Ein guter Mann

von Tilly Boesche-Zacharow
Aus der Bibliothek

Sie können sich nicht oft sehen. Es würde seiner Familie auffallen. Sie würden fragen, wo er gewesen sei, mit wem er sich getroffen habe. Und – er kann schlecht lügen. Die Wahrheit würde Krach programmieren, brächte noch mehr Chaos. Also ist seine Zeit für sie beschränkt.

   Sie sitzen sich im Caféhaus gegenüber, nicht nebeneinander. Er sagt, er möchte ihr in die Augen sehen, wenn er mit ihr redet.

   Ihr  wäre es lieber, Stuhl neben Stuhl; da würde sich doch mitunter eine Berührung ergeben. So bleibt ihr nur, manchmal über den Tisch hinweg, die Hände nach ihm auszustrecken. Aber vieles steht zwischen ihnen, auch Teller, Gläser, Tassen. Einmal hat sie ein Glas umgeworfen, als sie zu hastig nach seinen Fingern griff. Das war unangenehm. Die Bedienung putzte murrend alles fort, er schämte sich und sagte: “Lass das lieber!“

   Nun lässt sie es. Sie sieht ihn nur an und träumt mit offenen Augen. Es ist wirklich schön, dass man sich so direkt in das Gesicht sehen kann. Blicke kennen keine Distanz. Sie schwebt in anderen Welten, indem sie sich in seinen Augen verliert. Er holt sie auf den Erdboden zurück. Er weckt sie. Die Realität ruft. Seine Familie heißt Realität. Er selbst hat einen anderen Namen. Aber er liebt es nicht, wenn sie ihn zu laut damit anredet. „Es muss doch nicht jeder wissen, wer hier sitzt!“, verwahrt er sich. So, als sei er eine „very important person“, was man modern einfach als VIP bezeichnet. Eigentlich ist er sonst nicht so bescheiden, aber hier ist ihm sein Inkognito lieber.

   „Es wird wirklich Zeit!“, sagt er und seufzt. Es ist das Zeichen zum Aufbruch. Der Seufzer gehört dazu, rundet alles ab, tröstet sie ein wenig, weil auch er offensichtlich unter der Trennung leidet.

   „Es war eine schöne Stunde mit dir“, sagt sie. Er lacht verhalten: „Eine gestohlene Stunde!“

Eigentlich hat er schon viel Zeit für sie gestohlen. Manchmal sagt er auch, sie sei eine Frau, mit der man Pferde stehlen könnte. Das ist, als mache er sie zur Diebin. Sie fühlt sich deprimiert. Tränen laufen ihr über das Gesicht.

   Das ist ihm ebenso peinlich wie seinerzeit das umgefallene Glas, nur mit dem Unterschied, dass er die Bedienung nicht zu rufen braucht, um ihr die Augen zu wischen. Mit Augenwischerei muss man selber fertig werden. Wer zu dicht am Wasser baut, darf sich nicht über nasse Füße wundern ...

   „Sei nicht traurig!“, redet er ihr gut zu. Der Tisch steht voll; sie streckt ihre Hand nicht nach ihm aus, obwohl es sonst nichts gibt, woran sie sich festhalten könnte. Immerhin, sie könnte seine Augen sehen, wenn die ihren nicht so tränengefüllt wären.

    „Meine Frau wartet. Sie hat mir schon wieder viel Arbeit vorbereitet“, sagt er. Sie weiß, seine Frau ist eigentlich schon lange nicht mehr seine Frau. Sie fungiert nur noch als Sekretärin und „ – sie ist sehr tüchtig, weißt du?“

   Sie will es gar nicht wissen. Aber er redet auf sie ein, um ihre Tränenflut zu dämmen. „Ich muss schließlich viel Geld verdienen, für unsere Zukunft.“

   Er sagt es, damit sie sich freut, freut auf die Zukunft mit ihm, eine Zukunft, die seine nur noch auf dem Papier existierende Ehefrau mitbegründet ... Warum kann sie keinen Dank empfinden?

   S i  e  wird niemals eine tüchtige Sekretärin werden. I h r Fundament ist die Fantasie.

   Er erhebt sich ein wenig schwerfällig. Er ist immer müde, wenn er mit ihr zusammen ist. Mit seiner Frau arbeitet er, aber bei i h r kann er sich endlich ausruhen. Sie sollte stolz darauf sein, dass s i e  es ist, die ihm Ruhe und Entspannung verschafft.

   Zusammen gehen sie durch das Lokal, sehen sich vor der Tür nur kurz an, dann winkt er nach einer Taxe und – schon ist er fort.

   Sie sieht ihm nach und weiß, dass sie undankbar ist. Wieder hat er für sie gestohlen, - Zeit.

Gestohlen ist gestohlen, und sie ist Mittäterin, sie ist eine Diebin.

   Schwer ist es, damit fertig zu werden. Tief innerlich quält sie die Frage, ob Diebe auch tüchtige Menschen sein können.

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