"Erziehung - ist Vorbild und Liebe" (Johann Heinrich Pestalozzi)

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Der neunjährige Bub kniet vor der Badewanne, hält sich mit beiden Händen an deren Rand ein und hat den schmerzenden Kopf über die Wanne geneigt. Er blutet kräftig aus der Nase. Seine tränenfeuchten Augen zeigen ihm verschwommen das rote Rinnsal, welches sich über das alte, abgestumpfte, vergraute Email seinen Weg zum grünspanverkleideten Sieb des Abflusses bahnt. Das Bluten will nicht aufhören, ein angsteinflößendes Dröhnen im Kopfe des Buben begleitet das monotone Tropfen auf den Wannenboden. Das Kind spürt, wie ihm die inzwischen unruhig gewordenen Eltern abwechselnd kalte, nasse Waschlappen ins Genick zu drücken beginnen …

Was ist eigentlich geschehen? Ist der Bub vielleicht vom Fahrrade gestürzt, von einem Klettergerüst gefallen oder gar Opfer eines Verkehrsunfalles geworden?

Rückblick 1:
Der ungemein erboste Vater rief, dass er dem Buben das Lügen schon noch auszutreiben gedenke. Diese Drohung stellte er so lautstark in den langen Gang der Altbauwohnung, dass sie durch eine Art Echo – bedingt durch die 3,50m Raumhöhe – begleitet wurde, was sie noch furchteinflößender machte. Mit geballten Fäusten ging er auf den Buben zu, ihn auffordernd, nicht "wie so ein Himbeerbubi“ dazustehen, sondern in Deckposition zu gehen. Der Neunjährige blieb nur stehen, kam der Aufforderung nicht nach, wohl wissend, dass er gegen einen Erwachsenen mit gut 1,80m Körpergröße ohnedies keine Chance hatte, sich zu schützen … er blieb einfach nur stehen, hoffend, dass der Kelch schon irgendwie an ihm vorübergehen möge ...
Der erste Fausthieb traf seine Stirn, der zweite seitlich sein Gesicht, der dritte die Nase. Um mit seinem Blute den Teppich nicht zu besudeln und sich damit neuen Ärger einzuhandeln, lief der Bub schluchzend ins Badezimmer, die Hände unter dem Kinn zu einer nicht recht dichten Auffangschale geformt …

Womit hatte der Bub dieses Strafgericht heraufbeschworen? Wie, warum, weswegen war er unehrlich gewesen?

Rückblick 2:
Der Unterricht der 3.Klasse war zu Ende. Die Kinder strömten lachend aus dem Schulzimmer. Sie schienen sich alle zu freuen, nach Hause zu dürfen. Auch der Bub packte seine Sachen zusammen und machte sich auf den Heimweg. Heute schien ein guter Tag zu sein – keiner der Größeren ärgerte oder belästigte ihn – das war schon etwas Besonderes, denn wenn man zu den Kleineren gehörte, wie er, konnte der Schulweg durchaus bedrohlich sein. Vor dem massiven hölzernen Haustore angekommen, nahm der Bub den Schulranzen ab. Er erschrak: Wo war seine blaue Wollweste geblieben? Hatte er sie unterwegs verloren oder nur in der Schule vergessen? Richtig! Er war ja noch auf der Toilette gewesen! Dort musste er sie abgelegt haben! Er machte sich also auf den Rückweg, nicht ohne unterwegs – vorsichthalber - mit Argusaugen nach der Jacke den Weg abmusternd. Bald war das Schulgebäude erreicht, in der Toilette jedoch fand sich das Kleidungsstück nicht. Das Suchen im Klassenzimmer war ebenso erfolglos wie die Kontrolle der Garderobe. Eine freundliche Putzfrau konnte auch nicht weiterhelfen. Enttäuscht und gesenkten Hauptes verließ der Bub die Schule. Nun war guter Rat teuer! Es würde ein gewaltiges Donnerwetter geben, wenn er daheim ohne die Weste ankäme. Seine Mutter hatte sie ihm gestrickt und - um dafür die Wolle zu erhalten - einen ihrer alten Pullover aufgetrennt. So musste nur der Reißverschluss gekauft werden und dieser war teuer genug gewesen. Die finanziellen Möglichkeiten waren eben sehr begrenzt. Dem Buben erschien der Heimweg jetzt ungewöhnlich lang, mit jedem seiner zögerlichen Schritte wuchs die Angst. Es musste ihm gelingen, die Schuld seiner Schlampigkeit abzuwälzen, eine alle überzeugende Notlüge zu erfinden …
Daheim angekommen, stammelte er, er habe seine blaue Jacke nicht mehr. Noch ehe die Mutter zu schimpfen beginnen konnte, behauptete der Bub, ein junger Bursche habe ihn auf dem Heimwege drangsaliert, ihm das über den Schulranzen gehängte Kleidungsstück weggerissen und damit das Weite gesucht. Welch eine glückliche Wendung! Jetzt war er plötzlich nicht mehr der Schlamper, also der Täter, sondern das Opfer! Rührend bemühte sich die Mutter um ihn, ebenso teilnahmsvoll der herbeigerufene Vater, und die im Haushalte lebende Oma meinte: „O Bub, o Bub, Dank sei dem Himmel, dass dir nichts passiert ist. Was es doch für Schlechtigkeit auf der Welt gibt! Der arme Kleine!“ Vor Rührung über soviel - eigentlich unverdiente - Anteilnahme begann der Bub herzhaft zu schluchzen. Er fühlte sich jetzt richtig erleichtert – ein riesiger Felsbrocken fiel von seinem geängstigten Herzen!
Gerade als er sich innerlich bei seinem Schutzengel aufrichtig bedankt hatte, kam das nächste Problem auf ihn zu. Die Eltern entschlossen sich nämlich, bei der Polizei Anzeige zu erstatten. Schwindeln ist nicht schön, das wusste der Bub, Lügen noch weniger, aber einen Polizisten anzulügen, das erschien ihm absolut unverzeihlich! Und dennoch, er war in seinen eigenen Netzen gefangen, er konnte nicht mehr zurückrudern ...

Auf der Wache begann er wieder zu weinen – nicht wegen der verschwundenen Jacke – es waren seine Selbstvorwürfe, welche ihn schrecklich peinigten. Der freundliche Polizist nahm ihn auf den Schoß und stellte einfühlsame Fragen. Der Bub schämte sich, dass er den netten Schutzmann so anschwindeln musste, aber er gab vom Täter eine dermaßen allgemeine Beschreibung ab, dass er wenigstens sicher sein durfte, damit keinen Unschuldigen in Bedrängnis zu bringen. Falls man ihm aber doch einen „Täter“ oder eine ganze Auswahl davon vorstellen würde, so tröstete sich der Bub damit, dass er ja dann immer noch sagen könne, dass derjenige, welcher in schikaniert hatte, ganz bestimmt nicht darunter sei.
Bald war das Polizeirevier verlassen und die Welt schien anfangs auch wieder so einigermaßen in Ordnung zu sein. Die Weste war ja wirklich auf geheimnisvolle Weise verschwunden geblieben, also doch irgendwie gestohlen worden, aber trotzdem hatte der Bub die Rechnung ohne seinen Gewissenswurm gemacht. Er hatte auf der Wache gelogen, wenn auch nur panische Angst sein Motiv war, und es könnte ja sein, dass die ganze Polizei das inzwischen schon wusste?! So machte der Bub um jeden Polizisten, auch wenn dieser nur den Verkehr regelte, vorsichtshalber einen großen Bogen. Eine neue Angst saß ihm im Nacken! Sein Gewissen setzte ihm dermaßen zu, dass sich auf alles Schöne dieser Zeit ein finsterer Dauerschatten zu legen schien. Ein herzhaftes, unbekümmertes, kindliches Lachen war ihm zunehmend fremder geworden.

Quälende Monate waren vergangen, als der Bub immer stärker das drängende Bedürfnis verspürte, sein dunkles Geheimnis mit jemandem zu teilen. So ergab es sich, dass er bei passender Gelegenheit seiner Mutter die ganze erfundene Jackengeschichte anvertraute. Sie war zunächst sprachlos, versicherte ihm aber schließlich, dass sie froh sei, dass er den Weg zu ihr gefunden habe und dass er ihr vertrauen könne. Das Geheimnis sei bei ihr sicher aufbewahrt. Sie werde ihn nicht aufbringen, ergänzte sie, die Polizei habe die Angelegenheit ohnedies zwischenzeitlich ergebnislos abgeschlossen, und so brauche er sich keine Gedanken mehr zu machen. „Schau, dafür hat man doch eine Mama“, fügte sie verständnisvoll lächelnd hinzu. Der Bub fühlte sich von diesem Tage an merklich besser, zumal sich der ansonsten recht bohrwillige Gewissenswurm jetzt äußerst unaufdringlich verhielt.
Leider liegt es im Wesen des Scheines begründet, dass er dazu neigt, zu trügen!
Irgendeine kleine Auseinandersetzung – vielleicht war der Bub eines Tages wirklich um eine freche Antwort nicht verlegen gewesen – wurde zum Funken für das Pulverfass. Die verärgerte Mutter machte ihrem Unmute dadurch Luft, dass sie dem Vater alles berichtete, was ihr der Bub – seine Schwindelgeschichte betreffend - anvertraut hatte.
So war es dazu gekommen, dass der Vater es für notwendig erachtet hatte, „dem Buben das Lügen schon noch auszutreiben“…

Skizziert am 13.08.2020, überarbeitet bis zum 26.09.2020.

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Kommentare

26. Sep 2020

Man hofft, dass der Bub das "Austreiben" gut überstanden hat,
Vergessen hat er es offensichtlich nicht.

Viele Grüße
Willi

01. Nov 2020

Lieber Willi,
DANKE für Deinen Kommentar ... übrigens ... ich hoffe mit Dir!
Herzliche Grüße in den hohen Norden
vom Alfred!

26. Sep 2020

Stark prügelt man die Kinder gut -
Ein guter Mensch, der so was tut ...

LG Axel

01. Nov 2020

Nicht selten Schlimmes hängenbleibt,
wenn wer Erziehung übertreibt.
Genau so falsch ist 's - ungelogen -
wird überhaupt nicht mehr erzogen,
wenn Wildwuchs das Gescheh'n bestimmt!
(Doch dann wird man nicht mehr "vertrimmt" ...)

Liebe Grüße vom Alfred

26. Sep 2020

Statt Prügel helfe ich Kindern in den Bügel. Alias Gilles de Rais, Frontier der Jeanne d'Arc, späterer Kindermörder.
Bekannt als Kapitan Blaubart (15. Jhdt.)
HG Olaf

01. Nov 2020

Lieber Olaf,
ich danke Dir für Deinen sehr informativ wirkenden Kommentar. Mir sagte nämlich der Name dieses "edlen Herren" nichts, deshalb las ich darüber nach. Ein wahrhaft übler Bursche ... da sind wir beide ja richtige Engerl dagegen!
Liebe Grüße vom Alfred!

27. Sep 2020

Das schmerzt sogar beim bloßen Lesen.
Wie kann ein ausgewachsener Mann ein wehrloses Kind schlagen, mit Fäusten schlagen, mehrmals schlagen und dann noch an den Kopf! Mir absolut unverständlich!
Ich vermute stark, der so Malträtierte war seinem Vater in dessen Alter trotzdem ein guter Sohn, die Kostellationen sind zumeist so.
Faszinierende Geschichte und sehr fesselnd.

01. Nov 2020

Die Geschichte schmerzt beim bloßen Lesen, sagst Du. Stimmt! Genau deshalb brauchte sie eine lange Reifezeit und selbst danach zweifelte ich, ob man sie überhaupt veröffentlichen soll und darf. Vorsichtshalber setzte ich im Vorfelde drei "Versuchskaninchen" ein, also des Lesens- und auch des Zwischen-den-Zeilen-Lesens-Kundige ein. Dann wagte ich 's - nicht ohne restliche Bedenken!
Für Deine Mühe des Kommentierens dankt mit den besten Grüßen
der Alfred!