichkeit zieht ein, und selbst der anfänglich vordergründige Scherz, den ich nachfolgend – sozusagen im O-Ton – wiedergebe, erscheint in einem anderen Licht.

     Es gibt Momente, da faßt du dich in den Nacken, nichts Böses ahnend, und du denkst: Da sitzt doch einer! Und im gleichen Moment geht die Tür auf. Herein kommt Herr Stephan, seines Zeichens Student der Betriebswirtschaft und überhaupt ein ernsthafter junger Mann. Und es ist seine Ernsthaftigkeit, die dich gewahr werden läßt, was dir im Nacken sitzt: Der Schalk, der leibhaftige Schalk!
     „Ach, lieber Herr Stephan“, sagst du, „ich habe da eine Bitte: Könnten Sie mir wohl ein vernickeltes Augenmaß besorgen?“
     „Was ist denn das?“ fragt Herr Stephan. Und er fragt mit solcher Ernsthaftigkeit, in der auch eine nicht zu überhörende Wißbegier mitschwingt, daß der Schalk in deinem Nacken vergnügt die Peitsche knallen läßt.
     „Sehen Sie“, sagst du, und auch deine Ernsthaftigkeit ist über jeden Zweifel erhaben, „es handelt sich da um eine Meßeinrichtung, die eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Fadenzähler hat. Sie ist allerdings etwas größer, komplizierter und hat eine vernickelte Standfläche.  –  Daher auch der Name“, fügst du vorsorglich erläuternd hinzu.
     „Und wozu benötigt man ein solches Gerät?“
Der Schalk in deinem Nacken jubelt: „Weiter, weiter!“
     „Nun“, hebst du also an, „wir benutzen dieses Gerät, wenn wir Texte layouten, zum Beispiel, um Überschriften einzuspiegeln oder um Textblöcke in vorgegebenen Flächen und verschiedenen Schriftarten auszurechnen. Es ist ein kompliziertes Linsensystem mit integrierten Umrechnungsfaktoren auf X-Y-Basis“, phantasierst du drauflos.
     Ja, ja, ich weiß, heute sagt dir jedes Kind: „Onkelchen, da installierst du ein Grafikprogramm, und dann kannst du dir dein vernickeltes Augenmaß sparen.“
     Richtig, heute läuft die Phantasie Gefahr, auf der Datenautobahn unter die Räder zu geraten. Und die Ernsthaftigkeit ist längst einer zeitgeistbetonten Verbissenheit gewichen. Diese Geschichte aber trug sich vor einundvierzig Jahren zu. Damals hatten leistungsfähige Rechner noch die Größe eines Einfamilienhauses. Und der Mensch hinter dem Schreibtisch sah dich an und fragte: „Ihr Name bitte?“
     Heute zieht er deine Chipkarte durchs Lesegerät, tippt Buchstaben- und Zahlenkombinationen in die Reste einer Schreibmaschine vor sich und schaut höchstens auf, um zu bemerken, daß du vor vierzehn Jahren gestorben bist. Er drückt auf eine Taste, die bewirkt,  –  nein, nicht daß das nachgeholt wird, so weit sind wir noch nicht  –, sondern daß draußen auf dem Gang ein Schild mit der Wartenummer des nächsten Kunden aufleuchtet.
     Vor dir aber steht der aufmerksame Herr Stephan und lauscht deinen ausführlichen Erklärungen, die du am 1.April des Jahres 1972, morgens um neun Uhr zum besten gibst. Fairer Weise sollten Botengänge wie diese nur an einem ersten April veranlaßt werden. Und sei es auch nur, um dem Opfer eine Chance zu geben. Nun, es sei vorausgeschickt: Herr Stephan nutzt seine Chance nicht. Seine eigene und die bei dir vermutete Ernsthaftigkeit hindern ihn daran.
     „Wo“, fragt er hilfsbereit, “bekomme ich das Gerät?“
     „Nichts leichter als das“, läßt du dich väterlich vernehmen und verkündest, daß eigentlich jeder gut ausgestattete Optiker über ein vernickeltes Augenmaß verfügt. „Wir brauchen es hier nur recht selten“, erklärst du, „und es ist in der Anschaffung sehr teuer. Aber wir haben drei Optiker ganz in der Nähe. Ich denke, wenn Sie sagen, daß es für uns ist, wird es kein Problem sein, ein Gerät zu leihen. Der Optiker kann mich auch gern anrufen und sich vergewissern, daß alles seine Richtigkeit hat.“
     Herr Stephan tritt ab. Dreißig Minuten später. Herr Stephan, immer noch ernsthaft, aber leicht verunsichert, tritt ein.
    „Herr Baumgart“, sagt er, „ im ersten Laden wurde mir gesagt, so etwas gäbe es nicht, das wäre wohl ein Aprilscherz!“
     „Nanu“, versuchst du zu retten, was zu retten ist, „Wie kommen die denn darauf?“
     „Nun ja, heute ist doch der erste April!“ bemerkt Herr Stephan. „Einen Moment habe ich ja selbst gezweifelt. Aber dann, im zweiten Laden –, also die haben eins. Aber Sie möchten doch bitte anrufen. Der Chef will wissen, wofür Sie das genau brauchen. Es ist wohl ein ziemlich wertvolles Gerät. Ich habe die Telefonnummer mitgebracht.“
     Du bedankst dich bei Herrn Stephan mit herzlichen Worten für die Mühe, die er sich gemacht hat, und sagst, daß du den Anruf gleich tätigen wirst. Kaum ist Herr Stephan zur Tür hinaus, da befaßt du dich näher mit der Telefonnummer. Denn es liegt auf der Hand, daß du jetzt in den April geschickt werden sollst. Vorsicht ist also geboten. Die drei Optikergeschäfte in der näheren Umgebung sind dir bekannt. Du ziehst die Gelben Seiten zu Rate und stellst fest, daß es sich tatsächlich um eines der Unternehmen handelt. Der Schalk, der sich schon verschämt zurückgezogen hatte, wittert Morgenluft. Also rufst du an und sagst: „Guten Tag, mein Name ist Baumgart, XY-Werke, Öffentlichkeitsarbeit. Ich rufe an, wegen des vernickelten Augenmaßes. Unser Herr Stephan hatte schon bei Ihnen vorgesprochen…“
     Am anderen Ende der Leitung wird ein wahrhaft homerisches Gelächter auf den Weg gebracht. Es hält mehrere Minuten an und endet schließlich mit der Feststellung: “Nein, ist das köstlich! Schicken Sie uns Ihren jungen Mann. Er soll sein vernickeltes Augenmaß bekommen. Mit Betriebsanleitung!“
     Der Schalk jubiliert. Du bittest Herrn Stephan unter Aufbietung aller dir zur Verfügung stehenden Ernsthaftigkeit, den Optiker B. nochmals aufzusuchen und das Gerät abzuholen.
     „Seien Sie bitte vorsichtig“, sagst du, „es ist ein sehr empfindliches Instrument.“
     Fünfzehn Minuten später stellt Herr Stephan, nunmehr vollends von der Ernsthaftigkeit des Auftrags überzeugt, einen offensichtlich schwergewichtigen Karton, etwa im Format 30x30x30 cm, auf den Tisch.
     „Oh, das ist wunderbar!“ sagst du. „Sind Sie so nett und packen es schon mal aus?“
     Herr Stephan packt aus. Dann ein Aufschrei: „Herr Baumgart!!“
     Das hochwertige optische Gerät steht auf dem Schreibtisch und läßt sich in etwa so beschreiben: Ein großer – und entsprechend schwerer – Blaubasaltstein, wie er in alten Zeiten zum Pflastern von Straßen wohlhabender Gemeinden verwendet wurde. Die beigefügte Bedienungsanleitung enthält wichtige Hinweise in der Fachsprache der Optiker und endet mit der Bitte um Rückgabe des Gerätes, da es an sich seinen Stammplatz im Garten des Optikermeisters habe und die dort klaffende Lücke tunlichst wieder geschlossen werden solle.
     Herr Stephan hat mir verziehen. „Nein“, sagte er, „also eigentlich bin ich nicht so schnell hereinzulegen. Aber Ihnen hätte ich das einfach nicht zugetraut. Sie haben das so ernsthaft und ausführlich erklärt ...“

     Es ist etwa vierzehn Tage her, daß ich diese Geschichte zum besten gab. Eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft von Menschen und Hunden hatte sich zu einer Open-Air-Grillparty in der Garrigue, der weiten, hügeligen Buschlandschaft am Fuße der Cevennen im Südwesten Frankreichs eingefunden. Ein Gast hatte die Geschichte vom vernickelten Augenmaß aus der Nähe mit angehört und sagte:  „Ich habe ein Augenmaß. Es ist zwar nicht vernickelt, aber – es existiert.“
     „Oh“, erwiderte ich, „das würde mich interessieren.“
     Und während Professor L., Lehrer für Zeichnen und Malerei, das Augenmaß holte, stellte ich Überlegungen an, was da wohl zum Vorschein kommen könnte. Wobei mir eigentlich nur der auf Armeslänge ausgestreckt gehaltene Zeichenstift oder Pinsel einfiel. Das Gerät aber, das der Kunstprofessor schließlich präsentierte, überstieg meine Vorstellungen bei weitem: Eine Reißschiene, eine Wasserwaage en miniature und zwei Eisensägeblätter waren so miteinander verbunden, daß ein funktionierendes Meßgerät entstand. Ein flacher Stein, eingebunden in das Ende einer fünf Meter langen Schnur, erwies sich als Zusatzinstrument...
     Dies war, auch mir, als zeichnerisch nicht versiertem Laien verständlich, ein funktionierendes Augenmaß.
Besonders bei Architekturzeichnungen, bei denen der jeweiligen Perspektive entsprechende Wiedergaben von Winkeln aller Art gefordert sind, dient es als ideales Hilfsmittel. Im Sinne des Wortes: ein Augenmaß. Und da es meines Wissens auch vernickelte Reißschienen und Wasserwaagen gibt, ist auch die reale Existenz eines vernickelten Augenmaßes nicht von der Hand zu weisen.
     Und so komme ich dann, dem Titel dieser Betrachtung entsprechend, vor allem aber auch im Rückblick auf jenen Abend in der Garrigue, auf das dritte Augenmaß zu sprechen. Wohl alle Gäste dieser kunterbunten Gesellschaft, von denen nur die wenigsten einander kannten, hatten es an diesem Abend bei sich, benutzten es mehr oder weniger offen, addierten, subtrahierten, verglichen und waren, je nach dem erzielten Resultat, zufrieden, traurig oder unglücklich. Dieses dritte Augenmaß ist wohl das am meisten verwendete, und das mit Abstand ungenaueste. Es existiert – und es existiert nicht. Seine Werte verändern sich von einem Augenblick zum anderen. Und eigentlich wäre jedem zu raten, die Finger davon zu lassen. Denn mit Hilfe eines solchen gefährlichen Instruments erstellen wir die rechnerischen Grundlagen unserer Vorurteile. Auch – und das wird häufig vergessen – was die Einschätzung der eigenen Person betrifft.

     „Was du bist, kannst du nicht sehen. Was du siehst, ist dein Schatten“, sagt der indische Dichter und Philosoph Rabindranath Tagore. Wie recht er hat!
     Aber mit einem fehlerhaften Augenmaß messen wir unsere Schatten aus und erkennen sie als reale Größe unserer selbst. Mit eben dem gleichen Augenmaß vermessen wir unsere Umwelt samt lebendem Inventar, legen unsere Schatten als Basisgröße zugrunde – und ordnen ein. Und wenn wir Glück haben, hilft der Zufall mit mehr oder weniger sanften Korrekturen nach. Häufiger aber, viel häufiger als wir es wahrnehmen, zerbrechen Menschen an sich selbst, weil sie vermeintlich keinen eigenen Schatten haben, den wahrzunehmen sich lohnt. Oder sie zerbrechen andere, weil sie ihren eigenen Schatten maßlos überschätzen.
     Fort mit dieser Art von Augenmaß? Nein, gewiß nicht. Betrachten wir es als Orientierungshilfe im Dschungel zwischenmenschlicher Beziehungen. Aber machen wir keine Gleichung auf, wenn die Zahl der Unbekannten ins Unendliche geht. Und solange wir uns im klaren sind, daß jeder, aber auch wirklich jeder sichtbare Körper einen eigenen Schatten hat, wenn er denn im Licht steht, und daß selbst der gewaltigste Schatten vergeht, wenn die Dunkelheit hereinbricht, so lange werden wir auch mit unserem mangelhaften Augenmaß zurechtkommen und die Fehler bei der Einschätzung eigener und fremder Wertigkeiten in verträglichen Grenzen halten.

     Ein weiter Weg vom Aprilscherz bis hier hin? Nun, auch die weitesten Wege haben einen Anfang und ein Ende.

Dieses ist das Ende.

Prof. L. und sein Augenmaß, Zeichnung von Unbekannt
Veröffentlicht / Quelle: 
Flugenten - 19 unordentliche Geschichten (Buch)
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