Die Frau mit der Reiherfeder

von Joachim Ringelnatz
Aus der Bibliothek

Ich weiß nicht genau
Warum ich so oft an die bleiche Frau
Mit der weißen Reiherfeder gedenke,
Mich immer in den Gedanken versenke:
Wie könnte es werden, wie würde es sein,
Wäre sie dein. – –
Ich weiß es nicht und frage vergebens.
Sie ist auf dem bunten Wege des Lebens
Irgendwo still mir vorübergegangen,
Die schöne Frau mit den bleichen Wangen.
Sie hat mich mit kalten Blicken gemessen;
Wir haben kein einziges Wort getauscht,
Doch sie hat mich mit fremden Zauber berauscht,
Daß ich sie nimmer werde vergessen.
Etwas, wie sehnende, nagende Glut
Will mir das pochende Herz zerreißen,
Denk ich der bleichen Frau mit der weißen,
Wehenden Reiherfeder am Hut.

Veröffentlicht / Quelle: 
Gedichte. Hans Sachs-Verlag Schmidt-Bertsch & Haist, 1910, Seite 16

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