Email aus Camp 4

von Oliver S
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Es kostet mich Überwindung diese Zeilen zu schreiben. Es liegt nicht an der Höhe, sondern an der Last der Vergangenheit. Mein Zelt steht inmitten der anderen Bergsteiger, doch irgendwie bin ich keiner von ihnen. Ein Phantom im Himalaya. Ein Suchender unter Glücklichen. Mit jedem geschriebenen Wort offenbare ich ein Stück Schwäche und mit jedem geschriebenen Satz entferne ich mich mehr vom Traum einer Zukunft, in der du die Hauptfigur bist. Wahrscheinlich geht es dir so wie mir. Die Tage scheinen nur mehr leere Momentaufnahmen zu sein. Wenn ich mit dem Bus durch die Stadt gefahren bin und an der Haltestelle die frisch verliebten Paare eingestiegen sind, sich an den unsicheren Händen hielten und vorsichtig Blicke austauschten, dann wünschte ich mir noch einmal den wundersamen Zauber der Verliebtheit spüren zu dürfen. Meine Sehnsucht nach dir verblasst langsam und unaufhaltbar. Wie der Schnee am Gipfel der hohen Berge der warmen Sommersonne weichen muss, so geht es mit meiner Verbindung zu dir bergab. Manchmal aber, da spüre ich noch Reste deines Zaubers. Sie kommen unaufgefordert und verschwinden mit derselben Rätselhaftigkeit, mit der sie erscheinen sind. Umso fester sauge ich sie auf. Du weißt gar nicht, wie heilig mir diese Momente sind.
Während ich diese Zeilen mit Sätzen fülle, liegst du in den Armen eines Anderen. Ich kann dich verstehen, denn keiner will alleine sein. Warum aber jemanden auf Zeit pachten, wenn man jemanden für die Unendlichkeit haben kann? In den Hollywood Filmen wird der Verzweifelte belohnt. Die Prinzessin erkennt ihren Prinzen und alles wird gut. Warum erkennst du nicht? Hast du nie Filme gesehen? Hast du den Werther nicht gelesen?
„Eines musst du mir versprechen, wenn wir 40 und beide Single sind, dann lass uns heiraten“. Was von dir in einem Moment der Zweisamkeit unachtsam ausgesprochen wurde, beschäftigt mich ein Leben lang. Man sollte die Frauen lehren vorsichtig Dinge auszusprechen. Es steht zu viel auf dem Spiel. Wir Menschen sind nicht fähig die Dimensionen unserer Gespräche abzuschätzen. Was passiert mit dem Dominostein, den ich aus Unachtsamkeit zum Fallen gebracht habe? Ich weiß nicht, wie viele Steine er noch anstoßen wird. Manchmal wenn ich zurückdenke, bin ich mir nicht mal mehr sicher, ob dieser Satz überhaupt deine Lippen verlassen hat. Doch er muss. Es gab Zeiten, da hätte ich gemordet für deine Lippen. Was täte ich sonst hier? Ich klage dich nicht an. Es trifft dich keine Schuld, dass du in mein Leben getreten bist. Die Ungerechtigkeit liegt darin, dass du nicht mehr wegzudenken bist aus meinem Kopf. Nicht mehr du entscheidest, ob du wieder aus meinem Leben trittst, sondern ich. Du bist schon vor einiger Zeit gegangen. Irgendwie hast du Recht. Es war mir nie möglich gewesen mein wirkliches Ich zu zeigen. Wie oft hast du gewartet, dass ich meine Hand in deine lege? Dein Warten war vergeblich. Ich habe Zeit gebraucht, verstehst du? Aber du hattest keine Zeit zu warten. In dieser eiligen Welt lohnt es sich nicht auf etwas zu warten. Entweder man nimmt es oder man lässt es bleiben. Zurückgelassenes reizt nicht mehr. Alles was Zeit braucht ist schlecht.
Mit jedem weiteren Schritt den ich auf diesen Berg setze, entferne ich mich von dir. Die Liebe hält nicht was sie verspricht. Sie ist die größte Lügnerin auf diesem Planeten. Am Gipfel des Everest aber, da gibt es keine Liebe und dort will ich hin. Das letzte Ziel, der äußerste Ort den ich besteigen muss, um mich deiner Anziehungskraft zu entledigen. 8848 Meter über dem Meer ist kein Platz für Liebe. Ich bin dankbar für jeden Windstoß, der mir eine neue Ladung Schnee und Eiskörner in das Gesicht bläst. Er säubert mich von dir. In diesen Zeiten genügt es nicht mehr jemanden wahrhaft zu lieben. Man muss das Äußerste wagen, um sich des Zaubers zu entledigen. Nur dann entspricht man dem Zeitgeist. Was du tust, ist nicht mehr relevant in dieser Welt. Nur was du vorgibst zu tun, macht dich groß. Ich war nie groß genug für dich. Du aber warst die größte Wohltäterin meines Lebens. Wie schön hier alles ist. Die Kälte der ewigen Gletscher kühlt meine feurige Sehnsucht nach dir. Ich denke, dass ich der erste bin der Derartiges wagen muss. Ein Blick für Götter. Der Gipfel wird mich trösten. Ich weiß es. Wenn ich wieder ins Tal steige, dann bin ich ein Neuer. Die weiße Göttin nimmt mich in ihren Schoß, tröstet mich und gibt mir neuen Mut. Erst dann wird gelebt. Ich wünsche mir, dass du nie wieder auftauchst. Ich habe keine Kraft für einen zweiten Aufstieg. Das alles hat mich zu sehr verbraucht...

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Kommentare

12. Jun 2015

Eine wahnsinnsgute Geschichte!!!
Ich hätte mir sehr gewünscht, sie sei länger, damit ich mehr gehabt hätte, darin zu schwelgen ...
Obwohl ich der Liebe jeden Sieg zugestehen würde.

(den Frauen lernen - die F. lehren)
(bläßt - bläst)
(dem Zauber - des Zaubers)
... oder schreibt man das so in Österreich ...(kopfkratz)

12. Jun 2015

Danke für deinen Kommentar, es freut mich, wenn dir die Geschichte gefallen hat.
In Österreich ist so einiges verkehrt ;) (werde die fehler schnell ausbessern)
Lg oli