Das Geheimnis um ihre Eltern (Aus der Margaret Rutherford-Biografie)

von Klaus Rödder
Aus der Bibliothek

… ihr Vater William Rutherford wurde 1902 in die Psychiatrie eingewiesen, wo er später in der geschlossenen Abteilung vegetierte, um 1921 zu sterben. Da war Margaret immerhin 29  Jahre alt. Außenstehende wussten nichts über die wahren Begebnisse in der Familie, während ihrer frühen Jugend, geschweige  denn noch weiter zurück. Margaret schwieg ihr ganzes Leben darüber. Bis lange nach ihrem eigenen Tod hatte es den Anschein, als habe  man  auch ihr selbst die schockierende Wahrheit vorenthalten.

Mit ihrer Aunt Bessie, die sie aufgezogen hatte, verband sie eine große Zuneigung.Ihr ganzes Leben lang erinnerte sie sich an die heimelig-traute Atmoshäre im Haus der Tante, die unverheiratet blieb und sich aufopferungsvoll der Erziehung ihrer Pflegetochter widmete. Dennoch spürte Margaret, dass etwas in ihrem jungen Leben anders ablief als in dem meisten anderer Kinder …

Als Margaret 14 Jahre alt war, beschloss Tante Bessie, sie auf eine Internatsschule in Warrington (Sussex) zu schicken, in der man allerdings überhaupt nichts von der Schauspielerei hielt. Immerhin gestand man Margaret musikalisches Talent zu. Sie landete bei Klavierunterricht, um 1911 an der Royal  Academy of Music das Studium zur Klavierlehrerin erfolgreich zu beenden. Mit dem entsprechenden Zertifikat in der Tasche kehrte sie nach Hause zurück.
Die Ausbildung des Mädchens hatte das finanzielle Budget von Tante Bessie völlig ausgeschöpft. Wie gut, dass nun die Nichte ein Einkommen haben würde durch die Erteilung von Klavierstunden an mehr oder weniger musikbegabte Schüler.

Der gesundheitliche Zustand der Tante verschlechterte sich während des Ersten Weltkrieges zusehends, und die Nichte übernahm ihre Pflege. Die Zeit war gekommen, sich für alle Liebe und erhaltene Sorgfalt dankbar erweisen zu können.
Dadurch kam jedoch die persönlich so erhoffte künstlerische Entwicklung Margarets völlig zum Stillstand. Für eigene Träume blieb kein Raum. Die Zeit war streng eingeteilt durch die Tätigkeit des Geldverdienens  und die schwere Pflegschaft, deren die Tante bedurfte ... Bei Wind und Wetter radelte die junge Frau zu ihren Schülern, um ihnen Unterricht zu erteilen, wobei sie selbst bekannte, keine sonderlich gute Lehrerin gewesen zu sein …

Tante   Bessie erlebte Glanz und Gloria ihrer Nichte  nicht mehr. Sie starb 1925 und hinterließ ihr neben einigen hundert Pfund Bargeld auch das Häuschen, so dass Margaret nun finanziell die Möglichkeit sah, ihr Lebensziel endlich in Angriff zu nehmen und Schauspielerin werden zu können …

Durch eine Freundin bekam sie Kontakt zu einem Produzenten vom Lyrik Theatre  Hammersmith –Sir Nigel Playfair – einem außerordentlich dynamischen Mann, der die Fähigkeit besaß, für sich die exquisitesten Leute herauszufischen. Margaret suchte nun, ihr eigenes Bestes zu geben, doch es unterliefen ihr mehrere entscheidende Missgriffe. Sie wählte auffallend moderne Kleidung, um ihre Person – wie sie hoffte – damit besser ankommen zu lassen. Zum ersten mal benutzte sie Rouge und Lippenstift. Kurz, sie machte auf absolut erfahrene West-End-Schauspielerin. Sechs Jahre später erinnerte sie sich immer noch einer Szenerie vollendeten  Schreckens. „Als ich eintraf zum Interview mit ihm, sah ich mit einem Blick die Abwehr, mit der sich sein Gesicht  überzog. Ich war sichtlich nicht der Typ, den er erwartete. Er schien sofort sein Urteil über mich als „unmögliche Person“ gefällt zu haben.“ Sie wäre jedoch nicht Margaret Rutherford gewesen, hätte sie sich nicht nach ihrer Rückkehr ins Hotel sofort entschlossen, diesen Eindruck zu korrigieren. Sie schrieb ihm einen Brief und erklärte, sie wüsste, dass ihr Auftreten übertrieben gewesen sei und wie naiv sie auf ihn gewirkt haben müsse. Dafür entschuldigte sie sich, und – der Erfolg blieb nicht aus. Ihr Mut imponierte ihm. Er  bestellte sie ein zweites Mal zu sich. Nun kam sie in ihrer ganz üblichen Kleidung und mit ihrem normalen, etwas rauhäutigen Gesicht. Sir Nigel wirkte erleichtert. Aber trotz einer gewissen Übereinstimmung mit ihr lehnte er sie wegen mangelnder  Bühnenerfahrung ab, gab ihr jedoch sozusagen als Trostpflaster einen Tipp. Sie beherzigte ihn und arbeitete sich in drei verschiedene Charakterrollen ein, um fähig zu sein, bei Bedarf eine Vertretung übernehmen zu können …

So las es sich 1972 im „Spiegel“ nach ihrem Tode, unmittelbar nach ihrem 80. Geburtstag :
<Eigentlich wollte sie eine große Tragödin werden, aber „ wahrscheinlich hat mich mein bulliges Gesicht daran gehindert“, doch für die Rolle der Detektivin Miss Marple von Agatha Christie  war das skurrile Aussehen der Britin gerade richtig.
Mit 74 Jahren wies die Lieblingsschauspielerin der  englischen Queen den Gedanken an Ruhestand weit von sich. „Es würde mich umbringen. Das Theater ist mein Leben!“>

Cover zum Buch
Veröffentlicht / Quelle: 
Rödder, K: Die haben ihre Methoden - wir die unseren, Mr. St [Taschenbuch]; M. & N. Boesche
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Kommentare

22. Jun 2017

Nicht immer wird sofort es klar,
wie viel Talent vorhanden war ...

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