Die haben ihre Methoden - wir die unseren, Mr. Stringer

von Klaus Rödder
Aus der Bibliothek

Der englische Autor Gordon Langley Hall, der zu dieser Zeit in New York lebte, sandte eines Tages sein Buch “Me Papoose Sitter”, was man mit “Ich war Betreuer für Indianerkinder” übersetzen könnte, an Margaret Rutherford. Er konnte sich gut vorstellen, dass sie die darin
beschriebene alte Indianerfrau in der zu der Zeit diskutierten Verfilmung spielen könnte. Margaret schrieb ihm zurück, dass sie das Buch während einer Fahrt auf einem Doppeldecker durch London gelesen habe und von seinem Vorschlag fasziniert sei. Es handelte sich um eine sehr betagte Indianerin, die trotz ihres Alters mit der Jugend mithalten möchte. Da für 1960 geplant war, mit dem Theaterstück “Farewell, Farewell Eugene” nach New York zu gehen, stand schnell fest, sich dort mit Gordon zu treffen. Die Tickets für die Überfahrt waren bereits für die “Queen Mary” gekauft, doch als der Tag kam, wurde die Überfahrt wegen Streik abgesagt. Margaret und Stringer mussten mit dem Flugzeug fliegen, um rechtzeitig zu den Proben in New York zu kommen. Margaret bedauerte sehr, dass es nicht zu der Überfahrt auf dem Ozeanriesen gekommen war.

In New York eingetroffen, suchte Gordon Margaret in ihrer Garderobe auf, in einem feinen Anzug mit Krawatte. “Ein Bild von einem Mann”, so schwärmte Margaret. ”Niemand, nicht einmal er selbst konnte ahnen, was sich in den nächsten Jahren für eine Dramatik um ihn entwickeln würde”. Er lebte mit der bekannten Malerin Isabel Lydia Whitney in einem Haus. Sie war die erste weibliche Freskenmalerin Amerikas. Gordon lud Margaret und Stringer in deren Haus ein.

Als beide die Straße hinunterschlenderten, sagte Margaret: “Es kann nur das Haus dort sein, es ist das einzige in der ganzen Straße, wo die Fenster geöffnet sind”. Ein Seitenhieb auf die Klimaanlagen-verseuchte amerikanische Wohnkultur, bei denen eben die Fenster geschlossen
bleiben.

Ein weiterer Gast war auf Einladung Gordons beim Treffen dabei: die Herausgeberin der Zeitung “The Villager”, Mrs. Merle Bryan Williamson. Interessiert und teilweise entsetzt dreinblickend, hörte sie sich Margarets Geschichte um den Film “Ein Alligator namens Daisy” an und war ganz konsterniert, als Margaret demonstrierte, wie sie das Reptil streichelte und ihm das Stethoskop ansetzte, um die Herztöne abzuhören. Darüber schrieb sie in einen Bericht über Margarets Besuch in New York.

Nach diesem ersten Zusammentreffen zwischen Gordon und Margaret und nach dem Tode von Isabel vertiefte sich die Beziehung so sehr, dass rasch beschlossen war, ihn als Sohn anzunehmen. Von da an nannte er Stringer “Vater” und Margaret “Mutter”. Margaret verfolgte seinen literarischen Werdegang. Unter anderem schrieb er die Biographie über Jackie Kennedy, die Frau des späteren Präsidenten John F. Kennedy und Mrs. Lyndon B. Johnson, der Präsidentengattin. Später dann auch über Rosalynn Carter, Ehefrau von Jimmy Carter. Gordon Langley Halls traurige Geschichte begann bei der Geburt, denn aufgrund von stark ausgeprägten äußeren Geschlechtsorganen - die Klitoris war so sehr ausgeprägt, dass sie einem Penis ähnelte - und weil bei der Geburt lediglich eine Hebamme dabei war, wurde rasch auf
“männlich” entschieden.

So wurde Gordon als Junge erzogen und wuchs auch so auf. Es handelte sich um eine äußerst seltene Laune der Natur. Erst 1968 entschied sich Gordon für den ärztlichen Eingriff - damals eine Sensation und zugleich ein Schock, der durch die Presse ging: Eine Korrektur zugunsten der Weiblichkeit, wohl eine der ersten in der Welt, machte aus Gordon Langley Hall nun Dawn Langley Hall. Später heiratete sie den Afro-Amerikaner Paul Simmons und aus dieser Ehe ging dann eine gemeinsame Tochter Natasha hervor.

Margaret und Stringer wurden aufgrund dieser Ereignisse später auch von der Presse belagert, doch souverän wie immer meisterte Stringer die Situation mit seinen Worten: “Ja, natürlich wussten wir das … er war ein feiner Mann und nun ist er eine feine Frau … jetzt haben wir eben eine Tochter“. Margaret stand stolz hinter ihr und gab ihr sogar einen Kosenamen “Pepita”. Als (nunmehr)  Dawn Langley Simmons schrieb sie 1983 eine Biographie über ihre “Mutter” Margaret Rutherford.

Margaret Rutherford und die Grand Dame des Krimis Agatha Christie am Set 1961 - Foto: Ullstein Bild
Veröffentlicht / Quelle: 
Rödder, K: Die haben ihre Methoden - wir die unseren, Mr. St [Taschenbuch]; M. & N. Boesche
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