Das Geständnis

von Thery Trojan
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Ich rannte in die Küche und ... wäre um ein Haar mit ihm kollidiert. Er stand seitlich am Spülbecken und gab komische kleine Laute von sich. "Is was?", fragte ich, während ich versuchte über seine Schulter zu spähen. Ging aber nicht, er war größer.
"Hilf mir, mach was, ... schnell!" Es klang ängstlich. Nein, irgendwie jämmerlich. Ja, verdammt jämmerlich sogar. Dann drehte er seinen massigen Körper ein wenig aus der Spülnische, nur so weit, dass ich es sehen konnte. Das Blut. Er hatte sich in den Handballen geschnitten. So tief, dass ich glaubte seine Knochen sehen zu können. Das klebrige Rot schwappte nur so raus.
Ich liebte Blut. Seins jedenfalls. Am liebsten so fünf bis sechs Liter. Er interpretierte mein Starren nicht ganz richtig und wurde etwas lauter. "Jetzt kipp' mir hier nicht um, sondern hol mir 'ne Mullbinde oder was, damit ich die Blutung stoppen kann. Mir dreht sich schon alles!"
Das war 'ne gute Nachricht. Vielleicht fiel er bald um, am besten mit dem Kopf gegen die Spültisch-Kante. Blass genug war er.
Dummerweise aber auch verdammt zäh.
Also blieb er stehen. Ich allerdings auch. Der Anblick war zu schön, um jetzt einfach aus der Küche zu gehen.
"Hol mir jetzt endlich die verdammte Mullbinde!!!"
Er brüllte so unverhofft los, dass ich heftig zusammenzuckte und mich doch besser in Bewegung setzte. Mit einer gehörigen Portion Fantasie hätte man meinen können, in seinem Blick würde so was ähnliches wie Dankbarkeit aufflammen.
Ich grinste ihn an ehe ich ging und sagte freundlich: "Tu dir und mir einen Gefallen ... verblute doch einfach."
Ich war 15 Jahre alt, und er der bescheuerte Freund meiner Mutter.
Warum ich Ihnen dass erzähle? Sie sitzen doch hier, weil Sie was wissen wollen, Herr Kommissar. Ich dachte, es könnte Sie interessieren, warum ich geworden bin, wie ich bin. Vielleicht erzähle ich es aber auch, weil es mich selbst interessiert.
Mit 15 Jahren sollte man sich vor Blut fürchten oder wenigstens ekeln. Denke ich mal so. Ich sah es gerne. Das Blut der anderen natürlich lieber als mein eigenes. Gedulden Sie sich, warum das so war, werden Sie bald verstehen.
Wenn jemand in der Familie schrie, flitzte ich sofort hin, immer in der Hoffnung, es wäre mächtig was passiert. Nicht dass ich meine Familie nicht mochte, aber es gibt eben Dinge, die sind, wie sie sind.
Manchmal liest man in der Zeitung über Mörder. In deren Leben wurde dann gewühlt und gegrast, und verdammt viel längst Vergangenes ans Licht und in die Öffentlichkeit gezerrt. "Schwere Kindheit", heißt es dann und "Mutter drogenabhängig", oder "als Kind missbraucht".
Dann muss ich immer grinsen. Klar, manche macht so ein Scheiß vielleicht wirklich weich in der Birne. Aber mich hat keiner missbraucht. Meine Mutter ist langweilig, rührt nicht mal Alkohol an. Und mein Vater? Herrgott noch mal, auf dem Dorf haben doch damals alle mal einen gehoben. Und geschlagen? Die machen alle einen Aufstand wegen jeder kleinen Tracht Prügel. Ist doch lächerlich. Ich würde auch nachhelfen, wenn mein Balg nicht funktionieren würde. Habe ja zum Glück keinen.
Na ja, ein Mal war nicht so prickelnd. Da hat mir mein Vater 'ne Zaunslatte über den Schädel gezogen. Seine Zuchtsau rannte durchs Dorf und er brüllend hinterher. Ich hatte mal wieder vergessen das Tor zu schließen. Das war eine lustige Hatz. Als er fluchend, die Sau hinter sich her schleifend zurück kam, konnte ich mir das Lachen nicht verkneifen. Selbst Schuld. Also ich jetzt. Aber meine Mutter war damals taff. Hat ihn ganz schön angefaucht, als sie das viele Blut auf meinen Klamotten sah. "Nicht auf den Kopf!", hat sie gefaucht und gleich selbst eine kassiert. Männer reden eben nicht so gerne.
Als ich dreizehn war, machte ich mir das erste Mal Gedanken. Damals hingen die Leute noch am Fenster rum. Man beobachtete die Nachbarn ganz offiziell. Heute ist das ja anders. Man beobachtet immer noch. Nur eben hinter verschlossenen Gardinen. Die Menschen stehen irgendwie zu nichts mehr so richtig. Naja, jedenfalls hing ich so am Fenster rum, als der Krause von gegenüber auf die Straße latschte. Der war so ein richtiges Arschloch. Und angesoffen war er auch. War er eigentlich immer. Ich sehe also, wie der auf die Straße latscht und das Auto nicht sieht. Wie auch, wenn er doch den Kopf hängen ließ und seinen dreckigen Schuhspitzen was lallte. Also der Krause lallt und das Auto kommt immer näher. Man, war das ein Adrenalinschub. Schluss mit rumhängen, ich stand plötzlich gewaltig unter Strom. Hatte wohl auch die Hände vor der Brust gefaltet. Nee, nicht um zu beten. Hab wohl in Richtung Auto so was gestammelt wie: "Ja, ja, ja , mach endlich!" Ich sah schon Blut, ne ganze Menge Blut und dem Krause sein Gehirn über die Straße verteilt. Dann kreischten Bremsen, ich begriff, dass der Fahrer es nicht schaffen würde, und Krause ja sowieso nicht. Und dann dieses dumpfe Geräusch. Die Knöchel meiner Finger müssen ganz weiß gewesen sein vom Pressen, so aufgeregt war ich. Ganz kurz konnte ich Krauses Gesicht sehen. Sah irgendwie erstaunt aus, als ihn der Kühlergrill von der Straße abhob und wie einen nassen Sack ein Sück weit
schleuderte. Die Karre rutschte Krause hinterher, aber dummerweise blieben die Räder genau vor ihm stehen. Noch Mal so richtig drüber rollen, dass wäre verdammt gut gekommen. Ich wollte gerade runter rennen, mir den toten Krause aus der Nähe geben, da vermasselte das Arschloch mir alles. Der bewegte sich nämlich. Kroch laut stöhnend unter dem Auto vor und rappelte sich tatsächlich auf die Füße. Der leichenblasse Fahrer half ihm dabei. Auf den wurde ich stinksauer. "Du Idiot", murmelte ich enttäuscht vor mich hin, "so eine Gelegenheit kriegst du nicht wieder." Und ich wohl auch nicht so schnell. Krause klang nicht nur sehr lebendig, sondern auch ziemlich nüchtern, als er jammerte, "mein Arm, mein Arm." Da begriff ich, warum mein Vater so gerne soff. Besoffene hatten mehr Schwein als alle Anderen.
Als mein Adrenalin sich wieder auf dem Nullpunkt eingepegelt hatte, begann ich nachzudenken. Wieso hatte ich mich so drauf gefreut,

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