Nachts

von Oliver S
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Nachts ist es draußen dunkel. Über der Stadt liegt der Schlaf der müden Menschen. Vereinzelt brennen noch Lichter in den Häusern. Durch die Vorhänge der Fenster sind Konturen von Müttern zu erkennen, die ihren Kindern noch eine Gutenachtgeschichte vorlesen. Der beruhigende Kuss der Mutter schenkt Wärme. Ein leiser Wind weht durch die kalten Gassen. Er trägt eine Ahnung mit sich. Eine Ohnmacht wird ihm folgen. Die Hilflosen klopfen nochmals Decken und Pölster auf. Die Unbekümmertheit des Traumes lockt ewig. Ein Albtraum wird es werden. Harte Schritte auf nassem Kopfstein. Im Gleichschritt zur Türe. Holz zerspringt wie feinstes Glas. Die Stiegen weinen unter dem wilden Stürmen. Geeinte Männer bahnen sich den Weg zu den Zimmern. Packen Mütter bei den Haaren. Schlagen Väter zu Brei. Kinderschreie quälen die Seelen. Verstörendes Brüllen der Schwarzen. Gelbe Sterne erblassen über dem Nachthimmel. Wahnsinn regiert die Welt. Treue füttert ihn. Der Totenkopf lacht von der schwarzen Mütze.
Wien, wie konntest du nur schlafen?

Von den mehr als 200.000 vor 1938 in Österreich lebenden Menschen, die aufgrund der nationalsozialistischen »Nürnberger Gesetze« als Jüdinnen und Juden galten, fielen mindestens 66.000 der Shoah zum Opfer. [Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes]

Stefan Krikl "doctors of death"
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