Eine Tasse Tee

von Jürgen Wagner
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Da fehlt noch was, sagt sich der Mann
der als Professor viel errang
War sehr belesen, sehr gelehrt
weit angesehen, hochdotiert

Er macht sich auf zu einem Berg
Dort wohnt einer Weiser, wie man hört
der ihm vielleicht noch etwas sagt
und geben könnte einen Rat

Er findet ihn und stellt sich vor:
Professor Dr. Dr. Mohr
Ich komme nun von ziemlich fern
und hätte Unterweisung gern

Der Mönch vom Berg, er lädt ihn ein
zu einem Tee, der grün und fein
Er schenkt die Tasse gänzlich voll
und gießt noch weiter – ist der toll?

Der Tee läuft über Tisch und Bein
man hört den Hochgelehrten schrei’n:
"Es ist genug, es ist genug!
Was machen Sie da für Unfug?"

"Mein werter Herr, Sie können seh‘n
So kann's nicht immer weiter geh’n
Wenn man randvoll mit altem Zeug
mit Wissen und Gelehrsamkeit

dann leere man die Tasse aus
werf' manches Alte mal hinaus
Man werde still und öffne sich
für Neues, das noch nicht in Sicht

Nach einer Zen-Geschichte

Veröffentlicht / Quelle: 
Aus 'Weisheitsgeschichten poetisch erzählt', Berlin 2015
Foto: © lily/fotolia

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