Schatten ohne Licht? (Okkultismus auf dem Prüfstand)

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Das Wort „Okkultismus“ ist in vieler Munde, sein Inhalt weitgehend unbekannt. Ahnungslosigkeit schützt nicht vor Missbrauch. Stattdessen Aufklärung: Was hat es mit dem Okkultismus auf sich?

„Woran denken Sie zuerst, wenn Sie das Wort Okkultismus hören?“ Die meisten Antworten auf meine kleine Befragung bewegten sich zwischen „Teufelskult“, „eh, scharf, schwarze Messe und so“ und: „Da denk‘ ich lieber nicht drüber nach, viel zu gefährlich“. Eine klare Antwort erhielt ich nicht.

Das Wort hielt 1530 Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch, als Agrippa von Nettesheims „De occulta philosophia“ veröffentlich wurde. „Okkultismus“ ist danach „die Lehre von den verborgenen Dingen“. In den Hoch-Zeiten der Geheimbünde, die manchmal so geheim waren, dass sich die einzelnen Mitglieder untereinander nicht kannten, wurde der Begriff noch wörtlich verstanden. Jeder Bund hatte nämlich eine eigene „Lehre von den verbotenen Dingen“, über die Außenstehende auf keinen Fall etwas erfahren durften. Heute wird das Wort „Okkultismus“ in einem anderen, eher weltanschaulichen Sinn benutzt.

Immer mehr Menschen gehen davon aus, dass unser eines Leben nicht alles sein kann, dass man mehrere Leben haben, also wiedergeboren werden müsse, um Fehler „ausbügeln“ zu können. Besonders in Zeiten persönlicher seelischer Not oder auch menschlicher Krisen wird gerne Zuflucht zum Glauben an eine Jenseits-Welt genommen, aus der man Trost, Rat und Hilfe abrufen kann.

Diese Jenseits-Welt ist – für Viele glaubhaft – bevölkert von Geistern, Spiritis, die dadurch, dass sie sich in einer dem Menschen verschlossenen Dimension befinden, einen besseren Überblick über das Labyrinth von Raum und Zeit haben. Diese Wesen können Seelen Verstorbener sein oder auch Schutzgeister und Engel Gottes. Sie haben den Wunsch – oder lassen es zumindest zu -, Kontakte mit Menschen zu haben, meist, um diese vor schwerwiegenden Fehlern zu bewahren. Da aber in der Jenseits-Welt nicht nur gute Geister existieren, kann es für labile oder unreife Menschen oder für solche mit nur angelesenem Halb-Wissen gefährlich werden, den Kontakt zu den Jenseits-Wesen zu suchen. Denn Ungeübte erkennen nicht, auf wen sie treffen, und ein Geist mit unlauteren Absichten gibt diese nicht unbedingt gleich zu erkennen.

Eher kindlich einzustufen ist wohl die Vorstellung des kettenrasselnden GESPENSTES auf einem schottischen Spukschloss. Auch sogenannte POLTERGEISTER scheinen sich, wie im Fall der Angestellten einer Rosenheimer Anwaltskanzlei, als unbewusste Entladungen von blockierten Energien heranwachsender entpuppt zu haben: In ihrer Gegenwart zerplatzten Glühbirnen und ein Aktenregal wurde ohne ersichtlichen Grund 30 cm von der Wand abgerückt.

Um „übergeordnetes“ Wissen anzuzapfen oder mit dem Jenseits in Kontakt zu treten, werden bestimmte okkulte Praktiken angewandt. Die wenigsten wissen, dass auch die ASTROLOGIE – etwas heute durchaus Alltägliches – dazu gerechnet wird. Beim AUTOMATISCHEN SCHREIBEN wird einem medial veranlagten Menschen direkt aus der Geisterwelt in die Feder – oder ein anderes Schreibinstrument – diktiert, manchmal entstehen so ganze Bücher. Es gibt das SCHREIBENDE TISCHCHEN, bei dem eines der drei Beine durch einen Bleistift ersetzt wurde, oder das OUI-JA-BRETT, auf dem sich ein Zeiger dreht und Antworten entlang des Alphabets buchstabiert. Ähnlich funktioniert das GLÄSERRÜCKEN.
PENDEL können auf Ja-Nein-Vielleicht-Fragen antworten. Ebenso TAROT-KARTEN, die jedoch – je nach Legesystem – mehr ins Detail zu gehen vermögen. Laufspuren von KAFFEESATZ oder TEEBLÄTTERN in einer umgedrehten Tasse geben Auskunft über Schicksal und Zukunft. Beide können aber auch aus den HANDLINIEN oder dem FALL VON HÖLZCHEN oder anderen Objekten beim I-GING gelesen werden. Mithilfe eines kleinen Zweiges der KABBALA, der NUMEROLOGIE, sind Einblicke auch zu errechnen. WÜNSCHELRUTEN spüren Erdstrahlen, Rohstoffe und Krankheiten auf.

Manchmal äußern sich Geister durch bestimmte KLOPFZEICHEN, oder sie lassen ihr MEDIUM in TRANCE mit veränderter Stimme sprechen und geben Antworten, die zum Teil weit über dem Wissensstand des Mediums liegen.

In Amerika hat EDGAR CAYCE, ein Mann ohne besondere Schulbildung, in Trance medizinische Diagnosen richtig gestellt, oft, ohne die Patienten je gesehen zu haben. Sogar über große Entfernungen hinweg, empfahl er vielfach ungewöhnliche Behandlungsmethoden, deren Erfolge verblüffend – vor allem für die Schulmedizin – waren. Er hatte nie Medizin studiert, verfügte im Wachzustand auch nicht über deren Terminologie. Nach solchen „READINGS“ erinnerte er sich an nichts.

Seit die Technik auch für den okkulten Bereich genutzt wird, versuchen TONBANDFORSCHER ,Stimmen aus der Jenseits-Welt für uns hörbar zu machen und zu konservieren. Das „weiße“, nicht mit einem Sender belegte, Frequenzrauschen des Radios dient den Geistern als „Stimmband“. Ungeordnete Laute werden geordnet als Wörter hörbar. Fragmentarisch geben sie Antwort, auch auf komplexe Fragen. Auf unbespielten Tonbändern wird das Gehörte festgehalten.

Dieses Verfahren wurde ebenso durch Zufall entdeckt wie das der – ebenso nur von engagierten Laien gehandhabten – VIDEOFORSCHUNG. Dabei wird vor einem eingeschalteten Fernseher ohne Programm eine Videokamera aufgestellt. Sie bannt eigentlich nur ihr eigenes Bild endlos auf den Film. Beim späteren Abspielen der Kassette jedoch sind stehende Bilder wie auch laufende Aufnahmen von Menschen eingefangen, die als bereits Verstorbene in einem fortgeführten Entwicklungszustand wiedererkannt wurden. Sie sehen meist sehr zufrieden aus, ja, oft lachen sie sogar.

Nach Berichten aus England KOMPONIERTEN durchschnittlich begabte Pianisten auf Weisung aus dem Jenseits TONWERKE, die Kenner der Materie eindeutig als Bach oder Beethoven identifizierten.

So harmlos dies alles klingt – es eröffnet einen Markt der Schamlosigkeiten. Die Anzeigen von „Lebensberatern“, „Psycho-“ und „Gestalt-Therapeuten“, von „Medialen Heilern“ in vielerlei Zeitschriften sind zumeist nur geschickt betriebene Beutelschneiderei. Hier bereichern sich Legionen von Geschäftemachern am Leid vieler Rat- und Hilfloser, die nach solchen Erfahrungen in eine noch tiefere Verzweiflung stürzen.

In den gleichen ertragreichen Gründen fischen auch SEKTEN, um ihre Bestände und Kassen aufzufüllen. Dabei arbeiten sie nicht selten bewusst mit der Sehnsucht verängstigter, alleingelassener Menschen nach Liebe und Anerkennung. Sie versprechen viel: IDENTIFIKATIONSMÖGLICHKEITEN, eine HEILE WELT und GEBORGENHEIT im Schoß der Gruppe. Doch sie halten wenig. Ihrem Sog können sich viele nicht entziehen. Der Preis – Verlust der Persönlichkeit – ist hoch.

Der neu- bzw. wiedererstandene WICCA-KULT ist eine satanistisch-tendenziöse Hexenbewegung, in der sich frauenrechtliche neben schwarz- und weiß-magisch orientierten Gruppen ausmachen lassen. Bisher erreichte er nur wenige Menschen.

Bei allen diesen Erscheinungsformen des Okkultismus sind Wellen zu beobachten wie beim Meer – zyklisch ablaufende Bewegungen, die nur an der Oberfläche sichtbar werden. Was von Zeit zu Zeit, vom „Medien-Kreuzer“ aufgewühlt und durcheinander gewirbelt, an den „Strand“ gespült wird, sind die Relikte okkulter Praktiken. Es sind menschliche Überbleibsel, denen manchmal wieder Leben eingehaucht werden kann, die den Medien meistens jedoch nur noch als Anschauungsmaterial zur Abschreckung dienen.

Okkultismus – das Unheimliche also, an das man besser nicht rührt, da es einem sonst ergehen könnte wie dem Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht mehr los wurde?
Aber: Wenn er Bescheid gewusst und den „Durchblick“ gehabt hätte?

Kirchen haben erkannt, dass genau dies der Punkt ist, auf den es ankommt. Sie setzen auf Aufklärung, Sekten-Beauftragte und Arbeitsmaterialien vermitteln dem Interessierten notwendiges Wissen auf diesem Gebiet, und das in erfrischender Weise wenig tendenziös. Bei Vorträgen von Sekten-Beauftragten ist bei dem meist saalfüllenden Publikum aller Altersgruppen eindeutig ein großes Informationsbedürfnis und ausgeprägt deutliches Interesse an Hintergrundinformationen spürbar.

Dennoch wird wieder zum Jahreswechsel Blei gegossen, um aus den entstehenden Formen die Tendenz für das kommende Jahr abzulesen, Wäsche wird von der Leine genommen, damit Odin auf seinem Ritt durch die Lüfte nicht angelockt wird und im kommenden Jahr Seelen aus diesem Haushalt mitnimmt, und unfassbare Summen werden selbst in finanziell schwierigen Zeiten per Feuerwerk und Knallerei in die Luft gejagt, um böse Geister zu vertreiben.

So ganz wird es uns (werden wir es?) wohl nicht loslassen.

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Veröffentlicht / Quelle: 
VHS-Treff-Punkt Koblenz (Offizielle Zeitschrift der VHS Koblenz)
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