Astrid Lindgren: »Niemals Gewalt« und warum es fast zum Eklat gekommen wäre

11. November 2020
Kinder im Fokus

Am 14. November ist der 113. Geburtstag von Astrid Lindgren. 1978 wurde sie mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Die Geschichte um ihre berühmte Rede »Niemals Gewalt« können Sie anlässlich des Geburtstags der Autorin hier noch einmal nachlesen.

von Denis Waßmann
Bild zeigt Astrid Lindgren (1994) bei der Verleihung des Right Livelihood Award
Astrid Lindgren (1994) bei der Verleihung des Right Liveliho
© Ceyla de Wilka / CC BY-SA 3.0

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Astrid Lindgren war 1978 schon deshalb etwas Besonderes, weil zum ersten Mal überhaupt eine Kinderbuchautorin mit diesem Preis ausgezeichnet wurde. Sie hatte für die Preisverleihung ihre später sehr berühmte Rede »Niemals Gewalt« geschrieben, die danach in vielen Ländern als Buch veröffentlicht wurde. Vorab musste sie allerdings beim Komitee des Friedenspreises eingereicht werden. Der Inhalt ließ das Komitee nicht unbedingt vor Begeisterung aufjubeln. Man legte Astrid Lindgren damals nahe, ihre Rede zu verändern. Astrid Lindgren bestand allerdings darauf, sie genau so zu halten, oder eben gar nicht.

Sie erläuterte darin zunächst, dass es, solange es Menschen auf der Welt gibt, es auch Gewalt und Krieg gegeben habe. Wirklichen Frieden gebe es auf der Erde nicht. Politiker hätten großes Interesse an der Abrüstung anderer Länder, aber nicht an der ihres eigenen Landes. Im Gegenteil käme es zu immer größerer Aufrüstung, da keiner dem anderen traue.

Astred Lindgren fragte sich außerdem, warum so viele Menschen nur den Weg der Gewalt kennen und ausschließlich Macht oder Rache anstreben. Sie glaubte nicht daran, dass der Mensch von Natur aus böse sei. Ihr Ansatz auf Gewalt zu verzichten war, dass sie bei den Kindern anfangen müssen. Sie stellte die These auf, dass viele Diktatoren selbst Opfer von Gewalt waren in ihrer Kindheit und dieses nun weitergeben. Alle, die mit Kindern zu tun haben, entscheiden laut Astrid Lindgren selbst, ob diesen Kindern Liebe vermittelt wird. Unautoritäre und freie Erziehung hieße nicht, dass Kinder völlig ohne Kontrolle tun und lassen können, was sie wollen. Es gäbe auch bei dieser Form der Erziehung Verhaltensregeln. Zu wünschen sei den Eltern und Kindern allerdings gleichermaßen vor allem Liebe und Achtung zueinander.

Berührend ist die Geschichte, die sie anschließend erzählte. Die Geschichte hatte sie von einer alten Dame gehört. Als die ältere Frau noch junge Mutter war, hatte ihr Sohn etwas angestellt, was nach der Meinung der Mutter die härteste Strafe nach sich ziehen musste. Der Junge sollte einen Stock holen und ihn bringen. Nach langer Zeit kam der Junge mit einem Stein zurück zu der Mutter und erklärte, dass er keinen Stock gefunden habe. Er sagte zu ihr, dass sie dafür aber mit dem Stein nach ihm werfen könne. Die Mutter erkannte, was der Junge fühlen musste – nämlich lediglich, dass die Mutter ihm weh tun wollte – ob mit einem Stock oder mit einem Stein spiele dabei keine Rolle. Sie weinte daraufhin und umarmte den Jungen. Den Stein legte sie an einer Stelle in der Küche ab, an der er als Mahnung liegen blieb, niemals Gewalt gegen das Kind anzuwenden.

Astrid Lindgren redete weiter darüber, dass Kindern die Gewalt und Grausamkeit auf der Welt nicht verborgen bliebe. Es sei gerade deshalb vor allem wichtig, dass man ihnen zu Hause zeigt, dass es auch anders geht. Vielleicht solle sich jeder einen Stein hinlegen, der daran erinnert, niemals Gewalt anzuwenden.

Mit ihrer Rede brachte Astrid Lindgren sowohl das Komitee als auch das durchweg konservative Publikum in Bedrängung. 1978 herrschte in Deutschland nach § 1631 BGB noch immer das Recht der Eltern auf körperliche Züchtigung ihrer Kinder. Erst im November 2000 – 22 Jahre später und in Astrid Lindgrens Geburtstagsmonat – wurde das Gesetz abgeändert. Absatz 2 des § 1631 BGB lautet seitdem »Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.«

Astrid Lindgrens Tochter Karin Nyman erzählte später in einem Interview übrigens, dass sie durchaus diszipliniert erzogen wurden. Ihre Kindheit habe nichts mit der literarischen Pippi Langstrumpf zu tun, die letztlich ohne Eltern aufwuchs und auf sich alleine gestellt war.


Astrid Lindgrens Buch »Niemals Gewalt«

Können wir lernen, auf Gewalt zu verzichten? Astrid Lindgrens Antwort auf die Fragen, Verunsicherungen und Ängste in unserer gegenwärtigen Gesellschaft. In „Niemals Gewalt!“ skizziert sie eine Utopie des Weltfriedens. Sie sieht jeden von uns in der Verantwortung, die Welt gewaltfrei zu gestalten und drängt mit Weitsicht darauf, bereits bei der Erziehung von Kindern damit zu beginnen. Die Autorin zählt zu den gesellschaftspolitisch relevanten Stimmen der Neuzeit. Ein flammender Appell für eine friedfertige Gesellschaft mit einem Vorwort von Dunja Hayali!


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