Unter Vögeln

von Ralf Risse
Mitglied

Ein Bachstelz lebte ganz passabel
auf einer feuchten Lichtung.
Samt wippend Schwanz, auf Holz und Halm,
zog es ihn stets in Richtung.

Dort, wo der Sumpf zum See ausläuft,
belegt von flüchtig Nebelhand –
verharrte manche zeit'ge Weile
der Piep, dem Wasser zugewandt.

Mit schwindend Licht der Schlaf beschert
ihm Träume, zu ausführlich . . .
vom Schreiten, angemuts und stolz,
auf großem Fuß – natürlich!

So bin ich frei, ein edler Reiher!

Hinein ins Unzufried'ne Ist
sein Los aufs Maß gestutzt,
weckt ihn der Dämmer und er blickt,
wer sich am Ufer putzt.

Gefieder, das ihn grad noch schmückte,
kleiden wieder, dem es passt . . .
Da steht er – zwischen Schilf und Bins,
vom Nebel lautlos angefasst.

Die filigrane Silhouette
setzt an zur ersten Jagd.
Zum frühen Happen degradiert –
wer sich ins Seichte wagt.

Mit Wehmut folgt dem pirschend Vetter
der Stelz auch diesen Morgen.
Bis er, wie unlängst, staunt und merkt,
auch jenen quälen Sorgen.

Ein ums andre sticht der Jäger,
nein, eher stochert – vor dem Missen,
in der nassen Leere rum –
ohne einen Gabelbissen.

In Anbetracht was er so schaut,
den Stelz der Mut ereilt:
Dem Schmalhals muss geholfen sein!
Zu lang ich hier verweilt!

So fliegt er los, den Kurs bestimmt,
auf schwindend Schwaden Nebelschleier.
Ein Bachstelzherz in seltner Stimmung,
als er erreicht den Reiher.

Der große Vogel folgt mit Arg
dem kleinen Flieger, der
sich nah ins schwankend Schilf geklammert,
als gäb er's nie mehr her.

„So recht bequem, mein kleiner Freund,
will es kaum werden, wie?"

„Nein, will es nicht, doch dacht' ich mir,
wir reden ja sonst nie . . ."

„Leider hab ich keine Muße
für einen Uferplausch, verzeih.
Im Nest erwarten mich drei Schnäbel,
denen ist einerlei
woher, weswegen und warum
ich ohne Fisch den Heimflug starte.
Drum lass mich meine Bringschuld pflegen . . ."

„Hör mir kurz zu und warte!
Schon lang bewundere ich im Stillen,
wie täglich du mit sicherem Stoß
so manchem Fisch den See wegnimmst,
seit kurzem scheint mir bloß,

dass Müh' und Nutzen eine Schere.
Die Lanze oft ihr Ziel nicht findet.
Willst du mir sagen, was es ist,
wo uns doch dieser See verbindet?"

Erstaunt hört er dem Kleinen zu
und denkt sich: wie gescheit !
Am Schilfrohr kämpft, im jungen Wind,
der Bachstelztherapeut.

„Nicht jeder Stich erlegt, so schau,
zu groß der Fisch, zu tief sein Stand.
Da stört ein Blatt, dort gleißt das Licht.
So vieles unbenannt . . ."

„Dies sind die Gründe, bist du sicher?
Wann sah ich dich zuletzt hier speisen?
Dafür erst gestern – tief die Sonne,
ohn' Fisch und Fang nach Hause reisen."

„Die Augen sind's, ich sehe schlecht.
Von Tag zu Tag sie mehr mir trüb.
Kein Tier hält still, bis ich vielleicht
mit Glück platzier' den goldnen Hieb."

Im Schilf dem Stelz zum böig Spiel
erschaukelt sich ein Licht –
„Ich hab's, die Elster fand ein Ding,
aus Glas – sie braucht es nicht!"

Nicht ahnend, was der Bachstelz meint,
gibt er doch zu bedenken,
die Elstern seien dafür bekannt,
nie etwas zu verschenken.

„Da fällt uns sicher etwas ein,
komm mit, ich kenn' den Kogel,
in dem sie ihre Schätze hortet.
Ein sonderbarer Vogel.

Sogar ihrer zwei, die schrägen Diebe,
sie sind kaum zu verfehlen . . ."
Zu laut wieder beide, sicherlich,
entsinnt sich dem Krakeelen.

Ein kurzer Flug zum nahen Wald,
schon hören sie heiser krächzen,
im Wipfel zwei Vögel, recht aufgebracht,
kommentiert nur von morschem Ächzen.

„Es bricht uns entzwei,
wie soll das gehen?!
Mit all dem Gefunkel,
du wirst es sehen,
die Last es nach unten zieht!"

„Wer schleppt denn tagtäglich
ohn' Unterlass
hierher jed' Geraffel?!"

„Es macht halt Spaß!"

Reiher und Stelz, die Schnäbel offen,
verfolgen vom Boden den Streit.
Bis eine der Elstern die zwei bemerkt:

„Oh, seltner Besuch – hoch erfreut."

„Wir wollen nicht stören,
nur eine Frage,
ist euch was zu viel
in Nest und Waage?
So könnten wir helfen,
und noch obendrein
verhilft eure Gabe –
will es so sein,
dem Reiher zu klarem Sehen."

Die Elstern verstummt,
nur das Knarren der Äste
in windiger Höhe singt.
Kurz sehen sie sich an,
vergessen die Reste
des Streits – der ja doch nichts bringt.

„Welch Ding soll das sein?
Wir sind gut bestückt
mit Schätzen aus aller Welt."

„Ja, jedweden Mist
schleppst du uns ins Heim,
bis alles zu Boden fällt!"

Der alte Zwist will neu entflammen,
flink geht nun der Bachstelz dazwischen:

„Aus Glas, eine Linse an Silberkette,
wir brauchen sie dringend zum Fischen."

Erneut den Elstern, Aug in Aug,
das Zetern kommt abhanden . . .
dann suchen sie mitten im Wust des Krams,
was sie vor zwei Wochen fanden.

Nach knapper Dauer taucht herauf
die Eine, nun etwas benommen,
im Schnabel pendelt ein Monokel –

„Deswegen ihr hergekommen?"

Schon startet erleichtert
der Stelz geschwind,
zu holen das Scheibchen . . .

„Voll Dank wir sind!"

Entfährt es dem Reiher,
obwohl zur Zeit
er kaum weiß, warum
solch tönend Geläut.

„So kläre mich auf,
wie hilft mir das Glas?"
Der Kleine, schwer atmend . . .
die Fracht im Gras.

„Den Menschen, versteh' –
wird die Nähe verwischt,
dies Teil vor den Augen –
der Blick erfrischt."

Mit wild flatternd Flügeln
der Bachstelz hieft
dem Großen die Schärfe,
doch jener vertieft . . .

„Du kannst mir nicht halten
das Glas – sei es gut.
Dem Helden der Bühne
Sehkrücken nur Wut
bescheren ums Unvermögen."

„Gib mir deinen Stolz,
ich vergrab ihn für dich!
Wir fangen die Fische
gemeinschaftlich!"

Da krächzt hoch die Elster
in Ast und Laub:

„Ich wollte nicht lauschen,
doch bin auch nicht taub . . .

grad wohl deinen Augen
die Lust ermattet,
so sei mir doch
dieser Tipp gestattet:

Folgt hinter dem Bergkamm
des Flusses Lauf.
Fliegt, lichtet der Wald sich,
hinab – nicht hinauf . . .

die Stadt ist zu riechen,
bevor ihr sie blickt . . .
was Großes ins Netz schwimmt,
wird marktlich vertickt.

Die Kleinen, die Falschen,
verwachsene Form,
ist Abfall und wertlos –
ja, jenseits der Norm.

Gar manche, wie ihr,
dort auf Beute lungern.
Im Hafen der Fischer
muss niemand hungern."

*****

Im See steht der Graureih
zuweilen im Dunst,
sein Freund hält die Linse –
der Klarheit Gunst . . .

Er muss es nicht mehr,
doch es fühlt sich gut an,
umflattert zu können –
was man sonst nicht mehr kann.

Dort, wo der Sumpf im See aufgeht,
belegt von flüchtig weißem Schleier,
jagt ab und zu ein Team nach Fisch:
Ein Bachstelz und sein Reiher.

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Kommentare

06. Sep 2015

Dies Gedicht: gar guter Fang -
Poetisch Fischzug hier gelang!

LG Axel

07. Sep 2015

Ja da hab ich gerne gesessen und der Fang ist supi! LG!

08. Sep 2015

Diesen Piepmätzen habe ich gerne "zugeschaut"!
Ganz toll!
Viele Grüße,
Cori

08. Sep 2015

Habt vielen Dank, für die netten Kommentare und nicht zuletzt für eure Ausdauer... so lang sollte es gar nicht werden.

LG Ralf