Liebesbrief an Sara

Bild von René Oberholzer
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Liebste Sara

Ich habe Dich immer geliebt. Leider bist Du zu früh von mir gegangen. Ich weiss, ich habe kein Anrecht darauf, das zu sagen, da Du ja Rolf gehörtest. Doch meine verborgene Liebe zu Dir hat nie zu existieren aufgehört.

Ich stehe jetzt an Deinem Grab. Vermutlich kannst Du mich jetzt sehen. Und während ich Deinen Namen am Kreuz anschaue, Sara Maria Huber, beginnen meine Augen feucht zu werden. Warum hatte ich nicht auch die Hälfte Deiner Liebe abbekommen? Du hattest ja so viel Liebe zu verschenken. Das Schicksal wollte es aber, dass ich nach Deiner Heirat nach Paris ging und dort als Schriftsteller und Journalist lebte. In meinem Zimmer schwebtest Du aber in meinem Geist immer umher. Ich hatte einen schönen Blick über die Dächer von Paris bis hinauf zum Sacré-Coeur. In einsamen Nächten hatte ich so manchen Liebesbrief geschrieben. Und weißt Du was? Ich hatte sie alle an Dich geschrieben, sie aber nie abgeschickt. Alle Briefe hatte ich in einer Kartonschachtel aufbewahrt.

Als ich von Deinem Tod in Buenos Aires, wo ich jetzt wohne, erfuhr, brach ich in Tränen aus. Ich konnte es nicht fassen, dass der Mensch, dem ich all meine Liebe gegeben hätte, tot war. Die folgenden Tage konnte ich fast nichts mehr essen. Eine Woche nach Deinem Tod habe ich beschlossen, an Dein Grab zu kommen, um mich von Dir, liebste Sara, zu verabschieden. Ich hatte Angst davor, diesen Schritt zu tun, ich wäre beinahe am Flughafen von Buenos Aires wieder umgekehrt, doch meine Gefühle für Dich, so schmerzhaft sie auch sind, waren stärker. Ich bin heute angekommen. Im Flugzeug konnte ich ein wenig schlafen. Ich habe extra bis zum Sonnenuntergang gewartet, bis ich den Friedhof betreten habe, und ich werde ihn erst wieder verlassen, wenn die Sonne morgen aufgehen wird. Ich werde um Mitternacht ein wenig Erde abtragen und all meine Liebesbriefe, die ich an Dich geschrieben hatte, über Deinem Sarg vergraben. Dann werde ich still werden und das Bild, das ich von Dir habe, bis am Morgen in Erinnerung behalten, Du weißt, das Bild, als wir uns auf unserer Italienreise das erste Mal geküsst hatten. Verzeih, wenn ich ein wenig von Deiner Erde einpacken und nach Buenos Aires mitnehmen werde.

Liebste Sara, Dein Tod macht mich so traurig. Ich hoffe aber, dass wir uns im nächsten Leben, sollten wir uns dann wieder begegnen, was ich mit grösster Wahrscheinlichkeit annehme, nicht mehr loslassen werden. Ich würde es mir so sehr wünschen. Liebste Sara, ich kann jetzt nicht mehr weiterschreiben, mein Herz schmerzt so sehr, und je weiter ich schreibe, desto schmerzhafter werden die einzelnen Worte für mich. Ich liebe Dich über den Tod hinaus.

Dein unglücklicher Pierre

© René Oberholzer

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