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Geschenktes Leben

Bild von Tanja Grün
Bibliothek

I. Festland

Ich wachte früher auf als sonst an diesem Morgen. Bernd schlief noch tief, aber mich hielt es nicht mehr im Bett. Ich stand auf und ging ins Bad. Ich benutzte die Toilette, anschließend wusch ich mir die Hände. Dabei ging ich wie immer gründlich vor, Hygiene ist mir wichtig, auch heute noch, obwohl sich so viel verändert hat. Ich sah lange auf den Seifenschaum, der sich auf meiner Haut ausbreitete, dann nach oben in den Spiegel. Wie jeden Morgen. Da bemerkte ich es.
Mir sah ein Gesicht entgegen, das ich noch nie gesehen hatte. Ein hübsches Gesicht. Ein freundliches Gesicht. Ein Gesicht, das jung und frisch aussah, sogar so früh am Morgen. Aber nicht mein Gesicht. Dazu blonde Haare. Lang, blond, glatt. Gewohnt war ich dagegen: Dunkelbraun gewellt. Irgendetwas stimmte ganz grundsätzlich nicht. Mein Atem wurde schneller und kürzer und mein Herzschlag ging im gestreckten Galopp.
Ich stand im Bad vor dem Waschbecken und starrte in den Spiegel. Was blieb mir übrig? Das Gesicht der Blonden starrte zurück. Nichts änderte sich. Noch nie war mir jemand fremder erschienen als diese hübsche Frau. So vieles ist seitdem anders.
Noch immer fehlte mir ein Plan, irgendeine Idee, wie ich mit dieser völlig veränderten Situation in meinem Leben umgehen sollte. Ich beschloss, in den Garten zu gehen, durchzuatmen, nach den Pflanzen zu sehen und dann nochmal zurück zum Spiegel zu kommen. Bestimmt träumte ich noch und es würde nach ein bisschen kühler Morgenluft alles wieder sein wie sonst.
Sobald ich mich vom Spiegel entfernte, beruhigte sich mein Herzschlag etwas und mein Atem wurde ruhiger. Trotzdem schielte ich auf meine Schultern und entdeckte dort Blond. Ich ignorierte es und ging weiter, holte mir im Schlafzimmer eine Jeans und eine Fleecejacke. So konnte ich nach draußen gehen.
Im Garten fühlte sich schnell wieder alles ganz wie gewohnt an. Die Pfingstrosen sahen noch aus wie am Tag zuvor, genauso alles andere, was schon zu blühen begonnen hatte. Alles war einfach schön und grün oder sogar bunt, ich setzte mich auf unsere Holzbank und überließ mich der Natur. Nach ein paar Minuten kam die Katze. Sie maunzte ein bisschen und strich mir um die Unterschenkel. Selten hatte mich etwas so erleichtert. Ich hob sie zu mir auf den Schoß und streichelte sie sehr lange.
Aber irgendwann wurde ich neugierig, oder war hoffnungsvoll genug. Ich ging wieder zurück ins Haus, zurück ins Badezimmer. Ohne Zögern stellte ich mich sofort meinem Spiegelbild. Und wieder war da die blonde, hübsche Frau. Sie sah völlig entsetzt aus, hatte also doch irgendetwas mit mir zu tun. Fing ich schon an, mich an sie zu gewöhnen, mich mit ihr verbunden zu fühlen?
Aber es war nicht nur mein Gesicht, das verändert war, auch mein Körper hatte ganz neue Dimensionen. Seltsam, dass mir das erst jetzt auffiel. Meine Beine waren länger geworden, das sah ich, mein Bauch war schlanker, meine Brüste füllten jetzt bestimmt eine Körbchengröße mehr. Ich war zur Barbie geworden!
Was sollte ich tun? Vielleicht würde Bernd doch irgendwo in der blonden Frau mich wiedererkennen können? Das ließ sich ja wenigstens hoffen. Also ging ich ins Schlafzimmer. Bernd schlief immer noch fest. Ich setzte mich neben ihn auf die Bettkannte und streichelte sein Gesicht. Langsam wurde er wach. Sehr langsam. Immer wieder drehte er sich von mir weg und murmelte „Nur noch ein paar Minuten.“ Ich ließ ihn fürs Erste und ging in die Küche, um Frühstück zu machen. Mir kam die Idee, alles für Bernd auf ein Tablett zu packen, das ich vor langer Zeit für Frühstück im Bett gekauft hatte, mit ausfahrbaren Stützen. Das trug ich ins Schlafzimmer und stellte es über Bernds Bauch. Bernd schlief immer noch. Ich streichelte ihm wieder übers Gesicht. „Schatz“, flüsterte ich, „wach auf. Ich hab dir Frühstück ans Bett gebracht.“ Meine Stimme hörte sich fremd an. Die Stimmlage war nach oben gerutscht, mindestens eine Oktave höher. Sopran wollte ich noch nie singen. Ich versuchte wieder in meine übliche Alttonlage zurückzufinden. „Schatz, schau mal, ich hab dir Frühstück gebracht.“
Jetzt kam Bernd langsam zu sich, hatte sich aber immer noch nicht zu mir umgedreht. „Was?“ fragte er erstaunt: „Du hast mir Frühstück ans Bett gebracht? Ist irgendwas? Bin ich krank?. “Nein, eher ich.“ Sagte ich und fand das fast schon zu humorvoll, angesichts dessen, was passiert war..
„Du klingst auch so seltsam.“, sagte er noch verschlafen und drehte sich um. Ich stellte das Tablett auf seinen Bauch.
Noch im selben Moment flog es durch den Raum, der Kaffee spritzte auf den Boden und an die Wand, dann kam das Tablett klirrend auf dem Boden auf, so hart, dass alles Geschirr beim Aufschlag zerbrach. Bernd sprang aus dem Bett, sah mich vollkommen entsetzt an und fing an zu brüllen: „Wer sind Sie? Wo ist meine Frau? Wie sind Sie hier reingekommen?“
„Bernd!“ schrie ich, „ich bin‘s doch nur! Ich bin immer noch dieselbe! Genau die, die ich schon immer war! Ich weiß noch alles, was ich immer gewusst habe! Lass dich nicht täuschen! Du verlierst mich sonst!“
„Raus!“, schrie Bernd, „verschwinden Sie von hier! Sofort!“
Und er kam mit dem Gesichtsausdruck eines Kampfhundes bedrohlich nah auf mich zu, ballte seine Fäuste, war außer sich und trieb mich aus dem Schlafzimmer. Im Flur schaffte ich es gerade noch, nach meiner Handtasche zu greifen und in meine Schuhe zu schlüpfen, zum Glück bemerkte Bernd das kaum, der –Ablauf war wohl doch zu gewohnt. Und so ließ ich mich endgültig durch die Haustür aus meinem bisherigen Leben treiben.
Draußen rannte ich durch unsere Einfahrt bis zur Straße und blieb dann stehen. Ich wunderte mich, dass meine Schuhe mir noch passten. Dann überprüfte ich meine Handtasche. Geldbörse und Handy waren da. Ich ging in Richtung Stadtmitte. Nach ein paar Minuten begegnete mir eine unserer Nachbarinnen. Sie grüßte mich nicht. Obwohl ich es nicht wollte, verletzte mich das. Ich mochte sie, wir kannten uns sehr lange.
Mich packte ein heftiger Schmerz. Ich setzte mich auf eine Gartenmauer und heulte lange. Bernd würde mir fehlen, dachte ich, und noch mehr die Kinder. Ich war froh, dass sie mich an diesem Morgen nicht gesehen hatten. Aber die Vorstellung, sie nie wieder zu treffen, war eigentlich erst gar nicht möglich für mich.
Irgendwann beruhigte ich mich etwas. Der Spuk konnte ja auch genauso schnell wieder vorbei sein, wie er begonnen hatte. Vielleicht war schon morgen früh alles wieder, wie es immer gewesen war. Ich ging weiter in die Stadt.
In meinem Lieblingscafé bestellte ich mir einen Cappuccino. Die Kellnerin sah aus wie immer und wie immer unterhielt ich mich eine Weile mit ihr. Ich erzählte von meiner Arbeit in der Kanzlei, von Bernd und den Kindern. Sie von ihren Plänen, das Café umzubauen. Ein nettes Gespräch. „Irgendwie erinnern Sie mich an jemanden.“ sagte sie am Ende. „Ach, sagte ich, das meinen Sie nur, Sie haben so viele Gäste.“ Wir lachten beide.
Als ich wieder aufstand, ging es mir besser. Es war nicht alles verloren! Und beim Weitergehen bemerkte ich Blicke auf mir, die ich so bisher nicht gekannt hatte. Auf meinem Gesicht, auf meinen Brüsten, auf meinen langen Beinen.
Ich kaufte mir einen großen Koffer und die nötigsten Kleidungsstücke, dann mietete ich mich im Parkhotel ein. An der Rezeption behauptete ich, dass ich meinen Ausweis irgendwo in den Tiefen des Koffers verstaut hätte, unauffindbar im Moment, in der Hoffnung, dass man mich nicht nochmal danach fragen würde. Als ich das Zimmer bezogen hatte, bemerkte ich zuerst den großen Wandspiegel neben dem Kleiderschrank. Ich stand eine ganze Stunde lang davor und versuchte, mir die Gesichtszüge der Blonden einzuprägen. Blieben das jetzt meine? Was sollte ich dann aus ihnen machen? Welche Person aus ihnen herausblicken lassen, welche Falten und Runzeln hinzufügen, die etwas über sie verrieten? Und war die Person, die jetzt hinter diesem Gesicht lag wirklich auch immer noch die, die ich bisher für mich selbst gehalten hatte?
Vielleicht aber hatte ich doch nur geträumt. Vielleicht würde morgen wieder mein altes Gesicht im Spiegel auftauchen. Vielleicht wäre morgen alles, was ich an diesem Tag erlebt hatte, einfach nicht wahr, falsch und schnell vergessen.
Ich war sehr müde und schlief, kaum hatte ich mich auf die Tagesdecke des großen Betts gelegt, sehr tief ein.
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Fortsetzung folgt (hoffentlich)

Der Text soll eine lange Erzählung oder ein Roman werden. Ich weiß aber nicht, ob mir der lange Atem dafür fehlt.

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