Quintessenz

Bild von Jürgen Wagner
Mitglied

Das Feuer hat Dich einst gezeugt
Das Wasser Dich genährt, getragen
Die Erde hat es nicht gereut
Der Atemwind ging ohne Fragen

Dein Feuer will auf Erden scheinen
Dein Wasser fließt und schmiegt sich an
Dein Erd', sie steht auf festen Beinen
Dein Wind sucht Neues, dann und wann

Die Vier sind Basis und Geschick
So bauen wir die Pyramide
Das Fünfte will in den Zenit
Gesegnet sei der inn're Friede

2016 - Anm.: Aus den 4 Elementen Feuer, Wasser, Erde, Luft setzt sich nach altgriechischer Anschauung die uns bekannte Welt zusammen. Gäbe es noch ein Fünftes? Die 'quinta essentia', das fünfte Wesenhafte steht meist für das Wesentliche, das Hauptsächliche, das, worauf es ankommt.

Mehr von Jürgen Wagner lesen

Rechtshinweis:
Für diesen Beitrag ist eine unkommerzielle Nutzung erlaubt, alle Rechte verbleiben jedoch beim Autor/bei der Autorin.

Interne Verweise

Kommentare

hcheim
03. Aug 2016

UNTERHALTUNG UND EXISTENZERHELLUNG seien die Volksmärchen, hat der große Märchenforscher Max Lüthi geschrieben.

Dasselbe könnte man auch von den Gedichten Jürgen Wagners sagen! Auch dieses Gedicht zeigt mir erhellende Zusammenhänge und ich liebe besonders den letzten Vers. Er gibt mir zu denken und es ist einfach schön, wie er ein Geheimnis andeutet und stehen lässt.

Danke für dieses Abendgeschenk!

03. Aug 2016

Wie schrieb W. Bergengruen in christlichem Kontext:

...
Also ist die Pilgerschaft gemündet
und die Bahn im goldnen Ziel verklärt.
In den vieren ist die Welt gegründet
und vom fünften strahlenhaft genährt.

Wandrer, heiße alle Ängste schweigen,
niemals fällst du aus der Schöpfung Schoß,
bist ein Sohn in seinem Erb und Eigen,
und dein Erbe ist unmesslich groß.

Herzliche Abendgrüße! JW

hcheim
04. Aug 2016

So schön Bergengruens Gedicht über die vier Elemente ist, so ist er mir zu einseitig, wenn er NUR den Mann als Sohn und Erben der Schöpfung bezeichnet!

Ohne eine Feministin zu sein und ohne Griffelspitzerei: Auch wir Mädchen und Frauen, wir Töchter der Erde und des Himmels, sind im Netzwerk der Schöpfung geliebt und geborgen!

Wie gut, dass die QUINTESSENZ keine solchen Unterschiede kennt!

Mit herzlichen Grüßen! hcheim

04. Aug 2016

Ich glaub, 'der Wandrer' und 'Sohn' in der letzten Strophe sind mehr sprachbedingt und sollten heutzutage für beide Geschlechter gelesen werden - so wie auch 'Vater unser' oder 'unser kranker Nachbar auch' oder 'alle Menschen werden Brüder' - das kann, aber muss nicht patriarchalisch gemeint sein. Mit Abendgrüßen! JW

hcheim
05. Aug 2016

Danke! Bei Ihren Beispielen aus früheren Jahrhunderten haben Sie sicher Recht, dass hier beide Geschlechter gemeint wurden.

Doch Bergengruen lebte in einer Zeit, in der die maskuline Ausdrucksweise zunehmend kritisch angefragt wurde. Auch wenn wir zu seinen Gunsten annehmen wollen, dass er mit dem Wanderer den Menschen überhaupt gemeint hat, so bleibt sehr bedauerlich, dass er eine so wunderbar tröstlichen Aussage nur für den Mann macht.

Heiteres Notabene: Für Sohn und Brüder gibt es mehr Reimwörter als für Tochter und Schwestern, vielleicht liegt hier auch ein Grund für die einseitige Ausdrucksweise.

05. Aug 2016

Er spricht ja im 2. Vers vom Menschen und ich bin mir sicher, er hat es auch so gemeint. Ich denke, zu seiner Zeit konnten noch beide Geschlechter den 'Sohn' auf sich beziehen - der irgendwie besser klingt als 'Kind', was eine Alternative gewesen wäre. Wir sind heute an der Stelle sehr sensibilisert. Ich glaube, wenn eine Frau ein solches Gedicht schriebe und sie würde es mit einer reich beschenkten Tochter enden lassen, würde ich das trotzdem für mich nehmen können - halt nicht so direkt - so wie bei der Goldmarie.
Mit dem Notabene liegen Sie sicher auch nicht verkehrt. Herzlichen Gruß! Jürgen Wagner