O lustvoll feiert das Leben den Tod

von Annelie Kelch
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Im nahen Park ist das Lächeln
Des Sommers erloschen ...
Auf kalten Füßen verharrn im
Gekränkten Schweigen die Bäume
Sturm hat die sanften Wellen verdroschen
Nebelgeschwader, fischbäuchig, fallen
In tote Gärten, verlassene Räume
Zum kalten Stein geh, meine Muse
Ihn warmzuküssen ...

… wenn voller Kummer die Blätter fallen

Sargdeckel – gestürzt über Moos und Farn
Heftiger denn je kehrt die Einsamkeit
In stumme Wälder zurück;
Nichts, das mehr mit dem Licht spielen möcht
Wenn der greise Mond seine Weisheiten sät:
„Wer jetzt handelt, braucht keine Hoffnungen mehr!
Im Weltall geistern die Nebel schwer …!
Seid ihr gewiss, dass euer Gott niemals
Gesündigt hat ...

… wenn voller Kummer die Blätter fallen?“

Ach, mit dem Sommer starb auch das Kind
In mir. Und selbst wenn der Himmel mich
Jetzt öfter berührt und mit Regen umfängt
Spüre ich ihn noch weniger als damals:
Die Sonne kroch aus dem Meer und ihr
Goldwarmes Gängelband schürte das
Verlangen nach Liebe ohne Leiden und Lügen
Kaum, dass ich noch Kraft für Abschiede finde
Herbstet mir die Stille so bang zwischen
Den Atemzügen ...

… wenn voller Kummer die Blätter fallen

Wind bläst falsche Schwüre übers Land …
Mein Lieb und ich gehen getrennte Wege
Könnt es sein, dass jetzt auch die Zeit zaudert und zagt?
Dass sich mein Lieb nicht mehr nach draußen wagt?
O Wolke und Mond, o Welle, o wilde Flut
Wozu ist langes Getrenntsein gut …
Ach!, wenn 's denn so ist, bleibt mein Lieb eben zu Haus
Ruht sein verschlossenes Herz
In meiner Sommerseel aus: eng verknüpft
Mit meinem Wesen, meiner Art ...
O wie herb und zugleich lustvoll feiert das Leben
Den Tod im Herbst ...

… wenn voller Kummer die Blätter fallen

Quelle:pixabay; Copyright: anne li
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Kommentare

04. Okt 2018

Liebe Annelie ,wie schön, wieder Neues von dir zu lesen - Und das Warten wurde so belohnt!
Wunderbar zur Jahreszeit passend, wunderbar komponiert und dann noch schön bebildert.

"Herbstet mir die Stille so bang zwischen
Den Atemzügen ..." - meisterhaft!

"Ach, mit dem Sommer starb auch das Kind
In mir. " (Dass Menschen so ähnlich zu fühlen vermögen!!)

Es ist zauberhaft geworden.
Sehe ich auch so oft das Morbide im Herbst, so sieht meine Tochter die reiche Ernte: Die Kastanien, die Eicheln, die Bucheckern, die herrlichen Äpfel und Pflaumen, die Nüsse, die Maronen...

Ja, die Blätter fallen kummervoll, das sehe ich auch so. Ich zwinge mich dann. vom nächsten Frühling zu träumen
Liebe Grüße, hab Dank für das großartige Gedicht
Anouk

04. Okt 2018

Ach, liebe Anouk, Du bist doch ein richtiger Schatz mit Deinen wundervollen Kommentaren. Vielen lieben Dank. Ich hatte in den vergangenen Tagen ziemlich starke Kopfschmerzen und mich nicht darum gekümmert - bis es gestern fast nicht mehr zum Aushalten war. Da ich nur in starken Notfällen Tabletten nehme, habe ich mir erst einmal Brennnesseltee gekocht (s.bitte Uwe. Depression), sehr stark, zweimal am Tag nebst Ingwertee. Heute Nachmittag wurde ich belohnt. Die Kopfschmerzen sind fast fort. Dass Deine Tochter den Herbst schön findet, ist doch herrlich. Das hat sie aber auch Dir zu verdanken; Du hast ihr gezeigt, dass man (an jeder Jahreszeit) die guten Dinge schätzen sollte. Und Kastaniensammeln, Eicheln, Bucheckern etc. bringt Kindern doch Spaß. Äpfel - habe ich in der letzten Zeit en masse gegessen, hatte mir bei REWE einen Bauernbeutel gekauft mit kleinen Äpfeln, die aber sehr gut schmecken und ganz natürlich aussehen. Albert Schweizer soll - nur durch Äpfel - sein, ich glaube, Rheuma oder seine Arthritis geheilt haben. Er hat sich über einen längeren Zeitraum "nur" von Äpfeln ernährt.
Dank noch einmal für Dein liebes Lob, über das ich mich sehr gefreut habe.

Einen schönen Abend und liebe Grüße,
Annelie

04. Okt 2018

Wunderschöne Zeilen, liebe Annelie!
Beeindruckend und sehr berührend.
Danke dafür :)

Lieben Gruß,
Ella

04. Okt 2018

Liebe Ella, ich freue mich sehr, dass Dir mein Gedicht gefallen hat und weiß Dein liebes Lob sehr zu schätzen. Hab Dank für Deinen freundlichen Kommentar.

Liebe Grüße,
Annelie

04. Okt 2018

Liebe Ella, schaue bitte weiter unten. Irgendwie komme ich manchmal mit den Antworten zu den Kommentaren nicht klar. Als ob die heimlich verrutschen.

Liebe Grüße,
Annelie

04. Okt 2018

Was ich schickte, ...
Frischen Ingwer für den Tee
Schwarzbienen-Honig erlesen in Birnbaum-
Und Kirschbaumblüten und Löwenzahn
zu transzendieren die Schärfe in Süße
Zitronenöl umflattert von Zitronenfaltern
für das auf warme weiche Wickenmoos zu bettende Haupt
und dieses gemischt mit der frischsten Höhenbrise
Die beim Radfahrn durch die Blätterblumendörre
Auch den letzten kleinen Pfützenspiegel kräuselt...
Heimische Birnen und Äpfel, die nur sonnige Tage
Und Frühjahrsregen gesehn auf den Streuobstwiesen
...damit es dir besser geht ganz schnell!

Bewundernswert tief(er)greifende Lyrik, in der sich trotz der Schmerzen die ganz eigene vielfacettige anne li Perspektive auf Übergänge und Überreife und Veränderung richtet, um diese mit Liebe vor einem Herbsthintergrund auszuloten...ja, da bleibt nur ein Danke - Yvonne

Und dabei verdiente doch auch das traumwandlerisch passende Gemälde noch lohende Worte...

04. Okt 2018

Liebe Yvonne, ergebensten Dank für diesen kulinarischen Kommentar, mit Gold nicht aufzuwiegen. Dachte just an Dich, war es gestern, wars heute. Heute muss es gewesen sein, sonst wäre es mir nicht so frisch in Erinnerung. Die Mosel wurde gezeigt in der Tagesschau. Dort hatte nämlich der Wein ein Rekordjahr, was Ernte und Qualität betreffen. Da musste ich sogleich an Dein schönes Moselgedicht denken. Es soll eine Ernte gewesen sein wie schon seit Jahren nicht mehrl. Vielen lieben Dank für Deinen fachkundigen Kommentar, über den ich mich sehr gefreut habe und noch beim Zähneputzen lange nachdenken werde. Mir hat der Herbst dieses Jahr fast nur seine raue Schlechtwetterseite gezeigt - da kann man nur noch auf den Winter hoffen. Und ja: Dieses Aquarell, dass ich bei pixabay unter "Fallende Blätter" entdeckt habe, gefiel mir auf den ersten Blick. Besser und sympathischer kann man diese Situation kaum malen. Ich danke Dir ganz herzlich für das schöne Gedicht und sende Dir liebe Grüße,

Annelie

04. Okt 2018

Dieser eingängige Refrain "... wenn voller Kummer die Blätter fallen", erinnert mich an die Bedeutung des Chores in griech.Tragödien. Ein wort- und bildmächtiges Werk, liebe Annelie, mit Genuß gelesen.
Liebe Grüße in Deinen Abend von Ingeborg

04. Okt 2018

Liebe Ingeborg, ganz herzlichen Dank für Deinen lieben Kommentar zu später Stunde. Ja, die Chöre in griech. Tragödien sind mir ein Begriff; aber auch ein Dichter, den ich sehr schätze, hat dieses Stilmittel oft angewandt. Es handelt sich dabei um den spanischen Lyriker Federico García Lorca. Er wird in einem Atemzug genannt mit Neruda und Lope de Vega. Ich freue mich, liebe Ingeborg, dass ich Dir einen kleinen Genuss bereiten bereiten durfte und nehme Deine lieben Worte mit in den Schlaf, bin heut sehr müd.

Liebe Gute-Nacht-Grüße,
Annelie

05. Okt 2018

Ein rundes, wildes Herbstgedicht, auf Deine besondere Weise komponiert, danke dafür, liebe Annelie, mehr nicht, denn meine Vorrednerinnen haben schon alles zum Ausdruck gebracht, was auch ich empfinde beim Lesen …

ganz liebe Grüße - Marie

05. Okt 2018

Liebe Marie, mein wildes Herbstgedicht dankt Dir ganz herzlich für Deinen lieben Kommentar. Es wurde unter sehr starken Kopfschmerzen geschrieben und ich bin froh und dankbar, dass es euch - trotzdem - gefällt. Es scheint so, als würde es heute draußen sonniger, was auch meine kleine Herbstdepression ein wenig lindert.

Liebe Grüße zu Dir und genieße das Wochenende,
Annelie

05. Okt 2018

Liebe Annelie,
>Zum kalten Stein geh, meine Muse
Ihn warmzuküssen ...<
Trotz aller Melancholie des Herbstes lass ich mich durch den bezaubernden Musenkuss trösten.
Ja, liebe Annelie, Deine Dichtkunst ist beeindruckend tiefgehend und schön.

Viel Sonne und Frohsinn in den Tag
wünscht Monika

05. Okt 2018

Liebe Monika, ich danke Dir sehr für Dein Lob und Deinen lieben Kommentar, der mir heute das Wochenende versüßen wird, das ich - meist einsam - mit Schreiben, Lesen und Malen verbringen werde. Aber ich will nicht klagen: Es ist ja das, was mir am meisten Spaß bringt, und meine in Gesellschaft zugebrachten Wochenenden waren nur mit meinen Kindern netter; anderes Geschwätz ging mir oft auf die Nerven, zumal es mich selten zum Lachen gebracht hat.

Liebe Grüße zu Dir und euch beiden Schönen
ein entspanntes Wochenende mit feinem Herbstwetter,
Annelie

05. Okt 2018

Wieder mal?
Wie immer!
Wahre Poesie!
Wenn man sie liest, glaubt man, nie besseres gelesen zu haben.
LG Uwe

06. Okt 2018

Danke für Dein schönes Lob, lieber Uwe. Ich freue mich, dass es Dir wieder besser geht und dass Dir mein Gedicht gefallen hat. Ja, Du hast recht, das sollte mein letztes Herbstgedicht in diesem Jahr sein, es sei denn, der Herbst leistet sich noch ein paar Kapriolen wie Sturmfluten etc., was nicht zu hoffen ist. Ich meine selbstverständlich: Was wir nicht hoffen wollen.

Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
Annelie

14. Okt 2018

Eine beeindruckende Dichtung, Liebe Annelie. Die Worte und Sätze scheinen direkt aus Deiner Seele zu quellen. Und doch machst Du mir manchmal ein wenig Angst mit Deinem mächtigen, bedrohlichen Herbst.

Alles Liebe, Susanna

14. Okt 2018

Liebe Susanna, herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Nichts liegt mir ferner, als Dir Angst zu machen. Die Bedrohlichkeit des Herbstes habe ich oft am Flussufer erlebt, wenn die Wasser sich auftürmten und die Dachziegel über uns klapperten bei Orkanstärken, in denen niemand mehr das Haus verlassen konnte, ohne gleich auf die Straße zu wehen. Das prägt sich wohl ein: Und draußen alles dunkel in dunkel. Es war schaurig-schön, Susanna, solange man unter der warmen Decke lag und im Herd das Feuer prasselte. Lass es Dir gut gehen, der Sommer bäumt sich ein letztes Mal auf im Herbst - fast überall in "Teutschland". Ich wünsche Dir einen wunderschönen Sonntag, der Deine Genesung vorantreibt, worüber ich mich sehr freuen würde.

Liebe Grüße,
Annelie