Komm zu mir ...

von Annelie Kelch
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Komm zu mir in der Abenddämmerung,
mein Kapitano; wir kennen keine Rassenfrage.
Burschuis? – In diesem Dörfchen gibt es keine.
Ich sitze jeden Abend in der Dunkelheit alleine.
Dein Volk … Die Uhrensammler? – Wahrheit oder Sage?
Komm zu mir, Kapitano; es wird Nacht ...

Komm zu mir, Kapitano, einer deiner Untertanen …
stieß gestern mich vom Rad und nahm 's mir fort.
Es ist so öde hier, bring mich an einen anderen Ort.
Kirgisen und Mongolen lungern rum am Wegesrand.
Es dauert nicht mehr lang, und ich verliere den Verstand.
Komm zu mir, Kapitano; es wird Nacht ...

Komm zu mir, Kapitano, bring dein Panjepferdchen mit.
Sie patrouillieren wieder, gestern gab es Bohnensuppe.
Wenn 's dunkelt, sucht sich jeder eine flotte Puppe.
Ich kann den Walzer tanzen, Tango und auch twisten …
In meinem Dorfe tummeln sich die Bolschewisten.
Komm zu mir, Kapitano; es wird Nacht ...

Komm zu mir, Kapitano: Das ist kriegstechnisch notwendig.
Wir mischen unsere beiden Rassen bis zur Schande.
Am Ende ist das Dritte Reich, die ganze üble Nazibande.
Wir leben noch; zwei kleine Worte nur: „narodni“ und „kultura“;
ich höre deine Leute fordern: „Wodka“, „Frau“ und „Ura, Ura!“
Komm zu mir, Kapitano; es wird Nacht …

Collage; Quelle: pixabay
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Interne Verweise

Kommentare

08. Okt 2017

Worte stehn nicht auf Papier:
Manchmal leben sie - wie hier ...

LG Axel

08. Okt 2017

Dank, Axel, dir, für deinen Kommentar.
Als die "Uhrensammler" zu uns kamen,
begann eine neue Zeit -
die zwar schlimm, aber dennoch
tausend Mal besser als vorher war.

LG Annelie

09. Okt 2017

Dein Gedicht fließt, lässt mich aber fragend zurück.
Das liegt wohl daran dass wir unterschiedlich
aufgewachsen sind, liebe Annelie.
Liebe Grüße - Marie

09. Okt 2017

Was mögen das wohl für Fragen sein, liebe Marie? Du lässt mich ein wenig ratlos zurück. Das Mädchen, das auf "ihren Kapitano" wartet, bin mitnichten ich; ich habe ihm lediglich "mein Stimme" geliehen. Es geht doch nur darum, dass ich mich in eine Zeit hineinversetzt habe und einen Menschen aus dieser Zeit habe sprechen lassen. Ich bin ganz normal aufgewachsen, liebe Marie, mit Menschen, die gearbeitet, gefeiert, sich gefreut und auch geweint haben, in einer Landschaft, die ich sehr liebgewonnen habe und die mich getröstet hat, wann immer es mir schlecht ging. - Im Übrigen haben die Russen die Juden nicht gehasst, vielmehr waren sie ihnen eher gleichgültig; sie hätten sie niemals verfolgt.

Liebe Grüße,
Annelie

09. Okt 2017

Auch mein Fragezeichen steht beim Lesen in meinen Augen.
Recherchiere über "narodni", bekomme "Web Radio Kroatien - Zagreb".
Sehr geheimnisvoll. Dennoch hab ich das Gedicht gerne gelesen und erahne den Konflikt.

LG Monika

09. Okt 2017

Liebe Monika, herzlichen Dank für deinen Kommentar. Gern gebe ich dir Auskunft: "narodni kultura" kommt aus dem Russischen, wie du dir gewiss bereits gedacht hast, und bedeutet: "Volks- bzw. Nationalkultur" ... ist immer besser als Krieg, das Schrecklichste im Leben des Menschen. Und jener Krieg unter Hitler hat meiner Meinung nach alles in den Schatten gestellt - im negativen Sinne selbstverständlich.

Liebe Grüße.
Annelie