Quo vadis, Europa?

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Trotz Feuer vor der Haustür: Der Konjunkturmotor brummt, der Aktienindex klettert, die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich weiter und weiter...
Nun ja, aber wer arbeiten will, der findet auch was. Bei uns verhungert niemand.
Bei uns –!
Und die Griechen schmeißen wir raus... Von wegen auf Kosten unserer Steuerzahler leben… Ist doch klar, Grieche ist Grieche, verkommenes Land, verkommene Leute…
Das vereinfacht die Sicht auf den südöstlichen Nachbarn schon erheblich. Daß der Grund für die drohende Staatspleite in der Regierungszeit korrupter Politiker einer bestimmten Couleur angesiedelt ist, löst sich da wie von selbst auf. Man hat’s eben gern wie man’s möchte…
Die Milliarden, die griechische Finanzjongleure im europäischen Ausland gebunkert haben, sind selbstverständlich weiterhin willkommen. Und wenn wir denen in die Finanzpolitik hinein reden, dann nur zu unseren Gunsten, das walte Mammon. So viel zum Umgang der Europäer miteinander.
Nicht, daß ich mißverstanden werde. Es gibt auch in Europa viele Mitmenschen, die nicht über den Zaun gucken und Halbwahrheiten absondern. Es gibt Mitbürger, die spenden und es gibt andere, die setzen das gesammelte Kapital in tätige Hilfe um – oft auch unter Lebensgefahr. Und es gibt auch kluge Köpfe, die sehr wohl wissen, was sich ändern müßte.
Aber sie verfügen nicht über die Kräfte, die nötig sind, um dieser Fahrt ins Ungewisse eine andere, menschen- und umweltfreundlichere Richtung zu geben. Denn da ist die träge Masse der Desinteressierten, der Hauptsache-mir-geht’s-gut-Bürger und der Enttäuschten.
Hoffnungslosigkeit ist ein harter Boden auf dem nur noch die Wut gedeiht. Dann wird er zur Lavakruste, die jederzeit an jeder Stelle aufbrechen kann. überall auf diesem Planeten. Ja, auch in Europa…
Wir brauchen keine genickbrechenden Freihandelsabkommen. Wir brauchen eine Wirtschaft, die nicht auf Wachstum zu Lasten Anderer eingestellt ist, eine Wirtschaft, deren oberstes Gebot Nachhaltigkeit und Verantwortung heißt. Keine Spielwiese für Finanzakrobaten und Aasgeier. Wir brauchen keine Waren, die in Sklavenarbeit billig hergestellt und einmal hin und zurück um den Erdball kutschiert, wie durch Geisterhand noch profitabler werden. Wie das funktioniert? Indem die unterschiedlichen Gesetze und Vorschriften entsprechend „gehandhabt“ werden. Diese Technik wird branchenüblich als „Zwischenhandel“ bezeichnet, in niederen Kreisen auch „Abzocke“ genannt. Und das ist nur einer von vielen Tricks, die lediglich der Geldvermehrung dienen.
Statt Billigware gewinnbringend zu importieren, sollten wir unser Fachwissen und unseren praktischen Rat in Sachen Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit exportieren, nicht zuletzt auch zugunsten der wirtschaftlichen Unabhängigkeit der Entwicklungsländer. Die globale Marktwirtschaft, die tatsächlich nur den reichen Ländern nutzt, ist ein perverser Weg in den Abgrund.
Das ist natürlich alles bekannt. Und warum ändert sich trotzdem nichts? Um ein solches Umdenken zu installieren, müßten sich alle Beteiligten, die Geber- und die Nehmerländer, einig sein. Zudem müßten auch die korrupten Herrschaftsstrukturen in der Dritten Welt aufgelöst werden. Ja, eben jene, die wir ‚Abendländer’ in Jahrhunderte währender Feinarbeit zu unserem Nutzen und zu Lasten ihrer Untertanen herangebildet haben. Inzwischen haben sie uns im Griff. Ihre Untertanen laufen Amok, rächen sich nicht zuletzt an einem Europa, das sich nicht nur der mörderischen Kolonisierung und der damit verbundenen Vernichtung alter Kulturen und Versklavung ganzer Völker schuldig gemacht hat. Auch das notwendige Handwerkszeug für eine solche Rache haben wir geliefert und liefern es weiterhin.
Dieser Rachefeldzug bedient sich zudem einer fatalen Mischung aus Macht und Religion. Ja, auch das haben wir vorexerziert.
In diesem Sinne: Gute Nacht, Europa.

Lesern, die den in meinem Beitrag geäußerten Ansichten und
Schlußfolgerungen nicht generell ablehnend gegenüberstehen, empfehle ich
das am 22.6.17 im S. Fischer Verlag erscheinende Buch von Pankaj Mishra:
„Das Zeitalter des Zorns. Eine Geschichte der Gegenwart“ zur weiterführenden Lektüre.

Dieter J Baumgart

Quo vadis, Europa? Textile Kunst: Gerlinde Baumgart

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