Jungfrauen

von Annelie Kelch
Mitglied

Du –
am Rande des Abgrunds.
Daran denke ich immer noch ...
manchmal – auf einsamen Wegen.

Was dich ganz allein hielt,
war meine rechte Hand
am Gepäckträger jenes Monstrums,
darauf „Mausie“ eines Tags zur Schule kam.
Weshalb? – Das frage ich mich noch heute.

Aus dem Gleichgewicht –
Wie schnell das bei dir ging.
Auch dein Kreislauf war selten
wirklich stabil. Wir vertagten die Sache;

denn es hätte nicht viel gefehlt und der Graben
am „Schwarzen Weg“ rechterseits hätte
Besuch von dir bekommen.

Einmal nur zog ich mich von dir zurück ...
für Tage, nein, Wochen. – Die Elbe
hatte mich wieder – dort war ich allein
mit Zikaden und Fröschen und glücklich
im Schilfverhau – wie Diogenes in der Tonne.
Niemand stand mir in der Sonne.

Du hast es dann doch noch gelernt –
Wir holten das Fahrrad für dich aus dem Keller
des Hauses meines Schwagers und überraschten
den Schornsteinfeger dort unter der Dusche,
war kein bisschen schwarz mehr, der Typ –
nur ein wenig noch im Gesicht.

Ich rechnete fest mit einem mittleren Skandal,
obwohl wir alle drei lediglich grinsten.
Gelacht wie die Doofen haben wir erst,
als wir außer Reichweite waren.

Wir schoben die Räder bis zur Peter Temming AG am Ortsausgang.
Du warst noch immer eine Gefahr für den kleinen Stadtverkehr.
Auch das war uns Anlaß genug zur Heiterkeit.

Auf der Landstraße zur Kremper Marsch
ging es dann prächtig. Ich lobte dich über
den grünen Klee – bis du deshalb
vor Lachen ins Schleudern gerietst.

Wir suchten im Dorf nach dem Jungen, in den du
verliebt warst, der war echt nicht mein Typ;
das war das einzig Gute an dieser Sache.

Wir fanden ihn; ich zog mich diskret
zurück und hielt Ausschau nach unserer
Deutschlehrerin „Löni“, lebte auch
in jenem Dorf, war sehr, sehr klein, sehr schlank,
trug stets hohe Absätze, liebte Brecht und Böll
und rauchte zu viel.

Auf dem Abschlussball, später, nahm ich all meinen Mut
zusammen und hab ihren Mann zum Tanz aufgefordert.
„Löni“ hat sich gefreut und er sich auch und
ich stellte fest: Er war mindestens ebenso nett wie sie.

Ich hatte von Liebe wenig Ahnung und von Sex
noch viel weniger, aufgeklärt hast du mich später,
stellte eines Sommertags „Löni“ im Unterricht dämliche Fragen
zu „Bahnwärter Thiel“ von Gerhart Hauptmann,
war echt ein verkappter Erotikthriller, diese dunkle Novelle.

„Löni“ hat sich gewunden wie ein Aal, was ich damals
nicht verstand, und sich nicht getraut, mir die Wahrheit
zu sagen vor all den anderen; die waren, was Sex betraf,
„weiter“ als ich.

Trotz alledem – ich würde meine Fragen auch heute
noch fast genauso formulieren wie damals, zumindest
ausdiskutieren wollen, die waren eigentlich
echt nicht verkehrt.

Leider weiß ich nicht mehr, wie wir
aus jenem Dorf wieder raus- und
heimgekommen sind. Auf jeden Fall
unfallfrei; der Schornsteinfegergeselle war
indes fort und gewiss sehr sauber, meine
Schwester immer noch außer Haus und
wir beide nach wie vor – alberne „Jungfrauen“.

Quelle: pixabay
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Interne Verweise

Kommentare

04. Nov 2017

Der Ausflug in die Zeit (per Rad)
Geriet gescheit, er war nicht fad!
(Die Dusch-Szene fand Krause skandalös -
WASSER macht sie ja schwer nervös ...)

LG Axel

05. Nov 2017

Dank, lieber Axel, dir, für deinen Kommentar.
Der Vater meines Schwagers war Schornsteinfegermeister.
Die "jungen Leute" hatten das Haus zwar für sich,
aber ab und an duschte nach der Arbeit dort noch ein Geselle.
Das wusste ich aber nicht - Ehrenwort. Lustig war es aber doch!

LG Annelie

05. Nov 2017

Dein schön verpacktes Erinnerungsgedicht hat mich zum Schmunzeln gebracht, liebe Annelie ...

Liebe Grüße - Marie

05. Nov 2017

Das freut mich sehr, liebe Marie.

Ein schönen Sonntag wünsche ich dir.

LG Annelie

05. Nov 2017

Zurück in die Jugend - ich reiste mit
mein Schwager der Schornsteinfeger... brachte meiner Schwester das Glück :-))

Liebe Grüße in deinen Nachmittag
Soléa

05. Nov 2017

Schön, dass du mitgereist bist, liebe Soléa, und dass dein Schwager das Glück brachte, freut mich für dich und deine Schwester. Aber mein Schwager war damals Werbefachmann in Hamburg; sein Vater war Schornsteinfegermeister, und ich glaube sogar, er war zu jener Zeit der beste in unserer Stadt.

Ganz liebe Grüße zu dir nach Frankreich
und noch einen schönen Sonntag für dich und deine Familie,
Annelie

05. Nov 2017

Eine so frische Erinnerung, als wär's erst gestern gewesen, hat mich gefesselt und in diese unschuldige Lebenszeit hineingezogen. Zeit der Jungfrauen. Sehr shön.

LG Monika

05. Nov 2017

Danke, liebe Monika. Ja, das Wichtigste weiß ich noch, habe noch "Bilder" von dieser Radtour vor Augen - in Farbe.

Liebe Grüße am Sonntagabend zu dir und Khalessi,
Annelie