Wie überwintern … ?

von Annelie Kelch
Mitglied

Neulich – in der kleinen Kapelle …
Ich saß in der drittletzten Reihe
und blickte zum Fenster hinauf;
es lag neben einem mit Tannenzweigen
geschmückten Altar.

Vom Himmel fiel Schnee,
der erste in diesem Jahr,
und ich malte mir aus, wie die
fröstelnde Erde ihn mit Freuden
empfangen und zu halten versuchte –
wie auch ich damals versuchte, dich,
mein Lieb, zu halten, aber du bist wohl
für immer von mir gegangen.

Vor mir saßen zwei alte Männer;
Einer der beiden hustete zum
Gotterbarmen und stellte die Frage:
„Wie überwintern? –

Wie überwintern, wenn in den Herzen
der Menschen Eisblumen blühen und kein
Platz in den Herbergen – nirgends ein Ort,
darüber ein Stern leuchtet?

Die Rosen sind längst fort …
An ihrer Stelle trat eisiges Schweigen,
das lauter ist als die Stille: Der Lärm unserer Zeit.“

„Durch Stillesein werde ich stark“,
sprach der zweite. „Ich kehre bei mir selbst ein
und fühle mich nicht allein – was können
mir Menschen noch antun ...“

„Dann lass uns aufbrechen und Berge versetzen,
sobald es Nacht wird“, sagte der erste
zwischen zwei Hustenkrämpfen.
„Vorher jedoch, mein alter Freund,
könnten wir noch ein wenig schlafen,
hier ist es wärmer als draußen.“

Ich zog leise mein Portemonnaie aus
der Jackentasche und legte das Geld,
das sich darin befand, auf den Sitz neben jenem,
darauf ich gesessen und den Atem angehalten hatte.
Ich war aufgeregt; meine Händen zitterten
leicht. Selten wird man – zufällig –
Zeuge guter Gespräche.

Die Geldstücke – sie klimperten
lauter als in einem Opferstock.

Die beiden Alten wandten sich um
und schauten mich fragend an. Ich blickte
in zerfurchte, aber kluge Gesichter mit
Charme.

„Für Hustensaft und Proviant“, stammelte ich,
und lief zum Ausgang der Kapelle.

Vor der schweren hölzernen Tür lag
ein kleiner Zettel. Ich bückte mich,
hob ihn auf und las:
„Geh schnell hinaus auf die Straßen
und Gassen der Stadt und führe die Armen,
Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein,
Lukas 14,21.“

Quelle: pixabay, verändert
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Interne Verweise

Kommentare

12. Dez 2017

Nur, wer das Leben wirklich kennt,
verzweifelt nicht, bleibt resistent.

LG Annelie

12. Dez 2017

Ich wünschte, es wäre eine wahre Begebenheit nicht nur eine Geschichte.? Sehr berührend. LG Karin

12. Dez 2017

Danke, liebe Karin; es hat sich ganz ähnlich ereignet, allerdings vor mehreren Jahren - in einer kleinen Stadt, die ich sehr mag.

Liebe Grüße,
Annelie

12. Dez 2017

Eine ungewöhnliche Weihnachtsgeschichte, danke dafür.
„Ich kehre bei mir selbst ein und fühle mich nicht allein" -
gefällt mir besonders gut, liebe Annelie.

Liebe Grüße - Marie

12. Dez 2017

Danke, liebe Marie, für deinen lieben Kommentar. Ich hatte dich heute schon ein wenig vermisst. Und dann dein neues Foto! Ich habe überlegt: Ist sie auf diesem Foto fast noch ein Kind (12 -14) oder bereits Studentin? Beides wäre möglich. Auf jeden Fall ist es ein Sommerfoto - und mir gefällt es ausgezeichnet.

Liebe Grüße und noch einen schönen Abend,
Annelie

13. Dez 2017

Eine trostvolle Weihnachtsgeschichte. So kann die Phantasie Licht ins dunkle Leben zaubern.
Schön.
Danke Annelie.

LG Monika

13. Dez 2017

Danke, liebe Moni, für deinen lieben Kommentar. Ja, ich habe schon oft meine Geldbörse geleert, wahrscheinlich zu oft. Einmal, auf dem Bahnhof in Hannover, sprach mich vor vielen Jahren ein junger Mann an, seine Freundin habe ihn aus der Wohnung geworfen. Nun sei er total mittellos. Ob ich ihm helfen könne. Er tat mir leid und ich habe meine Geldbörse - fast - geleert. Da wollte er bei MIR einziehen. Zum Glück kam der Zug, mit dem ich fahren wollte. Ich sprang auf - und winkte ihm zum Abschied auf Nimmerwiedersehen zu.

Liebe Grüße,
Annelie

13. Dez 2017

Das sind die 'amüsanten' Geschichten, an die man sich mit einem Lächeln erinnern kann, denn Rettung war möglich. Es ist schon anregend, nun über eigene skurrile Begebenheiten nachzudenken. Wir hatten doch großes Glück. So sehe ich das heute.

Liebe Grüße und weiterhin vielGlück!
Monika

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