November im Goldrausch

von Annelie Kelch
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Sonne haucht letzte Glut; ihr Atem rasselt.
Meinen Gefühlen geht langsam die Kraft aus ...
Die Gedanken schweifen zu oft in ferne Sommer
der Kindheit: Das aufgeschlagene Knie
nach dem Sprung vom Dach des Holzschuppens,
der leichte Rock-and-Roll-Schuh
im frischen Teer auf der Chaussee,
das vergessene Matheheft, das ich in der
großen Pause von daheim holen wollte;
der Vater am Fenster, dem fast das Herz
stehenblieb, als ich – ohne nach rechts und
links zu schauen – mit dem Rad von der Auffahrt
in die belebte Straße bog, die Vorwürfe
nach Schulschluss, dabei wollte ich
nur pünktlich zurück sein zur vierten Stunde;
das war mit einem Mal nicht mehr so wichtig.

November – und die roten Blätter liegen
am Boden und reden noch immer von Liebe.
Unter den Bäumen schläft das taumelnde
Herbstgold den letzten Rausch aus.

Nebel schlägt eine Brücke zu dir –
aber der Wind pfeift mich zurück,
sobald ich auch nur einen Fuß
auf die unsichtbaren Sparren setze.
Du bist mir so fremd wie der Wind
und näher doch als das Kind,
das ich verlor.

Früh löscht jetzt das Dunkel des Abends,
was vom Tage übrig blieb, und schon bald fallen
meine aufgesparten Worte vom Seelenbaum
in das kleine Heft unter dem schwimmenden
Licht der Lampe.
Morgen sind sie vergessen –
wächst Gras drüber ...
wie auf dem Grab eines Kriegsbeils …

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Kommentare

07. Nov 2017

Blätter fallen - Erinnerungen steigen:
So will sich der November zeigen ...

LG Axel

07. Nov 2017

Dank, lieber Axel, dir, für deinen Kommentar:
November ist ein scharfes Schwert.
Da bleibt man abends nah - am Herd.

LG Annelie

07. Nov 2017

Schön dein Gedicht und passend das Foto, liebe Annelie,
ja, der November ist ein Monat, der Erinnerungen weckt,
die oft mir Wehmut verbunden sind. Es war einmal ...

Liebe Grüße - Marie

07. Nov 2017

Ich danke dir für dein Lob, liebe Marie. Ja, es war einmal ... und kommt nicht wieder.
Nächstes Jahr singt der November neue Lieder,
ob mit oder ohne uns.

Liebe Grüße,
Annelie

07. Nov 2017

Ich mochte den November noch nie. Zuviel Trauertage, zu viel Abschied Stimmung, zu dunkel. Dieser Monat ist die Kehrseite von Leben. Und ruft doch zur Ordnung auf und regt zum Innehalten an. Damit hat auch "Er" für mich letztendlich eine Berechtigung und Bedeutung.

Herzliche Grüße
Soléa

07. Nov 2017

Danke für deinen Kommentar, liebe Soléa. Ich finde, dass du den November sehr gut charakterisiert hast. Besser geht es wirklich nicht.

Liebe Grüße,
Annelie

08. Nov 2017

Der November, mit Melancholie beim Rückblick in die Kindheit. Mit Abschiedsschmerz des Weiterschreitens ins Ungewisse. Und ich lese dieses Gedicht und merke, dass ich eintauchen darf in den magischen Annelie-Kosmos, der mich auch zu einem eigenen Zurückschauen anregt. Sehr schön. Danke.

LG Monika

08. Nov 2017

Liebe Monika, ganz lieben Dank für deinen - wie immer - besonderen Kommentar. Dass mit dem "Weiterschreiten" hört sich so gut an, dass du - allein dieses Thema und deine Formulierung betreffend - ein super Monika-Gedicht schreiben könntest. Auch würde ich mich darüber freuen, wenn ich einmal - wie auch immer - einen klitzekleinen Blick in deine Kindheit werfen dürfte - per Gedicht, selbstverständlich.

Liebe Grüße,
Annelie