Ich denke oft an Onkel Franz

von Avigdor Ben Trojan s.A.
Aus der Bibliothek

KLEINE EINFÜHRUNG IN DIE GESCHICHTE DES BERLINER BEZIRKES HERMSDORF

Will man die große Stadt Berlin in ihren Anfängen vor Augen lebendig sehen, muss man ihr heutiges Erscheinungsbild in kleine verschiedene Mosaike aufsplittern, damit sie sich langsam und folgerichtig – gleich einem Riesengemälde aus ursprünglich weißer Leinwand durch die Vielfalt sich darüber erströmender farbiger Pinselstriche – zu einem visuellen Erlebnis entwickeln können.

Bei dem Berliner Rathausbrand im Jahr 1318 gingen so gut wie alle Urkunden und Unterlagen verloren, dennoch wird offiziell das Jahr 1237 der Gründung dieser als slawische Ansiedlung begonnenen Stadt zugeschrieben.

Demnach befand sich die Kernstadt Alt-Berlin Anno 1920 in ihrem 684. Jahre, umfasste jedoch zu diesem Zeitpunkt immer noch erst nur -  nicht mehr und nicht weniger als – sechs innerstädtische Viertel: Mitte, Tiergarten. Wedding, Prenzlauer Berg (ehemals Prenzlauer Tor), Friedrichshain und Kreuzberg (ehemals Hallesches Tor). Das änderte sich schlagartig, als am 1. Oktober 1920 das „Gesetz über die Bildung der neuen Stadtgemeinde Berlin (Großberliner Gesetz) in Kraft trat. Es erfolgte die bis dahin umfassendste Stadterweiterung in der Geschichtsschreibung Berlins. Zu dieser Zeit war Reinickendorf, nördlich Berlins, die größte Landgemeinde und wurde somit zum Namensgeber für das ihm zugeordnete Terrain des neuen Zusammenschlusses. Durch Um- und Eingemeindungen zwischen 1921 und 1938 erreichte der Bezirk flächenmäßig fast 10 % des gesamten Stadtgebietes. Hier  findet sich mit dem Fünfhundertkilometerstraßengeflecht  das längste Straßennetz Berlins.

Die „Berlin-Rei-dorfer“ Einwohnerzahl der jüdischen Bevölkerung war im Jahr 1933 extrem  niedrig. Im Gegensatz zu anderen Berliner Bezirken ( zB. Charlottenburg an der Spitze    mit 27.013 und Mitte mit seinen 24.425 Personen betrug sie hier nicht mehr als 1.115 jüdische Bürger. Als Bezirk mit der überhaupt niedrigsten jüdischen Einwohnerzahl wird Köpenick mit 609 Menschen mosaischen Glaubens benannt.

Dann kamen die Nazis, und in ihrer Gefolgschaft kamen mit ihnen Verfolgung, Entrechtung, Vertreibung und Vernichtung für die jüdischen Bürger ...

Seit Mitte des 19.Jh´s lebten im hohen Norden Berlins auch Juden, jedoch erst vereinzelt. Mag sein, dass der Gutsbesitzer von Hermsdorf, Leopold Lessing, ein Mann mosaischen Glaubens, überhaupt als erster Jude hier ansässig wurde, überaus begabt mit einem Gespür für neue und auch risikoreiche Transaktionen.

1862 kaufte er Gut Hermsdorf von seinem Vorgänger Wernicke. Es schwebte ihm der Plan vor, aus der idyllisch gelegenen Ortschaft ein florierendes Kurbad zu machen. 1889 ließ er mit Erfolg eine Solquelle erbohren, die er als Basis für die Idee eines zukünftigen Kneipp-Solbades zu nutzen gedachte. Leider scheiterte er. Einmal nahmen die Berliner das Solbad nur sehr zurückhaltend auf, und zum anderen versiegte nach einigen Jahren die Quelle selbst. Doch Leopold Lessing blieb am Aufschwung Hermsdorfs weiter interessiert …

Trotz etlicher inzwischen hier ansässig gewordener jüdischer Mitbürger gab  es keine ausgesprochen religiöse Gemeinde. Allerdings fungierte seit der Zeit der Weimarer Regierung – als Träger jüdischer Aktivitäten – unter dem Namen „Jüdischer Religionsverein für die nördlichen Vororte“ eine offizielle kleine Vereinigung, jedoch weiterhin ohne feste synagogale Einrichtung. Deren Gründer wurden erst Hugo Ehmann und Max Samuel auf Anregung von M Sinasohn, dem Leiter der Volksschule der Gemeinde Adass  Yisroel …

 Kurzfristig wurde das Jüdische Kinderheim zum Ort, an dem Ende des Jahres 1935 nach Herrichtung der unteren Etage an jedem Freitag um 6 Uhr dreißig der Schabbat-Gottesdienst abgehalten wurde …

Bereits am 30. April 1939 war das „Gesetz über das Mietverhältnis mit Juden“ verabschiedet worden. Es hatte zur Folge, dass Juden in bestimmten Häusern zusammengefasst werden konnten, um eine  „Trennung von Juden und Ariern“ zu gewährleisten. Man konnte die in diese Häuser eingewiesenen  und zusammengepferchten Menschen besser unter Kontrolle halten und verringerte den Arbeitsaufwand für die  weitere Abtransportierung in das für sie  beschlossene Ende..

Das ehemalige Hermsdorfer Waisenhaus mit der kurzen synagogalen Zwischenfunktion wurde seiner letzten öffentlichen Bestimmung zugeführt. Es wurde  zu einer dieser letzten Stationen vor der Reise in die Vernichtung, den geplanten Mord...

ABT   2002

Hinweis des Verlages:

Hier verschwanden - bis auf Weiteres, schließlich für immer - die einstigen Tür an Tür- Nachbarn christlicher Bewohner. Wer von den Letzteren fragte nach, wo ehemalige Freunde und Bekannte geblieben waren, in Nacht-und Nebelaktionen einfach ausgelöscht wurden und keine Möglichkeit hatten,  eine Antwort zu bieten?

Avi Ben Trojan machte sich auf den Weg, das herauszufinden.

Er wollte so viel wie möglich namenlos Gewordenen  Hand und Namen (Yad wa Schem) wiedergeben. Stellvertretend für die Erinnerung, die er den Gemordeten widmete, wurden in seinen Gedenkstein Berlin die den zwei Buchtiteln „Franz und Ilse“ zugrundeliegenden Namen mit eingefügt.

Buchcover von "Ich denke oft an Onkel Franz"
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