Mein Schulkamerad (eine Glosse)

Bild von Alf Glocker
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Ich hatte mal einen Schulkameraden, den konnte keiner leiden – nur ich nicht. Wir haben alle auf ihm herumgehackt, aber er war so schlau, daß er es gar nicht gemerkt hat.

Wenn ich heute an ihn denke, dann muss ich unwillkürlich schmunzeln, denn ich sehe ihn, wenn ich in der Stadt spazieren gehe, immer noch vereinzelt auftauchen. Er ist einer von denen, die ursprünglich hier gelebt haben, und die jetzt quasi gerade noch geduldet sind.

Aber das merken sie ebenso wenig, wie es mein Schulkamerad damals gemerkt hat. Haha! Den konnte man verarschen wie man nur wollte – er (Otto Müller) hat uns immer nur vertraulich mit seinen großen blauen Augen angegafft und gegrinst.

Dabei haben wir (das sind Murat Demir und ich, Ohome Mumbo) nichts ausgelassen … Er hat uns sogar geglaubt, daß wir ihn der Schulleitung melden würden, wenn er uns nicht überall helfen würde …

Er hat unsere Hausaufgaben gemacht und uns seine Pausenbrote überlassen. Beim Sport hat er uns kürzer gestoppt als wir gelaufen sind und wenn es darum ging, irgendeine Auszeichnung zu bekommen, dann hat er sofort zugegeben, daß er nicht in Frage käme.

Seine Noten haben praktisch wir bekommen. Mit seinen Mädchen haben wir uns verabredet. Wir haben sein Fahrrad ausgeliehen und es nicht mehr zurückgegeben. Beim Schwimmen haben wir ihn untergetaucht und auf Ausflügen haben wir ihn mit Steinen beworfen.

Er hat sich darüber gefreut wie ein kleines Kind! Dabei war er ein großes. Daß er, Schritt für Schritt, aus der Mode kam, hat ihm nichts ausgemacht – er meinte nur: Klar, es ist einfach Zeit dafür, man sieht es ja demonstrativ überall!

Als wir ihm verklickert haben, er sei von Geburt an ein Unterdrücker, hat er uns sofort angestaunt und alle seine Wangen hingehalten. Als uns das nicht mehr gereicht hat, haben wir ihm einfach einen Tritt in den Allerwertesten verpasst …

Auch dafür hat er sich noch bedankt! Im Gegenteil – er wollte noch unsere Kontonummer, damit er etwas von dem gutmachen könne ,das er uns angetan hat. Wir haben gelacht und ihn in seinen Bemühungen tatkräftig unterstützt!

Es ist wirklich echt schade, daß es ihn nicht mehr gibt. Ich glaube, nachdem er erwachsen geworden ist, ist er mit seinen Kindern ins Jenseits ausgewandert. Dort sei eine Heimat für alle, hat er noch gesagt, wie wir gehört haben.

Der Begriff „Heimat“ hat uns in diesem Zusammenhang zwar nicht gestört, aber wir fragen uns jetzt schon, wo wir das Geld für uns und UNSERE vielen Kinder hernehmen sollen – die brauchen doch auch was zum Essen!

Unsere Kontonummer können wir leider nicht ins Jenseits schicken, wo unser Schulkamerad jetzt wohnt – und hier bei uns auf der Erde, die ja nunmehr absolut uns gehört, schert sich auch kein Schwein drum.

Es ist schon eine Misere! Wem werfen wir denn in Zukunft was vor und bekommen dann was wir brauchen??! Ich glaube, wir konnten den Otto doch ganz gut leiden. Schade, daß das nun wieder wir selbst nicht gewusst haben …

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