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„Ohne Fleiß - kein Preis"

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„Ohne Fleiß - kein Preis"

Wie kommt es eigentlich, dass wir manche Dinge sofort wieder vergessen, andere hingegen auch nach Jahren noch so genau erinnern, als seien sie eben geschehen?

Dass das etwas mit dem Gedächtnis zu tun hat, das weiß jeder von uns. Was aber ist „Gedächtnis"?

Ein Gedächtnis als solches gibt es nicht; es setzt sich zusammen aus drei verschiedenen Merkstufen, dem Ultrakurzzeitgedächtnis (UZG), dem Kurzzeitgedächtnis (KZG) und dem Langzeitgedächtnis (LZG).

Über die Eingangskanäle Hören, Sehen, Fühlen, Riechen und Schmecken hereinkommende Wahrnehmungen finden erste Aufnahme im UZG. Dort kreisen sie für etwa 20 Sekunden als elektrische Impulse in den Zellen. Wenn sie in dieser Zeit nicht bewusst abgefragt oder an bereits vorhandene Gedankengänge angeknüpft werden, verblassen sie und verschwinden im Vergessen.

Dies ist ein sehr nützlicher Vorgang, selbst wenn die Wissenschaft heute nicht mehr davon ausgeht, dass die 15 Milliarden Gehirnzellen eines Menschen sich bis nur wenige Monate nach der Geburt bereits vollständig gebildet haben. Wir sind nach dieser neueren Annahme also nicht mehr darauf limitiert, mit den selben Zellen zu denken wie schon als Säugling, da das Gehirn über ungeahnte Regenerationsfähigkeiten verfügt.

Die Vernetzung der Zellen untereinander mit der zehntausendfachen Zahl von Nervenfasern beginnt schon in der Säuglingszeit und ist prägend. Die im Säuglingsalter angenommenen Umgebungsreize bewirken eine „Verdrahtung", die auf das ganze spätere Leben Einfluss nimmt und zumeist mit Worten nicht benannt werden kann.

Die Eindrücke aus der Säuglingszeit wie Riechen, Fühlen und Schmecken sind am Nachhaltigsten und können in späteren Jahren, bei Wiedererkennen eines bestimmten Geruchs, ganze Assoziationsketten freisetzen.

Wenn wir uns weiter vor Augen halten, wie viele Eindrücke seit der Säuglingszeit schon auf uns eingestürmt sind, ist es nur gut, dass es eine solche Filtereinrichtung wie das UZG gibt, das die Spreu vom Weizen trennt und dafür sorgt, dass „Unwichtiges" vergessen werden kann.

Dem UZG verdanken wir dadurch auch die Fähigkeit, mehrere Tätigkeiten gleichzeitig ausüben und auf gefährliche Situationen spontan reagieren zu können. Denken wir nur daran, während des Autofahrens ein Gespräch zu führen und dennoch dem plötzlich auf die Fahrbahn tretenden Fußgänger mit einem Schlenker auszuweichen. Hier hat das Wahrnehmen des Fußgängers ausgereicht, eingeprägte Verhaltensmuster routinemäßig abzurufen und so eine spontane Ausweichreaktion durchzuführen. Er wäre für deren Erfolg sicherlich zu spät gewesen, wenn ein bewusster Denkvorgang hätte vorgeschaltet werden müssen.

Können im UZG kreisende Impulse an bereits bestehende Gedankenverbindungen angeknüpft werden, gehen sie in der Speicherung einen Schritt weiter, werden sozusagen „durchgewunken" in das KZG.

Im KZG verweilt eine Information nun nicht mehr als elektrischer Impuls, sondern in Form von lochstreifenähnlichen Matritzen, die eine Lebensdauer von etwa 20 Minuten haben. In den Zellkernen werden Eiweißmoleküle hergestellt, die an die Matritzen angelagert werden und so deren für die Information typischen Merkmale erhalten.

Wenn dies innerhalb der etwa 20 Minuten gelingt, bevor die Matritze wieder zerfällt, hat sich eine Information im LZG verankern können. Sie sitzt dann fest wie eingraviert, weshalb das Wort „Einprägen" gar nicht so weit hergeholt ist.

Jeder Mensch hat einen individuellen Lernrhytmus. Jedem sollte aber zugrunde liegen, sich die Zeit zu nehmen (und dem Gedächtnis zu geben), sich Lerninhalte zu verdeutlichen. Das Gehirn versucht nämlich, alles in bereits bestehende Netzwerke einzuordnen, an Bekanntes anzugliedern, damit es nicht eine Überzahl an Informationen aufnehmen muss.

Zuerst werden also die bereits gespeicherten Informationen auf Übereinstimmung abgefragt, damit das Gehirn die neuen Informationen daran angliedern und so leichter wiederfinden kann.

Je mehr Eingangskanäle beim Aufnehmen von Neuem benutzt werden und je mehr Assoziationen zur Verfügung stehen, desto schneller und effektiver kann gelernt werden. Diesen Vorgang können wir uns als Trick zunutze machen, indem wir uns zum Beispiel Eselsbrücken bauen für schwer zu behaltende, schwer „eingängige" Sachverhalte.

Eine gute Übung ist auch „Bilderdenken", indem wir uns zu Lernendes bildhaft vorstellen und „Bilderketten" erstellen, in denen der jeweils vorherige Begriff mit dem folgenden in bildhaften Zusammenhang gebracht wird. Solche Billderketten lassen sich viel einfacher merken als abstrakte Vorgänge.

Pausen einzulegen kann sehr sinnvoll sein, wenn sie nicht dazu benutzt werden, eben gelernte, sozusagen noch nicht „abgelegte" Informationen durch andere zu überlagern; denken wir an den viel eingängigeren „Ohrwurm" aus dem Radio oder an unangenehme Telefonate.

Nach einer solch „missglückten" Pause kann es sein, dass wir den zu lernenden Stoff neu angehen müssen, weil der Anfang bereits wieder vergessen ist.

Überhaupt ist es dem Lernen nur zuträglich, wenn die gesamte Umgebungssituation möglichst angenehm und stressfrei ist. Stress mit seinen daraus folgenden Hormonausschüttungen sorgt nämlich dafür, dass eine Verankerung von Informationen im LZG unterbunden wird.

Sogenannte Sekundärinformationen werden in ihrem Einfluss gerne unterschätzt. Aber weil unser Gehirn eben kein Archiv ist, wo alles geordnet in Schubladen abgelegt wird, spielt nicht nur der zu lernende Stoff, sondern genau so die mit der Lernsituation unterschwellig verknüpfte Information eine wesentliche Rolle.

Unser Gehirn erkennt den bequemen Sessel, in dem wir sitzen, die zart duftende Rose auf dem Beistelltisch, das Bienengesumm vor dem Fenster und das Spiel des Sonnenlichts auf der gegenüberliegenden Wand als früher schon als angenehm erfahren wieder; wir sind entspannt, durch die Umgebung motiviert, und so wird der zu lernende Stoff quasi „huckepack" auf den anderen Eingangskanälen „mitgenommen" und im LZG gespeichert. Später irgendwann kann es dann geschehen, dass in einer ähnlichen Situation unvermutet eben dieser Lernstoff wieder einfällt, ohne dass wir uns das Wieso erklären könnten.

Diesen Vorgang können wir in umgekehrter Reihenfolge auch ganz bewusst nutzen. Können wir uns zum Beispiel an etwas absolut nicht erinnern, das wir vor einem Moment im anderen Zimmer noch wussten, kann es durchaus eine Hilfe sein, sich in die Umgebung von vorher zurück zu begeben. In den meisten Fällen sorgen die Sekundärreize (der Rosenduft, das Sonnenlicht) dafür, dass auch das vergessen Geglaubte plötzlich wieder ganz klar da ist.

Hingegen kann eine als „feindlich", „fremd" und „unbekannt" aufgefasste Gesamtsituation sogar eine Denkblockade verursachen, die es unmöglich macht, Lerninhalte aufzunehmen oder zu erinnern.

Durch eine angenehme Gesamtsituation in Verbindung mit einem gewissen Wiedererkennungseffekt lassen sich auch schwierigere Lerninhalte aufnehmen. Wir können beispielsweise dafür sorgen, dass der Arbeitsplatz - möglichst immer derselbe - mit allen nötigen Hilfsmitteln wie Lexika, Lineal, Schreibgeräte, Anspitzer, Papier, Schere, Locher, Hefter, Klebstoff etc. ausgerüstet ist, damit wir Unterbrechungen, diese Dinge zu besorgen, vermeiden können.

Ebenso hilfreich kann es sein, uns an eine bestimmte Tageszeit für das Lernpensum zu gewöhnen.

Zudem können wir uns selbst überlisten, indem wir Lerneinheiten klein halten. Dazu ist ein Kurzzeitwecker eine große Hilfe. Wir stellen ihn etwa auf zehn Minuten ein, während derer wir uns intensiv mit dem Lernstoff befassen. In der sich jeweils anschließenden fünfminütigen Pause sollten wir uns entspannen, nicht ablenken, um dann weitere zehn Minuten konzentriert zu lernen usw. So schaffen wir uns selber Erfolgserlebnisse, die uns weiteres Lernen versüßen.

Und selbst, wenn wir mal gezwungen sein sollten, uns mit einem wirklich widerspenstigen und uninteressanten Stoff mehrmals auseinanderzusetzen, bleibt doch ein Trost: Gerade dieser Stoff „sitzt" dann meist besonders gut, weil das Gehirn mit jeder neuen Wiederholung neue Assoziationen knüpfen und das Wissen fester im LZG verankern konnte. Und so findet denn auch das Sprichwort „Ohne Fleiß - kein Preis" seine Erklärung.

© noé/1988/2014 überarbeitet / Alle Rechte bei der Autorin.

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Interne Verweise

Kommentare

05. Jan 2016

Huch?
Kam das als Zufallstext?
Das ist doch schon "vor Ewigkeiten" erschienen ...
Aber danke trotzdem!

27. Nov 2016

Brilliant geschrieben. Einleuchtend und klärend, ohne arrogante Sprachverzerrungen. Toll.
LG Monika

27. Nov 2016

Eric Kandel lesen.
lG
ulli