Das Nilpferd

von Marie von Ebner-Eschenbach
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Eine Raupe legte sich einmal – Abwechslung ist gut, dachte sie – zu ihrer Einpuppung in die Haut eines Nilpferdes. Was da geschah, weiß man nicht, und es wird auch niemals erforscht werden, aber statt eines ganzen Schmetterlings krochen nur ein paar große, herrliche Schmetterlingsflügel aus; sie hatten einen purpurnen Saum und bewegten sich zierlich beim geringsten Luftzug und schimmerten im Sonnenschein wie Kolibrigefieder. Ein anderes Nilpferd bemerkte die seltsame Erscheinung auf dem Rücken des Genossen und sagte: „Du hast ja Flügel.“

„Was dir einfällt,“ erwiderte das Nilpferd und ging weiter. Aber nun begegnete es einer Nilpferddame, der es schon längst zu gefallen wünschte. Die sah es so freundlich an wie noch nie und sagte:

„Ei der Tausend, Sie haben Flügel, wirklich, die reizendsten Flügel, die ich in meinem Leben gesehen habe.“

Da war das Nilpferd wie berauscht, dachte aber im Stillen: wenn nur ich etwas von meinen Flügeln wüßte. Es dachte auch: Hab’ ich sie, dann muß ich fliegen können, und ging tief hinein in den Wald und machte dort eine große Anzahl Flugversuche. Alle mißlangen. Ganz enttäuscht und traurig kehrte das Nilpferd zu den Genossen zurück. Sie empfingen es mit dem einstimmigen Rufe:

„Du hast Flügel, du hast Flügel, du kannst ganz gewiß fliegen!“

Und als es eine zweifelnde Miene machte, riefen die andern: „Versuch’ es nur, es muß gehen; o, wenn du doch einen Versuch machen wolltest!“

Das Nilpferd war zu eitel um zu gestehen, daß es den Versuch schon gemacht hatte, und daß es nicht geraten war. So erwiderte es denn mit Wichtigkeit:

„Resultate, nicht Versuche gehören vor das Publikum.“

Und als am nächsten Tage die Kameraden fragten:

„Nun, du Beflügelter, bist du geflogen?“ da erwiderte es:

„Freilich, so eine Spritzfahrt nach Zanzibar hinüber habe ich unternommen.“

O, wie staunten sie ihn an, wie bewunderten und beneideten sie ihn, den Adler unter den Nilpferden! Er fing an sehr krittlich zu werden in der Beurteilung der Flüge der Vögel, zwinkerte zu ihnen hinauf und sagte:

„Pah, wenn ich wollte, wie ganz anders würde ich das machen.“

Seine Anhänger wiederholten: „Pah, wenn er wollte, da würden wir was erleben.“

Eines Tages geschah’s, daß ihm der Wind seine Flügel wegblies. Ein Freund bemerkte es und rief ihn an:

„Wo sind deine Flügel? du hast keine Flügel mehr.“

Er erschrak tödlich, faßte sich aber sogleich und sagte: „Ich habe sie abgelegt; ich will nichts voraus haben vor meinen Brüdern.“

Nun wurde er erst recht angestaunt. Diese Tat hochherzigster Bescheidenheit erntete Lob und Preis, und bis an sein Ende mehrten sich seine Ehren. Und heute noch lebt er als Phönix in der Geschichte und in der Dichtung der Nilpferde unsterblich fort.

Veröffentlicht / Quelle: 
Die Frau. Monatsschrift für das gesamte Frauenleben unserer Zeit. Vierter Jahrgang 1897/W. Moeser, Hofbuchhandlung

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