Fortsetz. v. 30. Nov. 2016, Im Dickicht der Zeichen; Nora Meranes erster Fall; ein Krimi.

von Annelie Kelch
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Ich eilte hinüber ins Wohnzimmer und blickte Marc, der sich in einen der beiden Sessel neben dem Couchtisch hatte fallen lassen und die Beine weit von sich streckte, fragend an.
„Jemand hat Leander Koska gestern gesichtet, auf Sankt Pauli, in einer dieser Hafenkneipen, Nora; er habe angeblich an der Bar gesessen.“
„Wer will ihn erkannt haben?“, fragte ich.
„Ein ehemaliger Kripomann, ist inzwischen pensioniert. Der Kollege sei sich hundertprozentig sicher, dass es sich bei der Person am Tresen um den zur Fahndung ausgeschriebenen Leander Koska gehandelt hat, aber als ein paar Beamte der Davidwache, die er umgehend informiert haben will, in der Spelunke eintrafen, habe sich Koska bereits aus dem Staub gemacht.“
„Mist!“, sagte ich.
„Kann man wohl sagen.“
„In welcher Verfassung befand sich Koska?“
„Soll stur in seinen Bourbon-Whiskey gestarrt und sich um nichts weiter gekümmert haben.“
„Vermutlich hatte das nur den Anschein. Wie ernst kann man diese Aussage nehmen?“, fragte ich.
„Ziemlich ernst“, sagte Marc. „Krampe, so heißt der Zeuge, hat ein Foto von Koska geschossen und nach Hellerburg gefaxt. Von Anger meinte eben am Telefon, der Mann könnte mein Zwillingsbruder ein, fragte mich doch tatsächlich, ob nicht i c h derjenige sei, der unter Verdacht stünde, während der wahre Marc Keppler sich auf Sankt Pauli umhertreibe und von Koska erpresst würde.“
„Und?“, fragte ich. „Bist du Leander Koska?“
„Was glaubst du, Nora?“
„Wer saß in der fünften Klasse neben dir?“
„Keine Ahnung“, sagte Marc (?).
„Befinde ich mich wieder in Gefahr, sofern es sich bei dir um Leander Koska handelt, der mich schon einmal um ein Haar erwürgt hätte?“
„Schon möglich“, sagte der Typ, bei dem ich plötzlich nicht mehr wusste, um wen es sich handelte, obwohl ich, hauptsächlich wegen der Körpergröße, hätte schwören können, dass niemand anderer als Marc vor mir stand. Aber es gab ja auch Schuhe mit höheren Absätzen, speziell für Männer, die man beliebig austauschen konnte. Es brauchte keineswegs den Tatsachen entsprechen, dass Leander Koska ohne Schuhe größer war als Marc.
Darüber hinaus wurde es Zeit, dass ich mir die Frage stellte, ob ich Marc wirklich kannte. - Nein, hätte die korrekte Antwort lauten müssen, richtig kennengelernt hat Nora Merane diesen Marc Keppler nie; sie war lediglich eine Zeitlang in ihn verliebt. Die Zuneigung hatte sich angebahnt, als beide fast noch Kinder waren.
Und ich konnte ferner keineswegs ausschließen, dass auch Marc so einiges auf dem Kerbholz hatte.
Jedenfalls zog ich blitzschnell meine neue Waffe aus dem neuen Holster, dem dritten, das ich in jenem Jahr, als Brenda ermordet wurde, kaufen musste, und zielte auf sein Bein. Koska alias Keppler oder umgekehrt schlug mir die Waffe aus der Hand, schubste mich auf die Couch und umschlang mich mit beiden Armen – ich saß fest – hockte ziemlich belämmert auf Marcs rotem Sofa wie im Eierrund einer verstellbaren Kneifzange. Koskas Griff schloss sich noch fester um mich, seine spröden Lippen, die er auf meinen Mund zu pressen versuchte, streiften meine Wange, und ich mühte mich ab, meinen Kopf rabiat wie eine Eule zu drehen; mir fiel jedoch gerade noch rechtzeitig ein, dass ein solches Gebaren zu Embolien und Schlaganfällen führen konnte. Sobald die Köpfe verunfallter Menschen, während die Unglücksfälle passierten, heftig zur Seite gerissen werden, bewirkt das fast immer eine Verletzung der Blutgefäße.
'Soll doch dieser Typ, Koska oder Keppler, wer auch immer von beiden, mit mir machen, was er will; Hauptsache ist, ich komme mit dem Leben davon', dachte ich letztendlich und fügte mich ergeben in mein Schicksal.
Der Kerl ging ran wie 'Blücher an der Katzbach', küsste und koste meine Lippen, meinen immer noch vom Würgen leicht verfärbten Hals, biss in mein Ohrläppchen, dass ich um die silbernen Stecker fürchten musste, die eine Freundin mir zum letzten Geburtstag geschenkt hatte, und zerwühlte mein Haar. Das Schlimmste dabei war, dass ich die Liebkosungen nicht mal als besonders unangenehm empfand. Ich hasste mich dafür, schließlich würde Koska, auf den das Täterprofil eines Serienkillers zutraf, mich früher oder später ins Jenseits befördern.

Ich dachte voller Sehnsucht an Marc, der vermutlich auf Sankt Pauli umherirrte und nicht wusste, wo er hinsollte. Hatte Koska ihn in der Hand, wusste er etwas über Marc, womit er ihn unter Druck setzen konnte?
Koska fing an, meine Bluse aufzuknöpfen. „Muss das sein?“, erkundigte ich. Meine Stimme klang zu meiner eigenen Empörung mehr als nur halbherzig. Ich saß seelenruhig auf Marcs roter Couch und ließ mich von einem kaltblütigen Killer befummeln. Tiefer konnte man nicht sinken.
Ich befreite meinen rechten Arm und landete einen Boxhieb in der Herzgegend des Draufgängers.
„Keine Chance, Puppe, ich bin stärker als du“, grinste Koska, hob mich vom Sofa und trug mich ins Schlafzimmer. Es wäre gelogen, würde ich behaupten, Keppler oder Koska, mit welchem der beiden Männer ich es auch immer zu tun hatte, habe unter meinem - wenn auch geringem - Gewicht, nicht gekeucht; aber wer weiß, woher dieses Keuchen rühren mochte.
Als ich auf Marcs Bett lag, sah die Sache für mich schon wieder ganz anders aus. 'Lassie' hatte mal behauptet, ich gebärde mich mitunter ein wenig sprunghaft. Das würde sich aber im Laufe der Jahre legen. Es habe als junger Mann ähnlich reagiert wie ich. - Als Leander Koska sich seiner Jeans entledigen wollte, riss ich Marcs kleine Stehlampe vom Nachtschrank und ließ sie mit mittlerer Geschwindigkeit auf seinen Kopf sausen.

„In der fünften Klasse saß 'Aladin' neben mir.“, stöhnte Marc, bevor er vollends k.o. ging. „Dem haben wir deshalb diesen Namen verpasst, weil er 'Hase' hieß, Albrecht Hase nämlich. Und ja, 'Aladin' deshalb, weil dieser Typ aus 'Tausendundeiner Nacht' eine Wunderlampe besaß: 'Aladin und die Wunderlampe' hieß das Märchen. Und Meister Lampe ist ein Hase, deshalb 'Aladin'. Und du hast in der Fünften neben Gipsy hinter der Bank gehockt, Gisela Knorr, weil die, zumindest damals, immer so bunt gekleidet war, alle Farben durcheinander, wie eine Sinti- oder Romafrau. Damals sagte man Zigeunerin, was heute ein Schimpfwort ist. Sonst noch was?“

„Nein. Du musst Marc Keppler sein. Daran besteht jetzt nicht mehr der geringste Zweifel“, sagte ich frohgemut. Ein herrliches Gefühl hatte von mir Besitz genommen. Ich fand im Nachhinein Gefallen an Marcs Schmuserei und bereute zutiefst, unserer Turtelei auf eine derart rabiate Weise ein Ende gesetzt zu haben. Indes meinen letzten Satz und meine tiefe Reue hatte Marc, mein stürmischer Galan, nicht mehr mitbekommen. Hätte er mir gleich die richtige Antwort gegeben, wäre ich vollauf zufrieden gewesen und seine Nachttischlampe wäre auch nicht entzweigebrochen.

Ich bettete Marcs Kopf auf das Kissen und sah mir die Wunde an, die alle Anstalten machte, sich zu einer passablen Beule zu entwickeln, ein wenig Blut floss auf das weiße Kopfkissen, und ich legte einen provisorischen Verband an. Marc stöhnte, als ich seinen Kopf bewegte, aber ich war froh darüber, dass er noch am Leben war.
Ich zog mein Handy aus der Jackentasche und rief, während ich Marc keine Sekunde lang aus den Augen ließ, einen Arzt an, der versprach, so schnell wie möglich vorbeizukommen.
Keine halbe Stunde später klingelte es an der Wohnungstür. Gott sei Dank, dachte ich. Marc war noch immer nicht bei Bewusstsein, obwohl ich schon ein paar Mal mit einer geöffneten Parfümflasche vor seiner Nase herumgewedelt hatte.
Ich lief zur Tür, öffnete sie und erschauderte: Vor mir stand Leander Koska - und zum ersten Mal, seit ich die Bekanntschaft Koskas gemacht hatte, entdeckte ich den Unterschied, der zwischen ihm und Marc zweifellos bestand: Marcs Augen waren so blau wie ein wolkenloser Sommerhimmel, Leander Koskas hingegen blaugrün; sie strahlten Eiseskälte aus.
Koska sprach kein Wort, drängte mich in die Wohnung und gab mir mit einer Handbewegung zu verstehen, dass ich mich auf den Sessel neben Marcs Schreibtisch niederzulassen sollte. Er trug eine Pistole im Hosenbund, und ich freute mich ein wenig über das unverhoffte Wiedersehen mit meiner alten Dienstwaffe, die gute Walther P99.

„Du musst sterben, Merane“, sagte Koska. „Du weißt zuviel.“ - Seine Stimme klang merkwürdig monoton und gefühllos. Ich hatte mal gelesen, dass der Klang der Stimme die Seele verrate. Demnach hatte Koska eine berechnende, eiskalte Seele. Es hatte wenig Sinn, sich auf eine Unterhaltung mit ihm einzulassen, aber ich konnte mal wieder meinen Mund nicht halten.

„Wie willst du sterben, Merane? Soll ich dich erwürgen oder erschießen?“

„Erschießen wär mir lieber“, sagte ich. „Das geht auch für dich schneller, Koska. Ich hoffe nur, dass du auch gut zielen kannst.“

„Es macht mir nichts aus, dich leiden zu sehen. Ich werde es langsam angehen. Einen Schuss in das Bein, einen in den Arm, in den Fuß, den Kopf und so weiter. Und irgendwann stirbst du.“

„Hast du auch an den Schalldämpfer gedacht? Oder glaubst du tatsächlich, dass Marcs bettlägeriger Nachbar Hartwig es unterlässt, die Polizei zu anzurufen, sobald hier Schüsse fallen?“

„Dann erwürge ich dich besser Merane, obwohl das Arbeit bedeutet, ja, richtige Arbeit macht so ein langsames Erwürgen. Das ist nicht so einfach zu bewältigen – ein Schuss hingegen ...“ Er befeuchtete seine Lippen mit der Zunge, und in mir stieg eine Erinnerung an einen uralten Wallace-Thriller hoch, worin Klaus Kinski die Hauptrolle gespielt hatte. Allem Anschein nach versuchte Koska dessen Mienenspiel und Gebärden nachzuahmen, was lächerlich und zugleich unheimlich wirkte.

„Und weshalb hast du Brenda Bohlau umgebracht?“, fragte ich um Zeit zu gewinnen.

„Habe ich das? Habe ich Brenda Bohlau umgebracht? Kenne ich diese Dame überhaupt?“, schwadronierte Koska.

„Es gibt mehrere Zeugen, die dich zusammen mit Brenda Bohlau gesehen haben, als du noch bedeutend jünger warst, Leander. - Herr Falkner, zum Beispiel.“

„Der alte Falkner ist tot“, sagte Koska. „Schade eigentlich, wer weiß, möglicherweise war er der Vater von Brendas Kind, das ihr neulich ausgegraben habt. Und jetzt quatsch nicht soviel und lass uns zur Sache kommen. Er stellte sich hinter den Sessel, legte beide Hände um meinen Hals, aber bevor ich mich mit dem Tod vertraut machen konnte, zum dritten Mal innerhalb weniger Tage, fiel ein Schuss, während wie verrückt an der Wohnungstür geläutet wurde. Plötzlich sprang Santo ins Zimmer, Herr Kolberg folgte, ich tastete mit meinen Händen meinen Hals ab, drehte mich um und blickte geradewegs in Marcs Augen. Er stand aufrecht, schwankte indes ein wenig, und ließ sich schließlich auf die Couch fallen.
„Wo ist Koska?“, schrie ich.
„Da ist soeben jemand aus der Wohnung gerannt, an mir und Santo vorbei“, stotterte Herr Kolberg, „das ging so wahnsinnig schnell; ich habe gar nicht mitbekommen, dass es sich um diesen Verbrecher handelt."
„Fass, Santo!“, rief ich und scheuchte das Tier, das meine Hände ablecken wollte, zur Tür. Aber Santo schien nicht die geringste Lust zu haben, Koska zu verfolgen. Er freute sich über unser unverhofftes, schnelles Wiedersehen mehr als mir lieb war. Ich musste mich um Marc kümmern, fragte aber vorher an, was ihn, Herrn Kolberg, veranlasst hatte, bei Marc zu klingen.

„Der Typ, der vor einer Weile im Fahrstuhl nach oben gefahren ist, kam mir irgendwie bekannt vor. Ich sah ihn den Finstergang entlanggehen. Er ist über ein Trassierband gestiegen und in den Apfelgarten gestapft. Ich habe ihn vom Fenster aus beobachtet. Nachdem er den Garten verlassen hatte, nahm er Kurs auf unser Haus. Er muss im Besitz eines Haustürschlüssels sein; denn es hat ihn niemand hereingelassen. Das hätte ich mitbekommen. Und weil mir das alles sehr merkwürdig vorkam, wollte ich Sie vorsichtshalber aufsuchen, um nach dem Rechten schauen.“

„Das haben Sie gut gemacht, Herr Kolberg“, sagte Marc mit schwacher Stimme. „Wann kommt endlich der Arzt, den du gerufen hast, Nora? Hast du wenigstens ein paar Schmerztabletten in deiner Handtasche? Ich befürchte, dass mein Kopf gleich zerspringt! Und meine Nachttischlampe möchte ich umgehend ersetzt haben, du rabiates Geschöpf, verstanden?“

Fortsetzung am Sonntag, den 08. Januar 2017

Nora und Santo im Grünen
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Interne Verweise

Kommentare

04. Jan 2017

Spannung, Liebe und Humor:
Hier stimmt die Mischung. Nach wie vor!
(Krause freut sich, wenn es knallt:
Die tendiert "leicht" zur Gewalt ...)

LG Axel

04. Jan 2017

Wenn 's dir und Krause und dem Leser noch gefällt,
dann schreib' ich gerne weiter - unbestellt -
für mich zählen ja eh' das Schreiben, Lesen, Malen
längst zu den schönen Dingen dieser Welt.

LG Annelie