Fortsetzung vom 09.11.2016 - Im Dickicht der Zeichen, Nora Meranes erster Fall; ein Krimi

von Annelie Kelch
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Während ich zu ungewohnt früher Morgenstunde durch die kurvenreichen, engen Landstraßen Richtung Heimat brauste, vergaß ich die Tote, um derentwillen ich unterwegs war und verdrängte die bange Frage - die ständig in meinen Gedanken auftauchte -, wo der Fundort der Leiche, jener verwil­derte Garten, wohl liegen mochte. Ich dachte an meine Eltern, die irgendwo auf dem großen Stadtfriedhof begraben lagen. Ohne fremde Hilfe würde ich ihre Grabstellen nie und nimmer finden. Als ich vor zwölf Jahren das letzte Mal die Ruhestatt meiner Großmutter aufgesucht hatte, waren meine Eltern noch am Leben – leider Gottes nicht mehr lange: Sie starben nur wenige Monate nach meinem letzten Besuch bei einem Verkehrsunfall. Seit ihrer Beerdigung war ich meiner Vaterstadt ferngeblieben ‑ aus verschiedenen Gründen - und ahnte, während ich dem Ziel meiner Fahrt näher und näher kam, nicht im Entferntesten, dass die Aufarbeitung gewisser Erlebnisse in greifbare Nähe gerückt war.

Es hatte wider Erwarten zu regnen begonnen, und ich stellte die Scheiben­wischer an. Draußen flog das saftig-grüne Marschland mit seinen kleinen Gräben und verwitterten Holzzäunen vorbei. Ein dichter Nebelschleier, der über den Wiesen und Weiden waberte, verbarg den Horizont. Es war kaum Verkehr auf den Straßen. Die kleinen Dörfer lagen wie aus­gestorben inmitten der flachen Landschaft - wie eingebettet und versiegelt - ; sie kamen mir allesamt fremd und ab­weisend vor, obwohl ich ihre Namen auch ohne Ortsschilder im Schlaf hätte herbeten können ‑ als verlebte ich meine Urlaubstage ausnahmslos in der Heimat, was absolut nicht der Fall und zu keinem Zeitpunkt ein Thema für mich war.

Nach der Ausbildung zur Kriminalkommissarin war ich im Einbruchsdezer­nat gestrandet und hauptsächlich damit beschäftigt gewesen, Spuren an Tat­orten von Eigentumsdelikten zu sichern und Befundberichte zu diktieren. Wenigstens war die Aufklärungsrate seit der Einführung von Vergleichsprozesso­ren für Fingerabdrücke und die Erstellung von DNA-Datenbanken merklich gestiegen ‑ eine erfreuliche Entwicklung, wenn man bedenkt, dass in unse­rem Land alle vier Minuten ein Einbruch über die Bühne geht.

Gleich hinter dem Städtischen Krankenhaus, worin meine entzündeten Mandeln und mein aufmüpfiger Blinddarm das Licht der Welt erblickt hatten, um kurz darauf im Müll zu landen (was für ein grausames Schicksal!), bog ich in die Fürstenstraße, die Haupt- und Geschäftspromenade von Weidenbach. Die Fahrt von Hellerburg in meine Heimatstadt hatte knapp vierzig Minuten gedauert.
Unsere ehemalige Flaniermeile kam mir dermaßen eng und spießig vor, als wäre ich derweil auf dem Broadway zuhause, und ich schämte mich wegen dieser Gedanken. Mich überkam mit einem Mal das Gefühl, als wäre es letz­ten Sommer erst gewesen, dass wir unsere schulterlangen Mähnen mit dem lässigen Gang schlacksiger Teenies über den Bürgersteig der Fürstenstraße geschoben hatten, um ein paar anerken­nende Blicke von den attraktiven Jungs aus den höheren Klassen einzuheim­sen. „Socke“ kam mir ungefragt in den Sinn geschossen, Marius Sokowski, hinter den alle Mädchen her waren, der jedoch einzig und allein Augen für Karen hatte, die für ihr Alter ungewöhnlich knackig war. Er ging zwei Klassen über uns und soll im Unterricht eine totale Niete gewesen sein. Es gab jedoch später, nachdem Karen ihm den Laufpass gegeben hatte, etliche Mädchen, die er von seinen Qualitäten absolut überzeugen konnte.

Ich kurvte um den menschenleeren Marktplatz, parkte den Dienstwagen in einer kleinen Seitenstraße und ging zu Fuß zum Revier. Die Regenwolken hatten sich leergepladdert, beschäftigten indes noch ein Weilchen meine Gedanken, weil ich mich fragte, ob sie letzte Nacht jenen verwilderten Garten und das Mord­opfer benetzt hatten und wann wohl die Spurensicherung am Fundort eingetroffen sei.

Mit einiger Verwunderung nahm ich zur Kenntnis, dass in jenem kleinen Backsteinhaus in der Hebbelstraße, wo ich die hiesige Polizeiinspektion ver­mutet hatte, ein Waschsalon untergebracht war – als wäre die Zeit seit mei­nem Fortzug aus Weidenbach stehengeblieben. Stefan hatte es versäumt, mich mit der aktuellen Anschrift auszustatten. Ich lief zum Wagen zurück, warf meinen Laptop an und besorgte mir die Adresse aus dem Internet. Allem Anschein nach residierte die Weidenbacher Gendarmerie seit gut sechs Jah­ren „Am Wehr 24“. Wenigstens hatten die Ratsherren an den alten Straßen­namen festgehalten, so dass ich ohne Irr‑ und Umwege zu dem mittelgroßen, grau verputzten Haus fand, das in unmittelbarer Nachbarschaft einer Bäcke­rei lag. Ich drückte auf den Summer neben dem grünen Holzrahmen, der die gläserne Eingangstür umgab, die sich kurz darauf aufdrücken ließ. Im Flur war es ziemlich dunkel, und ich öffnete auf gut Glück die erste Tür, die mir ins Auge fiel. Volltreffer! ‑
Hinter einem gut vier Meter langen Tresen standen neben einer breiten Fensterfront zwei riesige, altmodische Bürotische aus furnierter Eiche, an denen zwei Kollegen saßen und Formulare ausfüllten.

„Nora Merane, Kripo Hellerburg“, wandte ich mich an den älteren der beiden Beamten, der von seinem Drehstuhl aufgestanden war und auf den Tresen zukam.

„Poli­zeimeister Hansen“, stellte sich der Mann, der mich um Haupteslänge überragte, vor. „Willkommen in Weidenbach. Wir haben Sie schon erwartet. Sie möchten ...“ ‑

„Wo bitte finde ich den Kollegen Kettler oder Keller?; ich bin spät dran“, fragte ich ohne Um­schweife.

„Polizeiobermeister Keppler ist bereits am Tatort. Sie möchten ...“ –

„Wo bitte genau liegt der Tatort? Ich bin hier jahrelang zur Schule gegangen“, un­terbrach ich ihn, ohne mir auch nur mit der kleinsten Regung anmerken zu lassen, dass der Name des Kollegen, mit dem ich zusammenarbeiten sollte, einen heftigen Gefühlssturm in mir ausgelöst hatte, der durch die anschließende Nennung des Tatorts zu einem Orkan der Stärke 12 anschwoll. Dieser Tag schien es in sich zu haben – in welchem Maße, sollte mir wenige Augenblicke später dämmern.

Als ich in die Burgstraße einbog, von welcher die Einfahrt zum Finstergang abzweigt, sah ich schon von weitem die verwilderten Bäume des Apfelgar­tens, mit dessen Fortbestand ich nach all den Jahren nicht wirklich gerechnet hatte, und auch die kahlen schwarzen Äste der Pappeln, die den Finstergang säumten, ragten wie vor ewig langer Zeit in den noch leicht bewölkten Himmel. Unmittelbar vor der Einfahrt zum Tatort parkten zwei Streifenwagen und ein Kleinbus, der vermutlich zur Spurensicherung gehörte. Das finstere kleine Bauernhaus, das schräg gegenüber dem verwilderten Apfelgarten gestanden hatte, war augenscheinlich dem Fortschritt zum Opfer gefallen, worüber ich mehr als erleichtert war.

Anstelle des gruseligen Gehöfts ragte ein Hochhaus mit etwa fünfzehn Stockwerken gen Himmel, vor dessen Eingangstür ein Pulk von Schaulusti­gen lungerte („Lassie“ sprach alleweil von sensationslüsternen Gaffern). Mich wunderte, dass die Leute das Absperrband respektierten.

Das neue Bauwerk versperrte die Sicht auf die Schule, die Marc und ich damals besuchten. Parallel zum Apfelgarten fristeten die bereits er­wähnten, hochgeschossenen Pappeln ihr kümmerliches Dasein. Ihre Äste wiesen wie überdimensionale schwarze Finger von apokalyptisch ange­hauchten Propheten drohend zum Himmel. Von weitem freilich glaubte man sich einer gigantischen, himmelblauen Leinwand zu nähern, die der Künstler mutwillig mit ungestümen Kohlestrichen verunstaltet hatte. Das Laub je­ner kranken Bäume war selbst im Hochsommer von undefinierbarer Farbe, und obwohl von spärlichem und zerfranstem Wuchs, verdüsterte es gleich­wohl das geheimnisumwitterte Anwesen, das vor Jahr und Tag dort gelegen hatte, und den knapp fünfhundert Meter langen Finstergang, der an ihm vorbei­führte, ein breiter Schotterweg, der selbst bei strahlendem Sonnenschein im Schatten lag, weshalb wir ihn „Dunkelkammer“ nannten.

Der vordere Teil des Finstergangs und der Apfelgarten waren mit rot-wei­ßen Trassierbändern abgesperrt, die im leichten Wind wie Fahnen flatterten, die jemand zum Scherz unkorrekt gehisst hatte. Dahinter suchte ein Pulk von Beamten das Gelände nach Spuren ab.

Ich parkte das Dienstfahrzeug im großzügigen Abstand zu den beiden Streifenwagen am Bordstein und wollte unverzüglich aussteigen, aber mein Puls raste mit einem Mal, als wäre ich die Treppen zu meinem kleinen Appar­tement, das im zehnten Stock eines Hochhauses lag, hinaufgesprungen, mein Herz pochte wie nach einem Hürdenlauf, und meine Knie zitterten dermaßen hef­tig, dass ich mich gezwungen sah, diese gute Absicht aufzugeben. Ich wollte unter keinen Umständen riskieren, mich bis auf die Knochen zu blamieren, obwohl die Pflicht geradezu händeringend nach Erfüllung schrie. Drei schwerwiegende Gründe hielten mich von der Arbeit ab: der wichtigste war zweifellos Marc, wenngleich ich, die berufliche Notwendigkeit unseres erneuten Zusammentreffens außer Acht lassend, alles andere als abge­neigt war, ihn wiederzusehen … wohlwissend, dass mich diese Begegnung gewiss aus der Bahn werfen und die sachgerechte Aufklärung des Mordfalls beeinträchtigen würde. Gleich darauf folgte der Fundort der Leiche, denn obwohl sich gelegentlich ein Sonnenstrahl in den verwilderten Apfelgarten verirrte, grauste mir doch entsetzlich vor diesem schauderhaften Fleckchen Erde, was nicht von ungefähr kam, und letztendlich keimte die Angst in mir hoch, der Albtraum, der mich zwischen dem sechsten und dreizehnten Lebensjahr in niederträchtiger Regelmäßigkeit heimgesucht hatte und dessen schauderhafte Details mir jäh in aller Schärfe ins Gedächtnis schossen, könne mich nächtens, sobald ich mich dem verkommenen Dickicht nähern würde, erneut heim­suchen.
Marc ... er war einer von den beneidenswerten Fahrschülern, die zu spät zum Unterricht erscheinen durften, ohne dafür nachsitzen zu müssen. Dass ich nicht gleich an ihn gedacht hatte, als „Lassie“ mir den „äußerst fähigen POM“ als klein und drahtig beschrieb, würde ich mir schwerlich verzeihen können. Klein und drahtig war Marc schon damals, als ich Schulstunde für Schulstunde hauptsächlich damit beschäftigt war, seine diversen Marotten zu analysieren. Er war der kleinste von allen „Männern“, die jemals in unsere Klasse gingen, wenn man von Rocky absah, der zudem das Pech hatte, mit einer Körperbe­hinderung auf die Welt gekommen zu sein und wie Brenda, die meinen Geburtstag noch immer nicht vergessen hatte und mir zuverlässig Glückwünsche an diesem einen Tag im Jahr zukommen ließ, Zielscheibe des Spottes derer war, die mit verbaler Gewalt ihren Frust über das eigene Versagen an vermeintlich minderwertigen Schulkameraden ausließen. - Fortsetzung folgt!

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Kommentare

11. Nov 2016

Ich hoffe, nicht nur,
damit Krausen den Liebes-Grusel-Krimi lesen kann -
auf ihres Arbeitgebers lauschigem Diwan.

LG Annelie

11. Nov 2016

Der Fortsetzungsroman, in Zeitung und Journal -
War eine schöne Tradition! ( Es war einmal ...)

LG Axel

11. Nov 2016

Danke. Das ermutigt sehr. und ist eine gute Sichtweise. Ich erinnere noch, dass sich früher viele Frauen und auch
ArbeitskollegInnen in der Kanzlei auf Fortsetzungsromane in Zeitungen und Illustrierten gefreut
gestürzt haben. - Stieg Larson (richtige Schreibweise weiß ich momentan nicht genau), in-
zwischen leider verstorben, hat ja auch drei sehr erfolgreiche Fortsetzungsthriller
geschrieben.

LG Annelie

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